2. Fastensonntag, Fastenpredigt

21. Februar 2016; Michael Bollig

Fastenpredigt von Msgr. Dr. Michael Bollig, Regens des Priesterseminars St. Lambert, Lantershofen, am 2. Fastensonntag, 21. Februar 2016, im Bonner Münster

 

„Die Fesseln sprengen! – Gottes Leidenschaft für alle Gefangenen“

  

Liebe Schwestern und Brüder,

 

das gegenwärtige Heilige Jahr steht unter dem Motto der Barmherzigkeit. Die geistliche Tradition der Kirche kennt die leiblichen Werke der Barmherzigkeit. Gerade in der Fastenzeit sind diese aktuell. Sie nehmen das Wort Gottes ernst, das uns der Prophet Jesaja überliefert, wenn er schreibt:

 

„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen in Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. (Jes 58,6ff.)

 

Mit diesen Worten offenbart sich Gott selbst als der Gott der Freiheit, der herausführt aus Sklaverei und Gefangenschaft und der uns selber dazu einlädt, seine Freiheit zu suchen und alle Gefangenen nicht alleine zu lassen.

 

Die sogenannten leiblichen Werke der Barmherzigkeit entspringen der mittelalterlichen Frömmigkeitsgeschichte. Sie wurden in einer Zeit formuliert, in der es noch keine sozialen Sicherungssysteme gab. Gelebte und erfahrene Barmherzigkeit war damals für viele Menschen die einzige Chance, in Notsituationen zu überleben. Vor diesem Hintergrund gewann das barmherzige Handeln am Nächsten eine besondere Bedeutung.

 

Heute ist das nicht mehr so. Heute sind Menschen zur Sicherung ihrer Grundbedürfnisse in der Regel nicht mehr nur auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen. Das ist gut so.

 

Man kann einen Sozialstaat nicht auf dem Prinzip der Barmherzigkeit aufbauen. Vielmehr muss er auf Recht und Gerechtigkeit gründen und sich nähren aus einer Gesetzgebung, die nicht mehr auf die Werke der Barmherzigkeit allein angewiesen ist.

 

So wirken die sogenannten leiblichen Werke der Barmherzigkeit heute auf uns eher antiquiert. Sie scheinen Relikte einer Frömmigkeit vergangener Zeiten zu sein. So ist es auch mit dem leiblichen Werk der Barmherzigkeit, das wir heute Abend miteinander bedenken wollen: Gefangene besuchen.

 

Es ist sicherlich auch heute noch im Sinne der Barmherzigkeit verdienstvoll, sich um Gefangene zu kümmern. Allerdings ist dies etwas, das eher weit von unserem Alltag entfernt ist. In Gefängnisse zu gehen und Gefangene zu besuchen ist schon ein außergewöhnlicher Schritt und wahrscheinlich im Einzelfall auch gar nicht so leicht.

 

Und doch steckt in diesem Tun, wenn es richtig verstanden wird, eine große menschliche Tiefe. Mehr noch als das bloße Besuchen, ginge es hier um die Haltung, einem gefangenen Menschen gegenüber. Wie sehe ich ihn? Sehe ich ihn zunächst aus der Perspektive seiner Schuld? Und wenn ja, kann ich ihm dann überhaupt frei begegnen?

 

Gibt es in mir nicht oft genug das innere Urteil über ihn, über sein Versagen, über sein Fehlverhalten, über seine Schuld? Und liegt nicht darin die große Versuchung, sich innerlich über einen solchen gefangenen Menschen zu erheben, auf ihn herab zu schauen und verdeckt vielleicht dem Gedanken zu begegnen, dass dieser Mensch ja eigentlich verdient hat, was er als Gefangener erlebt. Schließlich ist er nicht einfach so ein Gefangener geworden. Sein Gefangensein ist Frucht seines Tuns. Er hat es zu verantworten. Schließlich hat er versagt, ist zum Täter geworden, hat u.U. unschuldige Menschen durch sein Verhalten verletzt, so dass er jetzt die verdiente Strafe bekommen hat.

 

Einen Gefangenen so zu sehen, heißt letztlich, ihn in seinem Gefangensein zu bestätigen, einmal mehr zum Richter über ihn zu werden, ihn auf seine Schuld und sein Versagen festzulegen.

 

Der barmherzige Blick auf den Gefangenen sieht anders aus. Der barmherzige Blick sieht den Menschen in seiner Schwachheit, seiner Ohnmacht, seiner Hilfsbedürftigkeit.

Der barmherzige Blick versucht zu verstehen, nicht zu richten. Er sieht hinter dem Tun und Versagen die möglicherweise verletzte Person, die nicht anders konnte als in dieser Situation so oder so zum Täter zu werden. Der barmherzige Blick sieht die Geschichte dieses Menschen und versucht sie zu begreifen und zu verstehen.

 

Barmherzigkeit reduziert nicht, sie legt nicht fest, sie mauert nicht ein, sie zementiert nicht die Situation von Schuld und Versagen, sondern sie hält die Schneise des Menschlichen offen, gerade in solchen Situationen, gerade gegenüber einem solchen Menschen, auf den die anderen oft nur richtend herabschauen.

 

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ so heißt es in unserer Verfassung. Auch die Würde jenes Menschen, der versagt hat, der eine bestimmte Lebenssituation nicht richtig meistern konnte, ja, mit dem das Leben irgendwie durchgegangen ist, weil es an einem Punkt plötzlich zu viel wurde, weil er es nicht mehr ertragen konnte, es nicht mehr geschafft hat, weil er überfordert war, sich verrannt hat und vielleicht deshalb Fehler gemacht hat. Auch die Würde eines solchen Menschen ist unantastbar. Es geht darum, hinter jedem Tun und Versagen, die Würde des jeweiligen Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.

 

Einen Gefangenen besuchen als Werk der Barmherzigkeit heißt deshalb, den Menschen sehen, sein verwundetes Herz, seine quälende Scham, seine Peinlichkeiten, die tief sitzen, weil er allein schon als Gefangener ein Stigmatisierter in den Augen der Gesellschaft ist. Aber er ist ein Mensch, unser Bruder und unsere Schwester, nicht schlechter als wir, sondern vielleicht weniger vom Leben verwöhnt, weniger vom Leben mit guten Chancen und guten Voraussetzungen beschenkt.

 

Das wir nicht zu Gefangenen wurden, ist vielleicht auch zu einem guten Teil Glück, Glück, das uns zugefallen ist. Das Schicksal, dass es mit uns eben gut oder besser gemeint hat, als mit anderen. Umstände, in die wir hineingeboren wurden, ohne dass wir sie uns aus eigenen Kräften verdient hätten. Deshalb sind wir nicht besser als jene, die gefangen sind. Wir sind nicht besser, sondern wir haben es besser.

 

Und – liebe Schwestern und Brüder - tiefer geblickt: Sind wir nicht alle irgendwo und irgendwie Gefangene?

Wer von uns ist wirklich frei? Wer von uns kann wirklich von sich sagen, nicht in Abhängigkeiten zu stecken, die ihn bisweilen quälen und belasten? Nicht mit Schuld beladen zu sein, die uns bisweilen einengt? Wer von uns verfügt schon über sich selbst? Wir verlieren immer wieder die Kontrolle und geraten in Situationen, in denen wir uns unserer eigenen Erbärmlichkeit, Schwachheit und Ohnmacht nur allzu gut bewusst werden? Deshalb sind wir auch Gefangene und haben allen Grund, uns solidarisch zu fühlen mit denen, die gefangen sind.

 

Die große Verheißung des Glaubens an Gott heißt: frei werden, die Gefängnisse sprengen, die inneren und die äußeren. Sich von Gott herausführen lassen auf den neuen Weg mit ihm. Loslassen, was Angst macht, einengt und die Freiheit nimmt. Vertrauen, dass es keine Gefangenheit geben kann, in der Gott nicht bei uns ist, an unserer Seite steht und uns seine nicht richtende sondern aufrichtende Liebe schenkt.

 

Es gibt einen Liedtext von Silja Walter, der diese Gedanken gut auf den Punkt bringt. Dort heißt es:

 

„Größer als alle Bedrängnis ist deine Treue, Herr.
Du sprengtest unser Gefängnis, du bringst uns das Neue, Herr.
Dein Leben will singen aus Tod und Misslingen. …

 

Größer als unser Versagen ist deine Treue, Herr.
Du hast ans Kreuz es getragen, du bringst uns das Neue, Herr.
Dein Leben will brechen aus unseren Schwächen. …

 

Groß wie du selbst ist geblieben, deine Treue, Herr.
Ewige Liebe muss lieben, du bringst uns das Neue, Herr.
Dein Herz will sich geben uns selber zum Leben.“

 

Amen.

  

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