27. Sonntag im Jahreskreis - Eröffnung des Stadtpatronefestes, Predigt des Stadtdechanten

5. Oktober 2014; Reinhard Sentis

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 27. Sonntag im Jahreskreis, 5. Oktober 2014, im Bonner Münster zur Eröffnung des Stadtpatronefestes.  Manuskript – Es gilt das gesprochene Wort.

 

„Auch wir sind gemeint!“

 

Die anderen, das sind die Bösen – kennen Sie das Gefühl auch? Da hört man all die furchtbar schrecklichen Dinge aus der Nachbarschaft und aus der weiten Welt und lehnt sich selbst zufrieden zurück. Ich tue so etwas nicht, mir kann das nicht passieren, ich bin dafür nicht verantwortlich.

 

So mag es den Leuten im Tempel von Jerusalem auch gegangen sein als beim Fest anlässlich der Weinlese der Prophet Jesaja als Sänger auftrat und vom Weinberg sang, den sein Freund angelegt hatte. So mögen die Zuhörer Jesu auch gedacht haben als Jesus im Tempel das Gleichnis von den Weinbergpächtern erzählte. Die anderen, das sind die Bösen.

 

Allerdings in unserem Evangelium, das wir eben gehört haben, fehlt der letzte Satz. Da heißt es: "Als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach." (Mt 21, 45).

 

Dieser Schlusssatz ist wichtig! Denn er lässt unsere Schlussfolgerung nicht zu: Nicht nur die anderen, auch  wir sind gemeint. Vorbei ist's mit der Gemütlichkeit! Es lohnt sich, drei Sätze genauer anzuschauen, die so verstanden unter die Haut gehen können.

 

1. Er hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit - doch siehe da: Der Rechtlose schreit.

Der große Vorwurf des Propheten heißt:  Recht und Gerechtigkeit werden nicht beachtet, zwei wichtige Elemente eines Gemeinschaftslebens, zwei Faktoren, die für ein gedeihliches Miteinander unbedingt notwendig sind. Und das konkretisiert er im Anschluss an dieses Lied vom Weinberg.

 

Da ist die Rede von der wirtschaftlichen Expansion der Großgrundbesitzer, die die wirtschaftlich schwächeren Kleinbauern rücksichtslos in die Verschuldung und in die Schuldsklaverei treiben, die Rechtsprechung wird umfunktioniert, der eigentlich Schuldige wird freigesprochen, der eigentlich Unschuldige verurteilt, von Bestechungsgeldern spricht der Prophet, von den Stärkeren und Mächtigen, die sich das Recht nehmen und die das Elend der Armen und Schwachen so festschreiben.

 

Man reibt sich die Augen, hört noch einmal hin: das sind Worte, die über 2500 Jahre alt sind. Es scheint, dass sich die Menschheit nie ändert.  Für Jesaja ist dies alles Zeichen des Abfalls von Gott, Beweis dafür, dass das Volk die Liebe, die Gott ihm geschenkt hat, nicht erwidert. Die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit wäre die Entsprechung dieser liebenden Zuwendung Gottes.  Papst Franziskus hält uns heute den Spiegel vor: "Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen".

 

Unsere Stadtpatrone sind "Heilige mit Migrationshintergrund". Sie kamen aus Ägypten nach Europa und lenken heute unseren Blick auf die vielen Flüchtlinge, die den Nahen und Mittleren Osten verlassen müssen, darunter auch viele Christen!  Das Boot Europa ist nicht voll. Nicht nur die anderen, auch wir sind gemeint, wenn es darum geht, den Schrei nach Gerechtigkeit zu hören.

 

2. "Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt."

Auch hier lauert die Versuchung, zu meinen, Jesus spreche nur vom Volk Israel, dass die Chance der Begegnung mit ihm verpasst hat. Aber seien wir nicht zu selbstsicher. Fragen wir uns lieber: " Bringen wir die erwarteten Früchte?"

 

Der neue Erzbischof von Freiburg hat in den letzten Tagen einen bedenkenswerten Satz gesagt: "Wir sind immer noch gewohnt den Erwartungshaltungen anderer zu entsprechen, Kirche zu machen, uns aufzureiben, bis wir selbst am Ende, ausgebrannt oder gar krank sind."

 

Er hat recht, die meisten in der Kirche leben Kirche wie vor 50 Jahren. Dazu gehören sogar die, die vor 50 Jahren noch nicht gelebt haben.

 

Aber die priester- und kleruszentrierte Kirche gibt es nicht mehr! Nicht nur weil es die vielen Priester nicht mehr gibt, sondern weil das Zweite Vatikanische Konzil von der "wahren Gleichheit in der allen Gläubigen gemeinsamen Würde und Tätigkeit zum Aufbau des Leibes Christi" (LG 32) spricht.

 

Christus braucht viele Hände, braucht viele Köpfe, braucht viele Herzen, wenn es darum geht, heute diese Welt zu evangelisieren. - Wenn wir weiter Kirche machen wollen wie in der Vergangenheit, werden wir keine Früchte abliefern - oder um es mit dem Thema dieser Festdekade zu sagen, dann werden wir kein Segen sein für die Menschen. - Nicht nur die anderen, auch  wir sind gemeint, wenn es um die Kirche geht!

 

3. Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, darauf seid bedacht!

Diese Worte aus dem Brief an die Philipper hat Paulus während seiner Gefangenschaft geschrieben.  Dabei stellt er erstrebenswerte Haltungen in den Mittelpunkt, die sich offensichtlich nicht mit den damaligen heidnischen Moralvorstellungen gedeckt haben dürften.

Das Alltägliche und Selbstverständliche, das, was jeder Mensch im Innersten seines Herzens als gut erkennt, ist Inhalt seiner Verhaltensregeln. Wer so lebt, wird Frieden bei sich selbst und bei Gott finden.

 

Es ist nichts Besonders, nichts spezifisch christliches, sondern es sind Früchte der Menschlichkeit. Das Wort "Menschlichkeit" scheint eines der Lieblingswortes von Papst Franziskus zu sein. "Es ist notwendig, viel an uns selbst, an unserer Menschlichkeit zu arbeiten", sagt er. (28.03.2014)

 

Ein paar Beispiele:

- Ein wenig Wärme unsererseits - und das Eis im anderen beginnt zu schmelzen

- Eine Hand voll Wohlwollen - und die frostige Stimmung schlägt um

- Ein wenig Großzügigkeit - und der Umgang miteinander wird locker

- Ein wenig Feingefühl - und niemand wird bloßgestellt oder gekränkt

- Ein wenig Vertrauen - und gleich kommt man sich ein gutes Stück näher

- Ein wenig Hoffnung - und schon geht es weiter

- Ein wenig Mut - und der Anfang ist gemacht

 

Nicht nur die anderen, auch wir sind gemeint, wenn es um Menschlichkeit geht!

 

Segen – alles Gute! So heißt das Leitwort der nächsten zehn Tage. Es bezieht sich auf das Lateinische Wort für „segnen“ – benedicere – Gutes sagen. Auch wir sind gemeint, wenn es darum geht, zu segnen, einander Gutes zu sagen.

 

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