10. Jahrestag des Weltjugendtages 2005, Predigt

16. August 2015; Wilfried Schumacher

Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

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Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, zum 10. Jahrestag der Eröffnung des 10. Weltjugendtags (2005) im Gottesdienst am Sonntag, 16. August 2015, im Bonner Münster.

 

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Als wir vor einigen Wochen zum ersten Mal darüber nachdachten, zehn Jahre Weltjugendtag feiern, bekamen wir schon die eine oder andere kritische Anfrage: was es denn da zu feiern gäbe?

 

Nun ist der Rheinländer nie verlegen, wenn es darum geht Anlässe zum Feiern zu finden, aber die Erinnerung an besondere Ereignisse im Leben gehört mit zu unserer jüdisch-christlichen Tradition und die Erinnerung an den Weltjugendtag vor zehn Jahren kann uns aus drei Gründen heraus durchaus gut tun und wichtig für uns sein:

 

1. Im Hinblick auf unser Leben in unserer Stadt

 

Wenn ich an den Weltjugendtag zurück denke, den ich eher arbeitend als feiernd erlebt habe, dann erinnere ich mich an die fast 20.000 Männer und Frauen, die sich in unserer Stadt ehrenamtlich für dieses Ereignis engagiert haben, das über 100.000 Menschen in unserer Stadt zusammenführte. Dann denke ich an eine beispiellose Kooperation von Stadtverwaltung, Kirche, Stadtwerken, Rettungsdiensten, Polizei und anderen Institutionen, die sich auch im Vergleich mit anderen Städten sehen lassen. Einer unserer Lieblingssätze damals war "geht nicht, gibt es nicht!“ Wir haben nachher bei der Begegnung im Kreuzgang gewiss Gelegenheit die ein oder andere persönliche Erinnerung auszutauschen.

 

Wenn ich zur Zeit auf unsere Stadt schaue, wie sich träge dahinschleppt, und in der das Interesse einzelner oft über dem Gemeinwohl steht, dann bin ich schon fast versucht zu sagen, unsere Stadt bräuchte alle zehn Jahre solch einen Event wie den Weltjugendtag, bei denen viele mit anpacken und für ein gutes Gelingen sorgen.

 

Wir Christen haben Verantwortung für diese Stadt - die können wir nicht einfach bei den Wahlen an die Politiker gleich welcher Partei auch abgeben. Denn wenn wir auf die Geschichte der Christen schauen, dann ist das Christentum von Anfang an eine Stadtreligion gewesen. Obwohl es ursprünglich vom Land kam und Jesus selbst die Stätte seiner Heimat gemieden hat, waren es die bedeutenden Metropolen des Römischen Reichs, in denen erste christliche Gemeinden wie Pilze aus dem Boden schossen - angefangen in Jerusalem bis hin zur damaligen Welthauptstadt Rom.

 

Die Geschichte des Apostels Paulus und seine Briefe zeigen, dass dies nicht ohne Konflikte und Schwierigkeiten geschah. Christen mussten sich neben vielen anderen Religionen in den Städten des römischen Reiches behaupten. Die urchristliche Identität bildete sich nicht selten Kontrast zum ganz alltäglichen gesellschaftlichen Verhalten und mündete schon am Ende des ersten Jahrhunderts in der theologischen Vorstellung einer „neuen Stadt“, die der Seher Johannes in den letzten Kapiteln des neuen Testaments aufgeschrieben hat.

 

In dieser Stadt aus Glas, Gold und Edelsteinen gibt es keinen Lug und keinen Trug, keine Korruption, keine Mord und keinen Rufmord, dort wird niemand über den Tisch gezogen und keiner übers Ohr gehauen, keinen Neid gibt es dort und keine Eifersucht, keine Mächtigen und keine Ohnmächtigen.

 

Wir müssen mit an dieser Stadt bauen - nicht irgendwo in Utopia, sondern hier mitten in unserer Stadt, wohin Gott uns gestellt hat! Papst Franziskus sagt: „Das Antlitz einer Stadt ist wie ein Mosaik, dessen Steinchen all diejenigen sind, die in ihr wohnen. Sicherlich trägt derjenige, der ein Amt bekleidet, größere Verantwortung, aber jeder von uns ist mitverantwortlich, im Guten wie im Schlechten.“ Wir müssen unsere Stadt lebbar und einladend machen, immer wieder neu – das bleibt für mich 10 Jahre nach dem Weltjugendtag in dieser unserer Stadt.

 

2. Im Hinblick auf die Kirche

 

Wenn wir auf die Kirche der letzten zehn Jahre schauen, dann sehen wir das Versagen vieler Amtsträger - jene die sich in schändlicher Weise an Kindern und Jugendlichen vergangen haben und jenen, der hinsichtlich der Gestaltung seiner persönlichen Umgebung jedes Maß verloren hatte. Unsere Kirche musste herabsteigen vom hohen Ross der Untadeligkeit und sich schmerzvoll eingestehen, dass ihr die Menschen davonlaufen, weil sie ihr nicht mehr vertrauen.

 

Wir haben inzwischen einen Papst, dem eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, lieber ist „als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit […] krank ist.“ (EG 49) Papst Franziskus will „keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein.“ (EG 49)

 

Der Weltjugendtag hat die Kirche feiernd zusammengeführt. Das brauchen wir! „Wer glaubt ist nicht allein!“ Wenn wir nach Rom schauen, dann erleben wir das da auch. Dieser Papst fasziniert die Massen; aber er lässt nicht nach darin, sie aus der Mitte an die Ränder zu schicken.

 

Ein Papst, der als erste Reise auf die Insel Lampedusa fährt und Duschen für die Obdachlosen auf dem Petersplatz einrichtet, ist anstrengend, weil er uns nicht in Ruhe lässt. „Die Kirche darf den Schrei der Armen nicht ignorieren“, ruft er uns zu und macht uns vor, was er meint, wenn er sagt: „Hinausgehen, helfen“. Statt zu empfangen, hinausgehen. Statt darauf zu warten, dass die anderen zu uns kommen, auf sie zugehen.

 

Franziskus will, dass wir hinausgehen, um Gott und den Menschen zu begegnen, um zuzuhören, um zu segnen, um gemeinsam Wege zu gehen. Das ist letztlich ein Paradigmenwechsel kirchlichen Handelns- das schafft niemand allein, ich nicht und Sie auch nicht. Das können wir nur gemeinsam – wie vor 10 Jahren als wir den Weltjugendtag auf die Beine stellten.

 

3. Im Hinblick auf Gott

 

„Wir sind gekommen, um ihn anzubeten“ – so lautete das Motto des Weltjugendtags. In der Anbetung wendet sich der Mensch bewusst dem Schöpfer zu, der ihn geschaffen hat. In der Anbetung wird die Welt, die große und meine kleine Welt, so wie sie ist, Gott übergeben. Die Welt wird nicht gespalten in Gut und Böse, in Richtig und Falsch. Sie gehört ihm und keinem der Götzen dieser Welt, die wir so gern verehren und anbeten.

 

Die Anbetung des wahren Gottes stellt einen wahren Akt des Widerstandes gegen jegliche Form des Götzendienstes dar, sagte damals Papst Johannes Paul II. in seiner Einladung zum Weltjugendtag. In der Anbetung wird das Leben offen gehalten auf seine letzte Bestimmung. Wer Gott anbetet, nimmt Abschied von den selbstgemachten Zielen, und fragt stattdessen nach dem, was Gott von ihm erwartet. Anbetung wird so zum Ausdruck der Freiheit der Kinder Gottes.

 

So wie die Anbetung aus dem Leben in der Welt heraus geschieht, so führt sie auch in die Welt zurück. Die heilige Edith Stein schreibt in einem Brief. „Je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muss er auch in diesem Sinne aus sich herausgehen, d.h. in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen.“ Anbeten und dienen: sind zwei Haltungen, die nicht voneinander getrennt werden können, sondern stets zusammengehören. „Den Herrn anbeten und den anderen dienen und nichts für sich behalten“ (Papst Franziskus)

 

Von unserer Stadt aus ist Nightfever in den letzten zehn Jahren rund um die Welt gegangen und inzwischen wohl auf allen Kontinenten als eine Form der Anbetung etabliert. Auch deshalb lohnt es sich, heute zehn Jahre Weltjugendtag zu feiern.

 

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