1. Advent - Warten, Predigt

27. November 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Ersten Advent, Sonntag, 27. November 2016, im Bonner Münster

 

WARTEN

 

Warten Sie auch so ungern? – Ob im Wartezimmer des Arztes, oder vor einer schwierigen Prüfung, ob vor vielen roten Ampeln oder auf zugigen Bahnsteigen - ich empfinde Warten als unangenehm. Da warten Verliebte auf den ersten Kuss. Eltern auf die Geburt ihres Kindes (Wer ist dieses Kind? Wird das Kind gesund sein? Werden wir unserer Aufgabe gewachsen sein?). Der fiebernde Kranke auf den Morgen nach der schwer auf seiner Seele lastenden Nacht. Der alte Mensch auf das einzig noch Sichere - den Tod.

 

Warten! Nicht selten ist es uns unangenehm, weil wir es verlernt haben. Wer wartet schon auf das Reifen der Früchte - stattdessen greifen wir zur Tiefkühltruhe. Wer schickt in dringenden Fällen noch einen Brief auf die Reise, Fax oder E-Mail verkürzen alle Fristen. Wer lässt noch eine Beziehung reifen, heute oder nie ist oft die Devise.

 

Wir haben das Warten verlernt. - Da werden Wartezeiten schnell zum ungeliebten Luxus, denn Zeit ist ja bekanntlich Geld. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es auch mit dem Advent so schwierig geworden ist.

 

Da war vor vielen Jahren in der ZEIT zu lesen: „Wie die Zeit vergeht! Noch hat der Hamster nicht in seinen Winterschlaf gefunden, da röstet man an allen Ecken schon die Zuckermandeln und schenkt klebrigen Glühwein aus. Der Mensch sieht die Tage verrinnen, und Panik packt ihn ärger als eine Virusinfektion. Advent, der Monat der Besinnung? Daran glaubt höchstens der Pastor. Gehetzter die Antlitze von Tag zu Tag, rasender die Geschäftigkeit, wie ein Blick in jeden Terminkalender beweist. Kollektives Stöhnen am Telefon: ‚Vor Weihnachten? Ausgeschlossen!‘ Vor Weihnachten drehen sie alle durch.“

  

Die stillste Zeit will der Advent sein, und tatsächlich hat es draußen in der Natur den Anschein, das Leben versorge nach Blüte, Reifung und Ernte seinen Haushalt und begäbe sich zur Ruhe; allein der Mensch setzt in diesen letzten Takten der Jahressymphonie noch einmal zu einem gewaltigen Finale furioso an und erzielt Rekordumsätze.

 

Die besinnlichste Zeit des Jahres will der Advent sein, aber nur allzu leicht gerät uns die Besinnlichkeit zur vordergründigen Sinnlichkeit: Anstatt uns zu sammeln, verflüchtigen wir uns zwischen süßen Punsch- und Honigdüften und machen mit tausenden bunten Lichtern auch noch die Nacht zum Tag.

 

Die Zeit stiller Vorfreude auf Weihnachten will der Advent sein und erfüllt doch die Herzen vieler Menschen mit banger Unruhe: Habe ich bei meinen Einkäufen, bei meiner Post auch niemanden vergessen? Wenn nur der Weihnachtsabend schon vorüber wäre. Hoffentlich geht alles gut, ohne Streit und Peinlichkeit in der Familie. Oder ohne mich meine Einsamkeit allzu sehr spüren zu lassen - je nachdem. Wer hält das noch aus?

 

Advent, das ist die Wartezeit, - zumindest für die Christen! Bei all dem Trubel, bei all den Vorbereitungen spüre ich, alles das ist es nicht, um was es wirklich geht in diesen Wochen. Es geht um ein Ereignis, das ich kaum fassen und erst recht nicht machen kann. Uns wird Warten, reinstes Warten zugemutet, weil sich die große Ankunft, besser noch die Zukunft, die uns im Advent angesagt wird - nicht mit unserer eigenen Kraft vorbereiten und herbeizwingen lässt, sondern weil sie sich nur erwarten und annehmen lässt - wie ein freies, ungeschuldetes Geschenk.

 

Uns wird ein Warten zugemutet, das wir nicht überbrücken können, nicht mit hektischer Vorbereitung, noch mit einer nützlichen Beschäftigung, noch mit verspieltem Zeitvertreib. Wem dies bewusst wird, der hört plötzlich die Worte aus der Schrift mit anderen Ohren:

„Bedenkt die gegenwärtige Zeit“, hieß es da im Römerbrief und „die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe“. Der Herr selbst mahnt uns im Evangelium: „Seid wachsam!, Haltet Euch bereit, denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht vermutet!“.

 

Es ist nicht damit getan, die Vorsätze des letzten Jahres einzulösen: dieses Jahr die Geschenke eben Geschenke sein zu lassen, um die Zeit des Einkaufes einzusparen; die Weihnachtsfeier an der Arbeitsstelle zu schwänzen, Aufträge abzulehnen, und und und ... und sowieso früher ins Bett zu gehen.

 

Es geht nicht um eine Korrektur des Terminkalenders - der Advent lädt ein zu einer tieferen Korrektur, zur Umkehr, zu einer neuen Ausrichtung auf den, von dem wir glauben, dass er kommen wird und auf dessen Ankunft sich alles Warten lohnt. Nur von dort her, wird es möglich sein, anders mit der eigenen Zeit umzugehen.

 

Dann könnten Dialoge überflüssig werden, wie der den Momo mit Meister Hora in Michael Endes Buch „Momo“ führt: „Meister Hora, könntest du es nicht ganz einfach so einrichten“, fragte Momo, „dass die Zeit-Diebe den Menschen keine Zeit mehr stehlen können?“ „Nein, das kann ich nicht“, antwortete Meister Hora, „denn was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen.“

Amen.

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