3. Fastensonntag (18:30), Predigt, Prof. Dr. Martin Ebner

19. März 2017; Martin Ebner ( martin.ebner@uni-bonn.de)

Gespräch am Jakobsbrunnen, Fresko im Hochchor des Münsters

Predigt von Professor Dr. Martin Ebner (Lehrstuhl für die Exegese des Neuen Testaments) am dritten Fastensonntag, 19. März 2017, im Bonner Münster

 

„Der ideale Christ ist ein Gemeindechrist“ – das war einmal!

 

„Der ideale Christ ist ein Gemeindechrist“, war das ungeschriebene Motto unserer Kirche in der Zeit des Aufbruchs nach dem 2. Vatikanischen Konzil bis in die 80er Jahre hinein. Glaube ist ein Gemeinschaftserlebnis. Nirgends kann Gott besser und intensiver erfahren werden als in gemeinsamen Feiern: in Gottesdiensten und großen Aktionen. Und es gehört insbesondere zur Idealvorstellung im Katholizismus: Ein gläubiger Christ sollte sich auch engagieren in seiner Gemeinde, in einem Gremium oder einer Aktionsgruppe. Das fördert das Gemeinschaftserlebnis und den Zusammenhalt. Kurz: „Der ideale Christ ist ein Gemeindechrist“. – Alles richtig und gut.

 

Nur erleben wir im Augenblick, wie dieses Gemeinde-Christentum zerbröselt. Es sind immer die gleichen, die kommen und sich engagieren. Immer weniger müssen immer mehr Aktionen stemmen. Und wir sind dann enttäuscht – und ratlos, warum immer weniger Menschen kommen. Was machen wir nur falsch?

 

Dabei könnte uns die Auskunft von Soziologen helfen, zumindest die Situation besser zu verstehen und uns in unseren Selbstzweifeln ein wenig zu entlasten. Denn Studien sagen uns: Der postmoderne Mensch sucht sein individuelles Glück. Er will nicht in der Gemeinschaft aufgehen. Er will sein Glück individuell erleben, in seiner eigenen Persönlichkeitsbildung voranschreiten. Autonomie, Self-Empowerment, „unterm Strich zählt das Ich“, eine „bella figura“ machen – bewusst oder unbewusst sind das die Leitworte unserer Zeit.

 

Auch in Sachen Religion will man auf eigenen Füßen stehen. Hilfe wird allenfalls dann akzeptiert, wenn sie dazu führt, dass ich einen Zugewinn in meiner Persönlichkeitsbildung habe.

 

Kein Wunder: Eine Kirche mit dem Ideal des Gemeindechristen fährt auf der Verliererstraße, setzt auf Ziele, die immer weniger anstreben und die kaum jemanden beglücken. Und da ist es für mich äußerst auffallend, dass das Johannesevangelium ein ganz anderes Programm vorlegt – eines, das zur individuellen Sinn- und Glückssuche des modernen Menschen passt, wie angemessen.

 

Das heutige Evangelium ist ein Paradebeispiel dafür: ein Einzelgespräch zwischen Jesus und einer Frau. Und es geht mit keinem Wort um die Werbung für das Engagement in der Jesusgruppe. Nein, es geht schlicht und einfach um das Glück der Frau. Um ihren ungestillten Lebensdurst – nach Mehr. Und dabei spricht Jesus auch ihre wunde Stelle an: „Du hast richtig gesagt, dass du keinen Mann hast. Denn du hast fünf Männer gehabt, und der, mit dem du jetzt lebst, ist nicht dein Mann“ (Joh 4,18). Mit leichtem Druck zwingt Jesus die Frau, sich selbst auf die Schliche zu kommen – und dabei kommt die Frau, scheinbar ganz nebenbei, Gott und seinem Messias auf die Spur.

 

Liebe Zuhörer, dieses Gespräch am Jakobsbrunnen macht mich sehr nachdenklich – im Blick auf die individuelle Sinnsuche in unserer Zeit. Wir haben ein Evangelium, in dem Jesus genau das unterstützt. Immer wieder spricht er im Johannesevangelium mit einzelnen. Und dabei legt er weder ein Werbungs- noch ein Lernprogramm des christlichen Glaubens vor. Sondern: Er lässt sich in die Fragen der anderen verwickeln – und konfrontiert sie mit sich selbst. Und siehe da: Die Suchenden kommen sich selbst auf die Schliche – und Gott auf die Spur. Das gelingt nicht in jedem Gespräch, aber oft, mal mehr, mal weniger.

Ich meine: Das Johannesevangelium, vermutlich in einer antiken Großstadt entstanden, könnte uns ein paar gute Ratschläge geben:

 
  1. Verzweifelt nicht! Unter den Tausenden von Menschen, die tagein tagaus durch die Straßen hetzen, sind wahrscheinlich mehr Sinnsucher als ihr denkt. Aber auf Großraum-Werbung und missionarische Aktionen werden sie nicht reagieren. Schaut auf die Einzelnen, die für eine An-Sprache offen sind – und vielleicht sogar darauf warten.
  2. Seid sensibel – für die individuelle Sinnsuche. Versucht nicht, andere in euer Schema zu pressen. Hört genau hin! Seid vorsichtig mit „fertigen Antworten“. Lasst euch lieber in die Fragen und in die Lebensgeschichte der anderen verwickeln. Dort liegt Gott verborgen.
  3. Seid froh, wenn jede und jeder seinen Glauben an Gott so zum Ausdruck bringt, wie er ihn in seiner Lebensgeschichte erfahren hat. Das klingt dann vielleicht etwas anders, als ihr es gewohnt seid – aber es ist echt. Vielleicht ist es nicht so bekennerisch, aber einladend. Die Samaritanerin jedenfalls geht in die Stadt und sagt zu den Leuten: „Kommt, dort ist ein Mann, der mir alles gesagt hat. Vielleicht ist er der Messias!“ (Joh 4,29f.).

  

 

Einleitung

Zum Schmunzeln, der Ausspruch eines Bauern, der nach einem kräftigen Schluck aus seinem gut gefüllten Krug meinte: „Heut´ geht der Most wieder gar nicht hin, wo der Durst sitzt!“ Zugleich ist die Bemerkung sehr tiefsinnig. Denn sie trifft das Lebensgefühl vieler Menschen: Ein ungeheurer Durst nach Leben ist da – und zugleich die Frage: Wo kann ich diesen Lebensdurst stillen, was und wer kann mir dabei helfen. Genauso geht es der Samaritanerin heute im Evangelium, die Wasser am Brunnen holen will.

 

 

Fürbitten

Herr, unser Gott, wir Menschen dürsten nach gelingendem Leben. Höre du auf unsere Bitten:

Lebendiges Wasser - das bedeutet Zuwendung und Anerkennung, wenn wir uns wertlos fühlen

Lebendiges Wasser - das bedeutet Lebenssinn und Lebensziel, wenn die Orientierung verloren haben

Lebendiges Wasser - das bedeutet Aufatmen und Zuversicht, wenn wir nicht mehr weiter wissen und in Ängsten gefangen sind

Lebendiges Wasser - das bedeutet Heimat und Geborgenheit, wenn wir uns einsam fühlen

Lebendiges Wasser - das bedeutet neuer Mut und Stärke, wenn wir ohnmächtig sind

  

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