5. Fastensonntag, Fastenpredigt

13. März 2016; Rudolf Hoppe

Fastenpredigt von Professor em. Dr. Rudolf Hoppe, am 5. Fastensonntag, 13. März 2016, im Bonner Münster. (Professor em. Dr. Rudolf Hoppe war von 2001 bis 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät und Direktor des Neutestamentlichen Seminars der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.)

 

„Oder ist dein Auge böse, weil ich gute bin?“ - "Anstößige Güte" im Gottesbild des Jesus von Nazareth als Herausforderung für unsere Zeit

 

Wenn wir schwer durchschaubare Lebensvorgänge oder Sachverhalte in Vergleichen oder Erzählungen zu veranschaulichen und erklären beabsichtigen, geschieht das immer nur in Annäherungen; diese aber müssen so weit gelingen, dass sie zur verstehenden Aneignung des Gemeinten führen. Das ist in besonderer Weise der Fall, wenn wir von Gott sprechen. Das Wort „Gott“ verwenden wir in der Regel als Eigennamen; aber wenn wir darlegen wollen, was sich hinter diesem Wirt verbirgt, befinden wir uns notwendig auf dem Weg der Annäherung in Vergleichen, Bildern oder Erzählungen, die uns die Bibel bereitstellt. Das ist freilich – wenn auch in eingeschränktem Maße – ebenso der Fall, wenn wir vom Menschen reden. Wer und was der Mensch ist, können wir nicht exakt definieren, es bleiben immer Fragen.

 

Jesus spricht in Gleichnissen, um uns Annäherungen an die Wirklichkeit Gottes, aber auch an uns selbst zu ermöglichen. Er führt uns zu Fragen: Was ist das für ein Gott, der sich in einem Weinbergbesitzer verbirgt und dabei nach unseren Maßstäben so ungerecht handelt? Und ebenso: Was sind das für Menschen, die den Weinbergbesitzer nicht verstehen (wollen)? Und wo stehen wir, wenn wir dieses Gleichnis hören?

 

Auch wenn diese Erzählung mit den Worten „Denn mit dem Himmelreich ist es wie …“ beginnt, handelt sie eigentlich vom Menschen, seinen Grenzen und Verengungen, aber auch seiner (nach unseren Maßstäben unverdienten) Würdigung. Das wird deutlich, wenn wir darauf achten, wie wir durch die Erzählung hindurchgeführt werden. Zwei Auffälligkeiten seien genannt: Zunächst wird mit den Arbeitern der ersten Gruppe ein Denar vereinbart, bei den nächsten Gruppen „das, was gerecht ist“ und bei den Arbeitern der elften Stunde überhaupt nichts mehr. Die Erzählung braucht diese Abfolge für ihre Botschaft. Und dann ist auffällig, dass der eigentliche Hergang der Anwerbung der Arbeiter nur sehr kurz erzählt wird und die Geschichte ganz auf den Disput mit den Arbeitern der ersten Stunde hinausläuft. Das ist natürlich Strategie, hier liegt der entscheidende Punkt. Keine Frage, dem Erzähler geht es um die positive Überzeugung, dass es gut ist, wenn die Letzten wie die Ersten behandelt werden. Diese radikale Güte ist Bestandteil seines Gottesbildes. Der Erzähler will, dass wir dem zustimmen können. Er will davon überzeugen, dass den „Erstarbeitern“ durch die gleiche Würdigung der „Kurzarbeiter“ nichts weggenommen wird.

 

Und das Bild vom Menschen? Das Gleichnis gibt uns keine letztgültige, objektivierende Antwort, denn wie die „Erstarbeiter“ – die Arbeiter der dritten, sechsten und neunten Stunde spielen überhaupt keine Rolle – schließlich reagiert haben, sagt es nicht. Hier sind wir gefordert. Da sind wir nun bei der Frage nach dem Menschen: Ist er notwendig engstirnig mit seiner Auffassung von Gerechtigkeit oder lässt er die Gerechtigkeit Gottes zu? Ist er notwendig unbarmherzig oder kann er sich Gott, dem ganz Anderen, öffnen? Das sind Fragen, und wir werden genötigt, uns selbst immer zu fragen, uns ständig zur Frage zu werden, auch auszuhalten, dass wir keine endgültige Antwort erhalten.

 

Und hier wird es konkret: In einer sich immer weiter individualisierenden Gesellschaft verstärkt sich die Tendenz, dass das das Individuum Mensch sich selbst in den Mittelpunkt stellt und die Kriterien vorgibt. Wird mir etwas genommen, stehe ich im Mittelpunkt? Wir wissen, in welche Sackgassen das führt. Die Option Jesu ist genau umgekehrt: Wir finden erst dann zu uns selbst, wenn wir uns in den Anderen hineinversetzen, uns vom Anderen her sehen und auch in Frage stellen lassen. Um das noch ein wenig zuzuspitzen: Gehen wir bei unserem Nachdenken über die gewiss komplizierte Flüchtlingsproblematik allein von uns, unserem Wohlstand aus, von dem, was uns vertraut ist, oder können wir über den Tellerrand hinaussehen? Die Botschaft vom barmherzigen Gott und der ungeschminkten Aufdeckung des auf Leistung pochenden Menschen gibt uns eine sicher schwierige Antwort, aber wir sind gefordert, zu riskieren, sie anzunehmen und zu bejahen. Das geht nur im Absehen von sich selbst und im Vertrauen auf den, der uns dieses Gleichnis erzählt.

 

   

 

 

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