4. Fastensonntag, Fastenpredigt

6. März 2016; Ulrich Berges

Fastenpredigt von Professor Dr. Ulrich Berges, Universität Bonn, am 4. Fastensonntag, 6. März 2016, im Bonner Münster (Professor Dr. Ulrich Berges ist seit 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Altes Testament und Direktor des Seminars für Altes Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.)

 

„Barmherzigkeit. Die größere Gerechtigkeit Gottes“

 

Am heutigen Sonntag „Laetare“ haben wir wirklich Grund zu großer Freude. Wir haben dieses Evangelium aus dem 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums (Lk 15,1-3.11-32) hören dürfen. Es gehört zu den schönsten und tiefsten Texten der Bibel, ja der Weltliteratur überhaupt. In diesem Kapitel hat der Evangelist Lukas drei Gleichnisse zusammengestellt: das vom verlorenen Schaf, von der verlorenen Drachme und vom verlorenen Sohn.

Ihren Ausgangspunkt nehmen alle drei Gleichnisse vom Murren der Pharisäer und Schriftgelehrten darüber, dass Jesus sich mit Zöllnern und Sündern abgab, auf sie zuging, ja sogar mit ihnen aß, Tischgemeinschaft mit ihnen hatte.

 

Dabei waren Pharisäer überhaupt keine schlechten Menschen, Angeber oder Heuchler. Im Gegenteil, sie nahmen im Unterschied zur großen Masse die Sache mit der Religion sehr ernst, fasteten, gaben den Zehnten ihres Einkommens den Armen und waren die sichere Stütze einer jeden Synagogengemeinde zur Zeit Jesu. Die Pharisäer waren also das, was wir heute »gute Christen«, »gute Katholiken« nennen. Menschen, die nicht nur zu Festtagen in die Messe gehen, sondern aktiv in der Pfarrarbeit engagiert sind. Manchmal vielleicht ein wenig zu fleißig, aber nicht so lauwarm wie die Masse, mit der man doch nichts auf die Beine stellen kann.

 

Die Schriftgelehrten, das sind die Berufstheologen, die Professoren, die ihre Weisheiten mehr aus den Büchern als aus dem Leben gewinnen, alles besser wissen und stets das letzte Wort haben! Aber auch sie braucht man: was wäre das für ein Durcheinander, wenn keiner mehr wüsste, was gilt und was nicht gilt, wenn jeder machen wollte, wonach ihm gerade der Kopf steht.

 

Und was macht Jesus von Nazareth? Er gibt sich ständig, besonders an Sabbaten, mit zwielichtigen Gestalten ab. So wie mit Zöllnern, die im Auftrag der römischen Besatzer die Landsleute mit viel zu hohen Steuerlasten quälen – und mit Sündern und nicht zu vergessen mit Sünderinnen, Ehebrecherinnen und anderen Typen, die niemand von uns nach Hause einladen würde!

 

Der Lebensstil dieses Jesus von Nazareth war eine ständige Provokation und zudem war er auch noch intelligent, konnte Wunder wirken und unglaublich schlagfertig diskutieren. Irgendwann reißt also den guten Katholiken der Geduldsfaden und sie beschweren sich: »Er gibt sich mit Sündern ab und isst mit ihnen«. In Mt 11,19 fasst Jesus die laute Kritik über ihn so zusammen: »Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder«.

 

Aber was macht Jesus in unserem Evangelium? Er kritisiert nicht, er belehrt nicht, er entschuldigt sich nicht, er klagt nicht an, sondern er erzählt Gleichnisse! Aber warum Gleichnisse – diese undurchsichtige, verworrene Art zu sprechen – immer so durch die Blume – warum nicht Klartext!?

 

Jesus redet in Gleichnissen – auch zu uns heute Abend –, damit wir selbst etwas erkennen, damit uns ein Licht aufgeht – damit wir selbst sehen: Aha, so ist es also, jetzt habe ich verstanden!

 

In allen drei Gleichnissen geht es

a.) um etwas Verlorenes, das

b.) jemand sucht und

c.) es wiederfindet und

d.) sich riesig freut!

 

Jemand hat 100 Schafe und verliert eines. Er lässt die 99 in der Wüste zurück, findet es, trägt es auf den Schultern zurück und freut sich. Ebenso wird im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder,der umkehrt als über die 99, die der Umkehr nicht bedürfen. Eine Frau hat 10 Drachmen, verliert eine, stellt ihr ganzes Haus auf den Kopf und findet die eine Drachme, ruft ihre Nachbarinnen und freut sich riesig. Ebenso werden sich die Engel Gottes über einen Sünder freuen, der umkehrt!

 

Und jetzt kommt Gleichnis Nr. 3. Wir hatten Freude im Himmel, dann hatten wir Freude der Engel Gottes und am Ende hören wir von der Freude des Vaters nicht über ein verlorenes Schaf, nicht über ein verlorenes Geldstück, sondern über seinen eigenen Sohn! Dieser Vater ist unser himmlischer Vater – und wir sind entweder der Sohn/ die Tochter, die mit dem Erbe abhaut, alles verprasst, einige Jahre ein Starleben führt, um dann gnadenlos abzustürzen. Oder wir sind der brave Sohn, der zu Hause bleibt, seine Arbeit gewissenhaft tut, keine Widerworte gibt, nie über die Stränge schlägt und einfach solide ist!

 

Wir brave Katholiken, die unsere Pfarreien aufrecht halten, die noch mitmachen, wenn andere schon lange die Biege gemacht haben, wir sind der Sohn, der nach dem Tagewerk von der Arbeit kommt (jeden Tag das Gleiche) und dann den Vater völlig euphorisch vorfindet, der verlorene Bruder, mein verlorener Bruder sei zurückgekommen, er lebe und jetzt müsse man sich freuen: er sei tot und er lebe – er sei verloren gewesen und wiedergefunden!

Ehrlich gesagt: Ich würde auch gedacht haben, jetzt ist es aber gut mit Barmherzigkeit! Wo bleibt denn die Gerechtigkeit – wenn mein schlauer Bruder alles verprasst hat, bitte schön, dann eben an den Schweinetrog: Jeder ist seine eigenen Glückes Schmied – oder wer nicht hören will, der muss eben fühlen! Sollen wir diesen Unsinn auch noch unterstützen – und uns freuen??

 

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zwei Grundwerte, die letztlich nur in Gott selbst zur Einheit finden. Bei uns Menschen dominiert mal die Gerechtigkeit, mal die Barmherzigkeit, je nach dem, ob wir obenauf sind – dann wollen wir Gerechtigkeit, die uns zusteht oder ob wir unten durch sind – dann bitten wir um Barmherzigkeit und Vergebung! Fragen wir uns mal in einer ruhigen Stunde, wann wir nach Gerechtigkeit rufen und wann wir um Barmherzigkeit bitten? Oder sind wir so selbstgerecht, dass wir gar nicht um Barmherzigkeit bitten wollen, es vielleicht gar nicht können?

 

Thomas von Aquin sagte: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist grausam, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung: »Iustitia sine misericordia crudelitas est, misericordia sine iustitia mater est dissolutionis.« Die absolute Gerechtigkeit ist kalt und grausam – summum ius summa iniuria – das auf die Spitze getriebene Recht ist das größte Unrecht! Aber wo nur Barmherzigkeit regiert, wo von jeglicher Gerechtigkeit dispensiert ist, da herrscht Auflösung, Chaos und heillose Verwirrung.

 

So hält der Vater im Gleichnis, der himmlische Vater, die Gerechtigkeit hoch, wenn er zum älteren Bruder sagt: »Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein«. Und zugleich ist er der liebevolle – misericordia motus est – der von Barmherzigkeit bewegte: »Jetzt müssen wir uns freuen und ein Fest feiern…«

 

Nur Selbstgerechte kommen auf die Idee, sie könnten vor Gott im Recht sein und auf »Gerechtigkeit« pochen. Wer noch nicht weiß, dass er verloren ist, für den steht es schlecht. Wer aber unter Tränen bekennt, dass er sich verrannt hat und umkehrt, für den steht ein großes Fest bereit – also doch »laetare«!

  

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