3. Fastensonntag (10:00), Predigt, Msgr. Wilfried Schumacher

19. März 2017; Wilfried Schumacher

Predigt von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher am dritten Fastensonntag, 19. März 2017, im Bonner Münster. (An dem Gottesdienst nahmen die Mitglieder der Deutschen Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren e. V., die sich in Bonn zur Jahreshauptversammlung trafen, teil.)

 

So leid es mir tut – Nachtwächter braucht heute in den Städten keiner mehr. Wir haben elektronische Brandmelder, die Feuer schnell und zuverlässig melden. Die Städte haben keine Tore und Mauern mehr, die beschützt werden müssen. Es freut mich, dass die Deutsche Gilde der Nachtwächter, Türmer  und Figuren heute aus Anlass ihrer Jahrestagung mit uns den Gottesdienst feiern – aber mehr als ein anachronistisches Spektakel scheint das doch nicht zu sein. Allerdings: wir könnten dieses Jahrestreffen, zu dem Menschen aus Deutschland und Österreich zusammengekommen sind, auch zum Anlass nehmen, für unsere sonntägliche Betrachtung. – Drei Gedanken:

 

1. Wächter sein – Heimat bewahren

 

Ich hatte gestern Mittag ja schon das Vergnügen, mit einigen von ihnen kurz zu sprechen. Dabei ist mir bewusstgeworden, Ihre Führungen sind nicht nur Spektakel und Vergnügen, sie erschließen den Menschen den Ort, an dem sie leben, den sie besuchen, seine Geschichte, seine Tradition. Das hat für mich etwas Heimat zu tun.

 

Nun mag man einwenden, dass im Zeitalter der Globalisierung, da die ganze Welt ein virtuelles Dorf geworden ist, sich der Begriff Heimat erledigt hat. Aber wir spüren alle, dass - obwohl wir inzwischen in der ganzen Welt elektronisch zuhause sind, Heimat etwas ist, was zu unserer ganz persönlichen Identität gehört.

 

„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“. – So singt Herbert Grönemeyer in seinem Song „Heimat“. Heimat ist mehr als ein bestimmter Ort. Heimat ist dort, wo wir uns wohlfühlen, wo wir sicher, geborgen sind. Das sind die Menschen, die uns vertraut sind, Wege, die wir immer wieder gehen, Klänge, Farben, Bilder, die tief in unsere Seele eingegraben sind. Heimat ist dort, wo unsere Seele Wurzeln schlägt.

 

Heimat, das ist nicht nur Gegenwart, sondern auch die Geschichte, die Tradition, die Sprache, der Dialekt, mit dem wir uns verständigen. Heimat prägt uns. Je unbehauster wir sind in Berufen, die uns kaum noch an einem Ort sein lassen, in Beziehungen, die oft große Entfernungen überspannen, je mehr brauchen wir eine Heimat.

 

Allerdings: der Apostel Paulus relativiert das alles, wenn er schreibt “Unsere Heimat ist im Himmel.” Das menschliche Leben hat nicht nur eine irdische Dimension, sondern vor allem eine himmlische Ausrichtung. Sie bewahrt uns davor, dass unser Tun und Handeln nur menschlichen Maßstäben folgt.

 

2. Wächter sein – Gott erinnern

 

Wächter waren im alten Israel wichtig: sie beschützten die Stadt, die Herde, die Weinberge und Felder. An vielen Stellen ist davon die Rede - sei es um eine konkrete Situation zu beschreiben, sei es im übertragenen Sinne wie etwa in der heutigen Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja.

 

„Auf deine Mauern, Jerusalem, stellte ich Wächter. Weder bei Tag noch bei Nacht dürfen sie schweigen. Ihr, die ihr den Herrn (an Zion) erinnern sollt, gönnt euch keine Ruhe! Lasst auch ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufbaut, bis er es auf der ganzen Erde berühmt macht.“ ( Jes 62; 6—7) – Hier geht es nicht mehr um den normalen Wächterdienst. Denn die Mauern sind noch verfallen und nach der Eroberung durch die Babylonier noch nicht wieder aufgebaut.

 

Die Wächter haben eine andere Aufgabe. Sie sind Wächter vor Gott und für Gott. Sie sollen das Schicksal Jerusalems vor Gottes Ohr bringen. Sie sollen Wächter vor Gott sein; dass Gott sein Volk und sein Haus nicht vergisst.

 

Ich komme gerade von einer privaten Reise nach Israel zurück. Viele Gespräche mit einheimischen Christen haben mir deren Schicksal vor Augen geführt: Sie fühlen sich an den Rand gedrängt wie nie zuvor; viele palästinensische Christen vor allem suchen das Weite, weil sie um ihr Leben fürchten. Auf der einen Seite Israels Suche nach Sicherheit, auf der anderen Seite die jungen, muslimischen Palästinenser, die Juden und Christen als Feinde ansehen.

 

Wir müssen das sehen – wir müssen wie Wächter auf den Mauern Gefährliches erkennen. Wir müssen Gott erinnern, dass er die Menschen dort nicht vergisst und wir können solidarisch mit den Christen sein, indem wir uns Projekte „Bonn hilft Bethlehem“ und „Bonn hilft Jerusalem“ weiter engagiert fortsetzen.

 

Aber nicht nur dort heißt es Wächter sein – auch in anderen Lebenszusammenhängen gilt es Gefahren zu erkennen und Gott im Gebet zu erinnern.

 

3. Wächter sein – uns erinnern

 

In einer Geschichte aus dem chassidischen Judentum wird auch von Wächtern erzählt. Da heißt es: In der Stadt Ropschitz pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute an­zustellen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten.

 

Als Rabbi Naftali eines Abends spät am Rande der Stadt spazieren ging, begegnete er solch einem Wächter. „Für wen gehst du?“ fragte er ihn. Der gab Bescheid, fügte jedoch die Gegenfrage hinzu: „Und für wen geht Ihr, Rabbi?“

Diese Frage traf den Rabbi wie ein Pfeil. „Noch gehe ich für niemand“, brachte er mühsam hervor. Dann ging er lange und schweigend neben dem Wächter her. Schließlich fragte er ihn: „Willst du mein Diener werden?“ – „Das will ich gern“, antwortete jener, „aber was habe ich zu tun?“ „Mich zu erinnern“, sagte Rabbi Naftali.

 

„Für wen gehst du?“ - Für wen gehe ich in meinem Leben? Wem fühle ich mich verbunden, verpflichtet? Für wen habe ich mich entschieden? Für wen setze ich Zeit, Kraft, Ideen, Fleiß und Mühe ein? Gehe ich für Gott? Können andere an mir sehen, dass ich für Gott gehe? Dass mein ganzes Handeln und Denken, Leben und Leiden für Gott „steht und geht“? – Können andere Menschen das an mir wahrnehmen? Merkt man mir das an?

 

Als der Wächter den Rabbi fragt: „Was habe ich in deinem Dienst zu tun?“ – da antwortet jener: „Mich zu erinnern!“ Er weiß, dass er jemanden braucht, der ihn erinnert, für wen und für was er in seinem Leben gehen soll.

 

Die Fastenzeit kann uns eine Zeit sein, in der wir erinnert werden. Denn im Trubel und Lärm der Zeit vergessen wir leicht, für wen wir gehen, was wirklich wichtig ist, was unserem Leben Sinn und Ziel gibt, was es wirklich reich und echt froh macht.

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