3. Fastensonntag, Fastenpredigt

28. Februar 2016; Wilfried Schumacher

Fastenpredigt von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher am 3. Fastensonntag, 28. Februar 2016, im Bonner Münster

 

„Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen“

   

Ich stehe ein wenig übermüdet hier. Denn gestern noch war ich in der Wüste Negev. Nicht ganz so weit südlich wie in der Moses-Geschichte, die uns in der Lesung überliefert wurde. Nach einer durchwachten Nacht und einem Flug am frühen Morgen stehe ich jetzt gerne hier, um mit Ihnen gemeinsam anzuschauen, was uns dieser Sonntag und besonders die alttestamentliche Lesung mitgeben kann auf unserem Weg nach Ostern. Drei Dinge möchte ich benennen:

 

Der Gottesname

 

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß’. – Das Märchen vom Rumpelstilzchen erzählt uns auf sehr anschauliche Weise, was es mit dem Namen auf sich hat, wie viel Macht die Kenntnis des Namens verleihen kann.

 

„Was ist’s um Deinen Namen“, fragt Mose Gott am brennenden Dornbusch. Die Antwort, die er erhält, sagt alles und doch nichts. Offenbart vieles und doch gar nichts. „Ich bin, der ich bin“, lautet die Antwort. Kein Name, sondern eher eine Aussage, an der sich viele Übersetzer versucht haben. „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“, übersetzt zum Beispiel Martin Buber. Der Gottesname, der daraus abgeleitet wird, „Jahwe“ bedeutet nichts anderes als „der-Ich- bin, der-ich-bin“.

 

Für Israel ist dieser Gott nicht einer unter vielen: Schema Israel, Adonai elohenu, Adonai echat. Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. – So betet der fromme Jude jeden Tag mehrmals.

 

Unser Gott ist einzig? Was haben wir aus dieser Überzeugung gemacht? Wir sprechen vom Wettergott, vom Fußballgott und reden vom Schlagergott. Mancher Sportkommentar hat angesichts überragender Leistungen ins Mikrophon geschrien: „Dieser Mann ist ein Gott“.

Nein, der Mensch mag gut sein, sehr gut, überragend gut. Aber Gott ist er deshalb nicht.

 

Wir nehmen es hin! Abgestumpft haben wir uns daran gewöhnt.

 

Gottes Bekenntnis

 

Dieser Gott bekennt dem Moses: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen, und ihre laute Klage habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.“ (vgl. Ex 3,7)

 

Gott wird hier nicht erfahren als der Große, der Allmächtige, der Unzugängliche, der im Himmel thront. Er wird erfahren als der Gott, der dem Menschen zugewandt ist, der das Leid des Menschen sieht.

 

„Der ‚Ewige‘, von keiner Zeit Begrenzte, kommt in die Zeit der Menschen. Der ‚Allgegenwärtige‘ von keinem Ort Begrenzte, lässt seine Gegenwart unter den Menschen wohnen. (Ulrich Sander)

 

„Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue.“ (Ex 34,6) – Der große Goldklumpen auf unserem Fastentuch symbolisiert für mich diese Barmherzigkeit Gottes, die das Dunkel der Sklaverei der Menschen damals und die düsteren Erfahrungen von uns heutigen Menschen überstrahlt.

 

In einem religiösen Zentrum – ich weiß leider nicht mehr genau wo – werden in der Eingangshalle die großen Religionsstifter dargestellt. Alle sind mehr oder weniger in ihren Lehren versunken – nur Christus wird dargestellt als der, der dem verlorenen Schaf nachgeht.

 

Die Berufung

 

Die Geschichte, die wir in der Lesung gehört haben, sagt  Wesentliches über Gott aus und ist eine der zentralen Stellen der Bibel, die uns Christen mit den Juden und den Muslimen verbindet, denn sie findet sich auch im Koran.

 

Aber sie ist im Tiefsten auch eine Berufungsgeschichte. „Mose, Mose“ spricht Gott den Mose an und er antwortet: „Hier bin ich!“ Im Lateinischen Text steht dort: „Adsum“.

Vielleicht kennen das die Älteren unter Ihnen. Mit diesem Wort traten die Priester, Diakone, Ordensleute früher vor den Bischof oder Oberen bei ihrer Weihe oder Einkleidung. Nach wie vor werden sie wie Moses mit Namen gerufen und erklären: „Hier bin ich!“

 

Und Mose wird gesendet: Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus! Das ist seine Berufung. Durch sein Handeln soll die Barmherzigkeit Gottes Gestalt annehmen, Wirklichkeit werden.

 

Jede Gottesbegegnung ist in der Heiligen Schrift mit der Sendung verbunden. Wer Gott erfahren hat, kann nicht einfach so weiterleben, weitermachen. Wer Gott erfahren hat, kann nicht drei Hütten bauen – wie am letzten Sonntag zu hören war – und sich darin wohlig einrichten. Immer heißt es „Geh!“

 

Auch uns wird dies am Ende der Messe zugerufen: „Gehet hin in Frieden!“ Das ist keine Schlussformel nach dem Motto „Tschüss, alles Gute“. Wer vom Tisch des Wortes und des Brotes genommen hat, wer Gott begegnet ist, wird gesendet.

 

Das ist keine Stunde zur persönlichen Erbauung. Hier geht es nicht in erster Linie um mein persönliches Seelenheil. Hier kann jeder und jede Einzelne dem lebendigen Gott begegnen und wird von ihm gesendet wie Moses: und jetzt geh!

 

Trage Du die Barmherzigkeit Gottes zu den Menschen. Sei Du derjenige, diejenige, der im Dunkeln der menschlichen Existenz vielleicht auch nur ein kleines Licht aufstrahlen lässt – wohl wissen, dass Du nicht allein bist, sondern Gott mit Dir ist, als der . „Ich werde da sein, als der ich da sein werde“.

  

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