850. Jahrestag der Erhebung der Gebeinde der Heiligen Cassius, Florentius und Gefährten, Predigt

2. Mai 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 850. Jahrestag der Erhebung der Gebeine der Heiligen Cassius, Florentius und Gefährten (Stadtpatrone), Montag, 2. Mai 2016, Bonner Münster

 

Das Bonner Münster ist erbaut über den Gräbern von Heiligen, die heute als die Bonner Stadtpatrone Cassius und Florentius verehrt werden. Römische Soldaten, die aus Theben (heute Ägypten) stammten, Christen waren und den Kaiser nicht mehr als Gott anbeten wollten. Eine erste Kirche an dieser Stelle wurde bereits 691 erwähnt. Am 2. Mai 1166 ließen Erzbischof Rainald von Dassel und Propst Gerhard von Are die Gebeine bergen und in kostbare Schreine legen, die auf den Altar gestellt wurden. Mit dieser „Erhebung zur Ehre der Altäre“ bestätigte die Kirche offiziell und symbolisch die Heiligkeit.

  

Im Judentum wird eine Geschichte erzählt: Ein Weiser mit Namen Choni ging einmal über Land und sah einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Er blieb bei ihm stehen und sah ihm zu und fragte: Wann wird das Bäumchen wohl Früchte tragen? Der Mann erwiderte: In siebzig Jahren. Da sprach der Weise: Du Tor! Denkst du, in siebzig Jahren noch zu leben und die Früchte deiner Arbeit zu genießen? Pflanze lieber einen Baum, der früher Früchte trägt, dass du dich ihrer erfreust in deinem Leben.

Der Mann aber hatte sein Werk vollendet und sah freudig darauf, und er antwortete: Rabbi, als ich zur Welt kam, da fand ich Johannisbrotbäume und aß von ihnen, ohne dass ich sie gepflanzt hatte, denn das hatten meine Väter getan.

 

Habe ich nun genossen, wo ich nicht gearbeitet habe, so will ich einen Baum pflanzen für meine Kinder oder Enkel, dass sie davon genießen. Wir Menschen mögen nur bestehen, wenn einer dem anderen die Hand reicht. Siehe, ich bin ein einfacher Mann, aber wir haben ein Sprichwort: Freunde oder Tod. 

 

Eine treffliche Geschichte: Wir leben wie der einfache Mann, der auf die Welt kommt und Fruchtbäume vorfindet. Noch funktioniert das kirchliche Leben. In den Städten sind wir noch ganz gut versorgt mit hauptamtlichem Personal. Glauben tun wir auch – vielleicht mehr recht als schlecht. Die vielen, die sich schwer tun mit dem Glauben, sind eher lästig, weil sie uns in Frage stellen. Nur: wer wird morgen noch glauben, wenn der Glaube so verdunstet und wir tatenlos zusehen.

 

Wenn der kluge Mann in unserer Geschichte keine Bäume gepflanzt hätte, die erst viel später Frucht tragen, dann müssten irgendwann seine Enkel oder Urenkel hungern. Wenn wir heute als Christen in unserem Glauben von der Hand in den Mund leben wollen und die Mühe scheuen, nach neuen Wegen Ausschau zu halten, wie wir den Glauben an Gott weiter auszustreuen und sorgsam pflegen, können, dann wird irgendwann der Hunger da sein. Wenn wir heute nicht Sorge für unsere Kirche tragen, wie uns unser Erzbischof in seinem Hirtenwort zur Fastenzeit aufgefordert hat, dann nehmen wir unseren Kindern und Enkelkindern die geistliche Nahrung.

 

Unsere Märtyrer Cassius und Florentius, die am Ende des 3. Jahrhunderts mit ihrem Leben Zeugnis für Christus gegeben haben, legten damit einen Samen, der erst später aufgegangen ist. Ihr Lebensbeispiel war den Menschen in unserer Heimat so viel wert, dass sie schon bald den Ort ihrer Gräber bewahrten und spätestens im 5. Jahrhundert eine erste kleine Kirche bauten.

 

Das mittelalterliche Bonn mit seinen vielen Kirchen und Klöstern ist von hier aus gewachsen. Und als die Regierung nach dem Krieg hier ihren Sitz nahm, war sie eingebettet in christliche Umgebung. Eine späte, aber sehr nahrhafte Frucht des Zeugnisses unserer Märtyrer. Als sich die Stiftsherren im 11. Jahrhundert entschlossen, dieses Münster zu bauen und der Propst Gerhard von Are mit seinen Ideen hundert Jahre später die Bauarbeiten noch einmal beflügelte, pflanzten sie, was wir heute ernten. Dieses Münster, ein europäisches Monument, wie es ein Kunsthistoriker einmal genannt hat, ist wirklich ein geistliches Zentrum unserer Stadt.

 

Aber wir wollen nicht nur zurück blicken. Wie kann es weiter gehen mit dem christlichen Zeugnis in unserer Stadt, in unserem Erzbistum, in unserem Land. Wir sind gewiss nicht die ersten, die vielleicht etwas resignativ diese Frage stellen.

 

Den Christen, die gegen Ende des 1. Jahrhunderts lebten und für die Johannes sein Evangelium schrieb, ging es genauso. Nach der ersten Begeisterung waren sie durch erste Verfolgungen auch verunsichert und manchmal gewiss auch glaubensmüde. Johannes antwortete mit einer Geschichte Jesu: vom Weinstock und den Reben. Eine Geschichte voller Bilder, die einen sehr drastischen Höhepunkt erreicht in dem Wort: getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Mehr noch: getrennt von mir werdet ihr verdorren. 

 

Das klingt wie die Alternative in der jüdischen Geschichte vom Anfang. „Freunde oder Tod". Nur wenn jeder Einzelne aus einer lebendigen Beziehung zu Christus heraus lebt, wenn er sich mit ihm verbunden weiß, wie ein Rebzweig mit dem Weinstock verbunden ist, nur wenn die Kirche aus dieser Beziehung lebt, wird sie Frucht bringen. Alles andere verkommt zum blinden Aktionismus, zum bloßen Durchwursteln.

 

Nur wer aus dieser lebendigen Beziehung heraus lebt, wird bereit sein, zu säen und zu pflanzen für morgen. Das Wort Jesu bringt es auf den Punkt, was heute als Krise beschrieben wird, ist nicht nur fremdverursacht. Es ist auch die Krise des eigenen Glaubens. So ist dieser Festtag ein Anlass zur Freude und zur Dankbarkeit, aber auch zur kritischen Anfrage an uns selbst.

 

Manchmal, wenn ich hier in unserem Münster sitze, denke ich mir: Vor uns steht eine Generalsanierung mit immensen Kosten. Wir investieren gewaltige Summen, menschliches Können und Know-how. Aber mich treibt eine andere Frage um: Würden wir heute den Mut haben, nein, würden wir den Glauben haben, ein solches Bauwerk wie dieses Münster zu errichten – über den Gräbern der Märtyrer, zur Ehre Gottes?

 

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