Gerechtigkeit

Stadtkrippe am 1. Advent

 

Ein Schiff steht im Mittelpunkt der Adventszeit 2015 im Bonner Münster. Ein Schiff hängt an der Stelle des Adventskranzes über dem Altar und erinnert an ein sehr altes Adventslied, das an den Ufern des Rheins entstanden ist: „Es kommt ein Schiff geladen“. Sie ahnen, welche teure Last es bringt.

 

An die Ankunft eines Schiffes sind oft Sehnsüchte geknüpft. An Bord ist lang erwartete Fracht. Sättigendes Getreide, kostbare Gewürze, edle Hölzer. Briefe mit Nachrichten von fernen Angehörigen. Die Besatzung, die zurückkehrt. Das Schiff verbindet, was getrennt ist – und wenn es nur die Ufer eines großes Stromes sind.

 

„Es kommt ein Schiff geladen“ – das ist auch die Botschaft für die Menschen in unserer Stadt. Es sind Menschen von heute, die auf einem großen Bildschirm ähnlich den großen Werbetafeln im Straßenbild, sehen können, was sie von diesem Schiff erwarten dürfen: GERECHTIGKEIT!

 

„Sorgt für Recht und Gerechtigkeit“ ist eine immer wieder kehrende Mahnung in der Bibel. (Jeremia 22,3). Gott steht auf der Seite der Armen und Schwachen, der an den Rand gedrängten und Ausgeschlossenen. Sie haben einen Anspruch auf Hilfe, Teilhabe und Gerechtigkeit.

 

Gerechtigkeit darin besteht, jedem das seine zu geben. Es geht nicht darum, das, was andere geleistet oder nicht geleistet, verdient oder nicht verdient haben, buchhalterisch aufzurechnen, sondern es geht darum, was der Einzelne braucht und was die Gemeinschaft, was alle brauchen. Das erste Bild unserer Stadtkrippe zeigt beispielhaft, dass es in unserer Gesellschaft viele ungerechte Situationen gibt, die nach Gerechtigkeit schreien.

 

Der Mann, der einem Farbigen ein Fußtritt gibt, der ihn mit körperlicher Gewalt oder mit kraftvollen Worten wegschickt. Der Flüchtling, der Andere, der nicht willkommen ist. Rund die Hälfte der Bundesbürger hat Angst wegen der großen Flüchtlingszahl. Einige äußern ihre Ablehnung unverhohlen und durchaus militant.

 

Der Obdachlose, der unbeachtet von den Besuchern eines Cafés am Straßenrand liegt. Schätzungsweise 300.000 Menschen verfügen in unserem Land über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Rund 24.000 von ihnen leben auf der Straße. Die zunehmende Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten und der extrem angespannte Wohnungsmarkt sind hauptsächlich für den massiven Anstieg der Wohnungslosigkeit verantwortlich.

 

 

Eine Prostituierte bietet einem Freier ihre Dienste an. Es gibt mehrere Faktoren, die Frauen in die Prostitution treiben und sie die ungerechten Bedingungen hinnehmen lassen. Zum einen werden Frauen mit falschen Job-Versprechungen im Heimatland angeworben, mit Hilfe derer sie nach Deutschland gelockt und dann hier in die Prostitution gedrängt werden. Oftmals sind es wirtschaftliche Gründe, fehlende gesellschaftliche Partizipation und eine so starke Hoffnungslosigkeit, dass sie oftmals keinen anderen Ausweg sehen, als sich zu prostituieren. Jedoch werden sie dann in der Prostitution ausgebeutet und zur „Ware“ degradiert.

 

Drei Beispiele für Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft.

Aber entdecken Sie in unserer Krippe auch das Gegenteil. Sie sehen den Rollstuhlfahrer, für den die Töpferin ihren Tisch gedeckt hat, und zu dem selbst Beethoven von seinem Sockel gestiegen ist, um auf Augenhöhe und nicht von oben herab mit ihm zu sprechen und vielleicht auch zu musizieren.

 

Gerechtigkeit bedeutet Teilhabe.

 

Ganz unbemerkt von der Stadtgesellschaft tritt im Hintergrund ein Engel in die Szene. Nur die Kinder haben ihn wahrgenommen. Was findet er vor in unserer Stadt?

 

Es kommt ein Schiff geladen – was erwarten Sie von diesem Schiff?