3. Ostersonntag, Flüchtlingsunglück, Predigt

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am dritten Ostersonntag, 19. April 2015, im Bonner Münster anlässlich eines neuesten Flüchtlingsunglücks
19. April 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am dritten Ostersonntag, 19. April 2015, im Bonner Münster anlässlich eines neuesten Flüchtlingsunglücks. In der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 war im Mittelmehr ein Schiff mit rund 700 Flüchtlingen an Bord gekentert. Nach bisherigen Angaben konnten nur 28 Menschen gerettet werden. 

  

Liebe Schwestern und Brüder,

als ich heute Morgen die Nachrichten hörte, war mir klar, dass meine Predigt, die ich vorbereitet hatte und die den Marathonlauf in unserer Stadt zum Anlass einiger geistlicher Betrachtungen genommen hatte, nicht mehr aktuell war. Über 700 Menschen im Mittelmeer ertrunken! Über 1000 Menschen allein in dieser Woche.

 

Bis zum Herbst vergangenen Jahres gab es die italienische Operation Mare Nostrum, die in einem Jahr fast 150.000 Flüchtlinge im zentralen Mittelmeer gerettet hat. Die Seenotrettungsoperation wurde beendet, weil die europäischen Regierungen sich strikt geweigert hatten, Mittel zur Verfügung zu stellen, um Mare Nostrum in eine europäische Seenotrettung zu überführen und Italien finanziell zu entlasten. Stattdessen gibt es jetzt „Triton“,  eine Operation der EU-Grenzschutzagentur  zum Schutz und zur Überwachung der Außengrenzen mit „Kapazitäten zur Seenotrettung“ – wie es heißt. Dafür steht nur ein Drittel des Geldes zur Verfügung, das für Mare Nostrum notwendig war.

 

Unser Münster ist über den Gräbern von Cassius und Florentius erbaut. Über ihnen feiern wir unseren Gottesdienst: Cassius und Florentius und ihre Gefährten kamen aus Theben, in Ägypten. Ihre Geschichte verbindet die Kontinente Afrika und Europa. Eine Milliarde Menschen leben in Afrika. Nach europäischem Maßstab sind die meisten sehr arm. In der Weltwirtschaft spielen die größten Teile Afrikas keine Rolle.

 

Afrika sitzt gleichsam wie der arme Lazarus vor der Tür des reichen Europäers, der herrlich und in Freuden lebt. Afrika ist der erste Kontinent, der uns begegnet auf dem Weg zu zwei Dritteln der Menschheit, die von jedem Wohlstand ausgeschlossen sind. Die Armut treibt die Menschen in die Arme von Menschenhändlern, die ihre Not schamlos ausnutzen und sie in untauglichen Booten auf das offene Meer hinaus schicken. "Sie brachten uns bis in die Mittelmeer-Gewässer und warfen uns, einen nach dem anderen, auf unser Boot. Sie warfen uns weg, als wären wir Abfall. Dann schnitten sie das Seil durch", berichten Flüchtlinge.

 

Nach der ersten großen Katastrophe vor Lampedusa reiste Papst Franziskus auf die Mittelmeer-Insel, um den Menschen ins Gewissen zu reden. Hören wir dem Papst zu!

Franziskus sagte:


„Adam, wo bist du?“ Das ist die erste Frage, die Gott an den Menschen nach dem Sündenfall richten. „Wo bist du?“ Es ist ein orientierungsloser Mensch, der seinen Platz in der Schöpfung verloren hat weil er glaubte, mächtig werden zu können, alles bestimmen zu können, Gott werden zu können. Die Harmonie war zerrissen, der Mensch hat geirrt und das hat sich dann auch in den Beziehungen mit den Nächsten wiederholt, der nicht mehr der geliebte Bruder ist, sondern jemand der mein Leben stört, mein Wohlergehen.

 

Und Gott stellt die zweite Frage: „Kain, wo ist dein Bruder?“ Der Traum vom Mächtig-Sein, vom Groß-Sein wie Gott, sogar wie Gott selbst zu sein, beginnt eine Kette von Fehlern, die eine Kette des Todes ist, sie führt dazu, dass das Blut des Bruders vergossen wird!

Diese zwei Fragen Gottes klingen auch heute nach, mit ihrer ganzen Kraft! Viele von uns, und ich schließe mich selbst da ein, sind desorientiert, wir sind nicht aufmerksam der Welt gegenüber, in der wir leben, wir sorgen uns nicht, wir kümmern uns nicht um das, was Gott für alle geschaffen hat und sind nicht mehr fähig, auf den Anderen Acht zu geben. Und wenn diese Desorientierung globale Dimensionen annimmt, dann kommt es zu solchen Tragödien. […]

 

„Wo ist dein Bruder?“, die Stimme des vergossenen Blutes schreit auf zu mir, sagt Gott. Das ist keine Frage, die sich an andere stellt, das ist eine Frage, die an mich gerichtet ist, an dich, an jeden von uns. Diese unsere Brüder und Schwestern wollten aus schwierigen Situationen heraus und ein wenig Ruhe und Frieden finden; sie haben einen besseren Ort für sich und ihre Familien gesucht, aber sie haben den Tod gefunden. Und wie häufig finden sie kein Verständnis, keine Aufnahme, keine Solidarität! Und auch ihre Stimmen steigen zu Gott auf! […]

 

„Wo ist dein Bruder?“ Wer ist verantwortlich für dieses vergossene Blut? […] Wir alle antworten so: Nicht ich, ich habe damit nichts zu tun, das sind andere, aber nicht ich. Aber Gott fragt uns alle: „Wo ist das Blut des Bruders, das bis zu mir schreit?“ Heute fühlt sich auf der Welt keiner verantwortlich dafür; wir haben den Sinn für die geschwisterliche Verantwortung verloren; wir sind das heuchlerisches Verhalten des Priesters und Altardieners verfallen, von denen Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter spricht: Wir sehen den halbtoten Bruder am Straßenrand und denken vielleicht „der Arme!“, und gehen weiter unseres Weges, weil es nicht unsere Aufgabe ist; und wir glauben, dass alles in Ordnung sei. Wir fühlen uns zufrieden, als ob alles in Ordnung sei!

 

Die Kultur des Wohlergehens, die uns an uns selber denken lässt, macht uns unsensibel für die Schreie der anderen, sie lässt uns in Seifenblasen leben die zwar schön sind, aber nichtig, die eine Illusion des Unbedeutenden sind, des Provisorischen, die zur Gleichgültigkeit dem Nächsten gegenüber führt und darüber hinaus zur einer weltweiten Gleichgültigkeit! Von dieser globalisierten Welt sind wir in die globalisierte Gleichgültigkeit gefallen! Wir haben uns an das Leiden des Nächsten gewöhnt, es geht uns nichts an, es interessiert uns nichts, es ist nicht unsere Angelegenheit! […]

 

„Adam, wo bist du?“, „Wo ist dein Bruder?“, das sind die beiden Fragen, die Gott zu Beginn der Geschichte der Menschheit stellt und die auch an alle Menschen heute gerichtet sind, auch an uns. Aber ich möchte, dass eine dritte Frage gestellt wird: „Wer hat über das alles und über Dinge wie diese geweint?“, über den Tod von unseren Brüdern und Schwestern? Wer hat über die Menschen geweint, die in den Booten waren? Über die jungen Mütter, die ihre Kinder trugen? Über die Männer, die etwas zum Unterhalt ihrer Familien suchten? Wir leben in einer Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens vergessen hat, des „Mit-Leidens“: Die Globalisierung der Gleichgültigkeit! – Soweit Papst Franziskus.

 

Vielleicht ist das der erste Schritt, den wir angesichts dieser schrecklichen Nachricht tun können: Weinen, Mit-Leiden gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit.

 

Unsere Stadtpatrone aus Afrika mögen uns daran erinnern!

  

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