Heiliger Stephanus und zweiter Weihnachtsfeiertag, Predigt von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

26. Dezember 2017; Wilfrid Schumacher (stadtdechant@katholisch-bonn.de)

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Scumacher am Fest des Heiligen Stephanus und zweiten Weihnachtsfeiertag. Die Predigt hielt Msgr. Schumacher in der Universitätsschlosskirche. (Das Bonner Münster ist seit dem 23. Juli 2017 aufgrund einer bevorstehenden Generalsanierung geschlossen.) Der Heilige Stephanus ist bekannt aus der biblischen Überlieferung der Apostelgeschichte und war einer der sieben Diakone der Gemeinde von Jerusalem. Das Neue Testament schildert ihn als einen Mann voll Gnade und Kraft und voll des Heiligen Geistes. Sein Bekenntnis und sein Glaube an Christus führte dazu, dass er vom Hohen Rat zum Tode verurteilt wurde. Er gilt als der erste Märtyrer des Christentums nach der Auferstehung Jesu.

 

Krippe und Kreuz

 

In einer von vielen Umfragen, die alljährlich vor dem Fest gemacht werden, erklärten viele der Befragten, sie wüssten nicht, was an Weihnachten gefeiert wird. „Der Todestag vom Weihnachtsmann“ – war nur eine der abstrusen Antworten. Bei einer Fernsehumfrage angesichts einer Krippe nach den Personen dieses Geschehens waren die Antworten noch schockierender: das Kind heißt wohl Josef, die Könige Pontius und Pilatus und Kaspar, da ist man sich ganz sicher, das Ganze war irgendwann „1400 vor Christus, vielleicht?“ und ereignete sich in Afghanistan – wo denn sonst?

 

Die Weihnachtsgeschichte ist nicht mehr allen vertraut: Zu ihr gehören Maria und Josef auf der Herbergssuche, der Stall von Bethlehem, Ochs und Esel, die frommen Hirten und die Gloria singenden Engel, und natürlich das neugeborene Kind in der Krippe, von dem ein wunderbarer Zauber ausgeht.

 

Das klassische Weihnachtsbild ist ein Bild des Friedens und der Harmonie, ein Bild der Liebe und des Lichtes. Dunkle Gestalten kommen darin nicht vor. Der herzlose Herbergswirt, der das heilige Paar abgewiesen hat, ist nur eine Marginalie.

 

Weihnachten rührt die Menschen an – selbst die, die nicht mehr wissen, was gefeiert wird. Es scheint, dass dieses Fest die guten Kräfte weckt, die in jedem schlummern. Die Sehnsucht nach Frieden und Harmonie drängt sich in den Vordergrund und der Streit und Konflikt wird noch schmerzhafter empfunden als sonst im Jahr. Nicht wenige wollen im Umfeld des Festes durch eine Spende die Not von anderen lindern helfen. Weihnachten ist immer noch ein Fest des menschlichen Herzens.

 

Das ist die eine Seite von Weihnachten, die anrührende, stimmungsvolle Seite, die man in Gemälden oder Krippenspielen künstlerisch darstellen und ausschmücken kann. Aber es gibt noch die andere, die uns am heutigen Festtag begegnet: der gesteinigte Stephanus. Sein Gedenken am Zweiten Weihnachtstag gehört mit zum Weihnachtsfest auch wenn es die „schöne“ Stimmung von gestern zu stören scheint.

 

Ich denke an eine Darstellung des Jesuskindes auf dem Türflügel des Sakramentshauses in der Bernauer Marienkirche in Brandenburg.

Da sieht man das Jesuskind, nackt wie auf vielen Krippenbildern. Aber Statur und Gesichtszüge sind eher die eines Erwachsenen. Und es hält ein Kreuz. Oft begegnet uns das Kreuz mehr oder weniger versteckt in Weihnachtsszenen. Hier aber präsentiert, ja umarmt das Christkind sein Marterholz, hat es von Anfang an „dabei“.

 

Natürlich ist dieses Kreuz schön klein und irgendwie kindgemäß. Aber wenn man es länger betrachtet, verliert es alle Harmlosigkeit. Wir wissen, das Kreuz war in der antiken Welt ein Hinrichtungs-Instrument, ein Galgen für einen grausamen Tod. Kind und Kreuz passen nicht zusammen. Niemand war damals so unmenschlich, dass er ein unmündiges Kind zum Kreuzestod verurteilte.

 

Was aber soll eine solche Darstellung?  - Kind in der Krippe, von dem wir vorhin gesagt haben, dass sein Geburtsfest die guten Kräfte des menschlichen Herzens weckt, wird zum Skandalon, zu einem Ärgernis werden, „und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird“.  Herodes wittert in ihm einen politischen Nebenbuhler, den er mit allen Mitteln zu beseitigen trachtet.

 

Das Gottesbild, das Jesus eines Tages verkünden wird, ist weniger von Gesetzlichkeit als von Freiheit und Liebe bestimmt. Es wird ihm den Vorwurf der Gotteslästerung einbringen.

Ganz abgesehen von dem Ärgernis, das Jesus mit seinem Anspruch erregt: Durch mich macht der Vater kund, was er wirklich von den Menschen erwartet. So betrachtet ist das Kreuz schon eher ein Attribut dieses Kindes als die Krippe.

 

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir vor dem Kind in der Krippe bekennen: Wir können nicht sagen, dass wir alle längst seine Brüder und Schwestern geworden sind, erfüllt von der Gesinnung der Güte und der Menschenfreundlichkeit, wie Paulus sie diesem Kind zuspricht!

 

Solange Menschen auf dieser Erde gesteinigt werden, solange es Krieg und Terror gibt, Menschen, die verhungern während sich die Tische anderer vor Überfluss biegen, solange das Recht gebeugt wird, Menschen benachteiligt werden wegen ihrer Rasse, ihres Geschlechtes, ihrer Religion – solange muss das Kind das Kreuz tragen, muss es dieses Fest am 2.Weihnachtstag geben.

 

Aber: wo immer das Kind von Betlehem die Herzen rührt und zu Werken der Liebe anregt, hat Weihnachten einen guten Teil seines Sinnes erfüllt. Nur zufrieden sein dürfen wir damit nicht – dafür sorgt Stephanus, jedes Jahr. Gott sei Dank.

  

Aus der Apostelgeschichte (Apg 6, 8-10; 7, 54-60)

 

In jenen Tagen Tat Stephanus, voll Gnade und Kraft, Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Doch einige von der so genannten Synagoge der Libertiner und Zyrenäer und Alexandriner und Leute aus Zilizien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen. Als sie das hörten, waren sie aufs äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

 


Aus dem Evangelium des Evangelisten Matthäus (Mt  10,17-21)

 

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Nehmt euch aber vor den Menschen in acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt, damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt. Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden. Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.

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