Silvester/Neujahr, Predigt des Stadtdechanten

31. Dezember 2017; Reinhard Sentis

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher an Silvester, Sonntag, 31. Dezember 2017. Die Predigt hielt Msgr. Schumacher in der Universitätsschlosskirche. (Das Bonner Münster ist seit dem 23. Juli 2017 aufgrund einer bevorstehenden Generalsanierung geschlossen.)

 

Ein glückliches Neues Jahr

 

Verschenken Sie auch an Neujahr ein Glücksschwein aus Marzipan, einen Glücksklee oder einen Glückscent, um anderen ein glückliches Neues Jahr zu wünschen?

 

Glück – das ist ein hohes Gut. Das wurde mir wieder einmal bewusst als ich vor wenigen Wochen in der Zeitung las, dass wieder einmal in einem Land eine Glücksministerin ernannt wurde. Das ist kein Scherz. Das kleine asiatische Land Bhutan hat schon vor vielen Jahren Glück zum Staatsziel erhoben. Ein Ministerium wurde eingerichtet, das die Gesetze daraufhin untersucht, welche Auswirkungen sie auf das Glück der Menschen haben und wie Leid gemindert werden kann. Neben dem Bruttosozialprodukt wird dort auch das Bruttosozialglück gemessen.

 

Ich war auch versucht, den Kopf zu schütteln, und entschied mich dann doch, ein wenig über das Glück nachzudenken und es zum Thema der Predigt zum Jahreswechsel zu machen. Was meinen wir, wenn wir uns sein “glückliches Neues Jahr” wünschen?

 

Wir könnten es uns einfach machen: Glück kann man nämlich messen. Die Mediziner sagen: Der Zustand des Glücks basiert auf der Ausbreitung von Endorphin. Endorphin bewirkt, dass vermehrt der Neurotransmitter Dopamin im Körper verteilt wird. Das verstärkte Empfinden von Glück, Freude und Zuversicht wird auf eine verstärkte Ausschüttung von Dopamin zurückgeführt. Aber damit ist unsere Frage nicht beantwortet – oder wünschen Sie jemandem, dass er viele Glückshormone ausschttet?

 

1. Bausteine des Glücks

 

Fragen wir die Bibel: Über 100 mal kommt der Begriff „Glück und glücklich“ in der Bibel vor. Es fällt auf, dass „Glück und gelingendes Leben“ in Beziehung stehen. Da lesen wir ich dann: "Glücklich ist, wer einen Freund gewonnen hat", oder: "Glücklich ist, wer eine kluge Frau, wir können auch sagen, einen guten Mann hat." Oder: "Glücklich ist, wer Freude an seinen Kindern hat".(Sirach 25). Im Buch der Könige heißt es: Das Volk von Juda und Israel war zahlreich wie der Sand am Meer. Es hatte zu essen und zu trinken und war glücklich. (1 Kön 4,20)

 

Bausteine des Glücks sind elementare Dinge des Lebens wie Nahrung, Freundschaft und gute familiäre Beziehungen. Wenn wir uns ein „glückliches Neues Jahr“ wünschen, dann, dass wir im alltäglichen Leben immer genügend dieser Bausteine des Glücks vorfinden.

 

2. Glück ist Geschenk

 

Der Herr war mit Josef und so glückte ihm alles. (Gen 39,2) heißt es im ersten Buch der Bibel. Wer auf das Wort des Herrn achtet, findet Glück; wohl dem, der auf ihn vertraut, lesen wir ihm Buch der Sprüche (Spr 16,20)

 

Glück hat viel zu tun mit einer intakten Beziehung zu Gott. Man kann es nicht kaufen und nicht selbst schaffen: wie viele wesentliche Dinge im Leben ist Glück auch ein Geschenk. Es wurzelt in Gott. Das Leben gelingt, das Leben glückt aus der Sicht Gottes auch dann, wenn die scheinbar offensichtlichen Attribute des Glücks fehlen. Bert Brecht schreibt: „Ja, renn nur nach dem Glück / doch renne nicht zu sehr / denn alle rennen nach dem Glück / das Glück rennt hinterher.“

 

Nein, ich muss nicht dem Glück hinterherhetzen und es doch immer wieder verpassen: denn das Glück erschöpft sich nicht in materiellen Gütern, es ist nicht nur von dieser Welt. Auch dann, wenn ich nicht das Glückslos ziehe, wenn ich mich nicht im Media-Markt glücklich kaufe oder bei Zalando vor Glück schreie, kann ich glücklich sein, denn ich bin so wie ich bin von Gott geliebt und angenommen.

 

Deshalb ist mein Leben ist sinnvoll, wertig und erfüllt. Dieses Glück ist immer schon da. Es muss nur wie ein kostbarer Schatz gehoben/geborgen werden. Wenn wir uns ein glückliches Neues Jahr wünschen, dann wünschen wir uns diese Erfahrung.

 

3. Glück als Kriterium meiner Entscheidung

 

Schauen wir noch einmal auf das Himalaya-Land Bhutan, wo die Politik nach dem "Bruttonationalglück" ausgerichtet wird. Das Land fragt seine Bürger regelmäßig nach ihrem Wohlbefinden, eine Kommission unterzieht wirtschaftliche Projekte einem "Glückscheck". Schadet ein Bauvorhaben beispielsweise zu sehr der Umwelt, wird es verworfen – wirtschaftlicher Nutzen hin oder her.

 

Ich bezweifle, ob das in unserem Land so möglich wäre. Aber für unser persönliches Handeln könnte es schon ein Kriterium sein. Macht mich die Entscheidung auf die Dauer glücklicher? Für Ignatius von Loyola war es wichtig sich vor Entscheidungen zu fragen: Bringt mir die Entscheidung auf die Dauer und nicht nur für den Moment „Trost“ oder "Untrost".

 

„Untrost“ bedeutet: innere Unruhe, Hoffnungslosigkeit, Getrenntsein von Gott, den anderen und mir selbst, Zweifel und Hass gegenüber mir selbst und anderen, innere Trockenheit, Lähmung. "Trost" dagegen bewirkt das Gegenteil: innere Harmonie, Gleichklang und innere Freude, Freiheit, Mündigkeit, Frieden und Lebensdynamik. Echten Trost erfahre ich, wenn ich mit Gott unterwegs bin. Für „Trost“ könnten wir auch „glücklich“ sagen.

 

Ich bin versucht, zu sagen: Das schaffen wir auch selbst – ohne ein Glücksministerium. Wenn wir uns ein Glückliches Neues Jahr wünschen, dann eben Dies: dass uns das gelingt – so unsere Entscheidungen zu treffen und unserem Leben eine Richtung zu geben.

 

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