20. Sonntag im Jahreskreis, Predigt des Stadtdechanten

17. August 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 20. Sonntag im Jahreskreis, 17. August 2014, im Bonner Münster


Seltsam, diesen Jesu kennen wir nicht. Dieses Verhalten trauen wir ihm nicht zu. Haben wir nicht gelernt und immer wieder gehört, dass Jesus bedingungslos gibt und heilt, dass er für jeden, der ihm über den Weg läuft, jederzeit da ist. Hier aber sehen wir, wie er an seine Grenzen stößt. Jesus verweigert sich.

Aber schauen wir genauer hin:

Jesus zieht sich zurück. Irgendwann erwischt es auch den „besten Menschen“. Die ständige Beanspruchung durch die Kranken, Armen, Hilflosen. Der dauernde Konflikt mit seinen Gegnern, die keine Situation auslassen, um ihn zu provozieren. Und schließlich die Jünger, die auch nichts zu verstehen scheinen. Da braucht man eine „Auszeit“, am besten im heidnischen Gebiet, wo man nicht zuständig ist.

Eine kananäische Frau, eine Heide wird ihm dabei lästig. Sie schreit hinter Jesus her. Diese namenlose Frau sieht in ihm einen, der rettet, der ihr Leben wieder ins rechte Lot bringen kann. Einer, von dem es heißt, er könne heilen, was nicht mehr zu heilen ist. Sie nennt ihn Kyrios, Herr, Sohn Davids, d.h. Träger der Verheißung.

Jesus überhört sie und als sich schließlich die Jünger einmischen, müssen sie hören, dass die Frau nicht in das Konzept Jesu passt. Sie entspricht nicht der Vorstellung, die er sich von seiner Aufgabe gemacht hat: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

Erst wenn das Volk Israel zu Gott heimgefunden hat, kommen auch die übrigen Völker zum Heil – durch Israel. Jesus steht ganz in der Tradition der alttestamentlichen Propheten: die Frau gehört nicht zum Volk, mit ihr hat er nichts im Sinn. Ich bin nicht zuständig, soll sie hingehen, wo sie hergekommen ist. Man fühlt sich fast in das Büro eines verknöcherten Beamten versetzt. Soviel Enge hätten wir Jesus nicht zugetraut.

Hartnäckig zwingt die Frau ihn in ein Gespräch. Die Ablehnung steigert sich noch einmal. Jesus tituliert sie mit dem gängigen Schimpfwort für Heiden, nennt sie einen „Hund“. Wer jetzt nicht erschrocken ist über den Mann aus Nazareth, der ist fromm abgestumpft.

Genauso verwundert einen das Selbstbewusstsein der Frau: wenn schon kein Kind, sondern Hund, dann wenigstens Haushund, der von den Abfällen an den Tischen lebt.

Das unerschütterliche Vertrauen entwaffnet den Herrn. Er vergisst alle Theologie, alle Ordnungen, alle Unterschiede. Er verlässt seine bisherige Marschroute und erfährt seine Sendung weiter als bisher: Der Heilsplan Gottes erstreckt sich auf alle Menschen.

Offensichtlich war es für Jesus ein echter Lernprozess, die jüdischen Glaubensgrenzen zu überwinden, in denen er aufgewachsen war, und zu jener Universalität zu finden, die schließlich für seine Botschaft kennzeichnend wurde.

Ein wesentliches Element jüdischen Glaubens war, dass Gott der Gott Israels war, und dass seine Liebe vorzugsweise oder gar ausschließlich Israel galt. Die anderen, die Nicht-Juden, waren auch für Gott die "Anderen". Es ist nicht ganz verwunderlich, dass auch Jesus zunächst in dieser Enge befangen war und sich für die "Anderen" nicht zuständig wusste.

Not und Glaube der Frau bringen Jesus in seinem eigenen Lebensplan ein Stück weiter. In der konkreten Situation erkennt er, was Gott von ihm will, erkennt er die neuen Konturen seines Weges. Der Weg heißt für ihn: ich will den Willen des Vaters erfüllen.
Der Hebräer-Brief formuliert es so: Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt (Hebr 5,8)

In der Begegnung mit einem konkreten Menschen kommen seine bisherigen Prinzipien ins Wanken und weitet sich seine Enge.

Vielleicht stört es einige, dass Jesus als Kind seiner Zeit, in der Enge jüdischen Denkens befangen war. Aber vor diesem Hintergrund wird seine ganze Größe offenbar: er hat den ursprünglichen Heilsplan Gottes, den jüdisches Denken zu sehr eingeengt hatte, wieder in seiner ganzen Universalität aufgezeigt: sein Gott ist der Gott aller Menschen, für den es die Grenzen nicht gibt, in die wir die Menschen einteilen.

Das Evangelium will uns Mut machen, uns wie der Herr auf neue Menschen, Situationen einzulassen und uns nicht abzuwenden nach dem Motto: „Der oder das passt mir nicht in den Kram“. Stattdessen offen zu sein und zu fragen: was will mir Gott in dieses Situation sagen, auf welchen Weg schickt er mich?

Das kann schmerzvoll sein, weil die Antwort mir vielleicht nicht in den Kram passt.
Das kann ungemütlich sein, weil das Leben dadurch unübersichtlich wird, nur das Ziel bleibt bestehen: den Willen des Vaters tun.

Auf jeden Fall bleibt das Leben dadurch spannend, weil wir nicht fertig sind mit uns selbst, mit den Menschen, mit der Welt, mit Gott – und weil wir nur so wie der Herr selbst den Gehorsam lernen dürfen.

 

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