Adelheid-Jahr, Eröffnung, Predigt

30. Januar 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst zur der Eröffnung des Adelheid-Jahres und der Adelheid-Festwoche anlässlich des 1000. Todestages der Bonner Stadtpatronin, Heilige Adelheid von Vilich, am 30. Januar 2015 in der Stifts- und Pfarrkirche Sankt Peter

 

Was lange währt, fängt endlich an. Viele Wochen und Monaten haben Pfarrer Dörr, Frau Gläser und ihre Mistreiterinner und Mitstreiter dieses Festjahr vorbereitet und geplant. Heute geht es endlich los. Mit welchen Gefühlen gehe ich, gehen vielleicht auch Sie in dieses Festjahr. Drei innere Bewegungen möchte ich benennen:

 

1. Staunend

 

"Adelheid ist die früheste Bonnerin, über die sich eine biographische Skizze schreiben lässt", vermeldet der Landschaftsverband Rheinland auf seiner Webseite, auch wenn Vilich damals noch nicht zu Bonn gehört hat. Sie lebte vor 1000 Jahren.

 

Wen kennen Sie denn noch aus dieser Zeit? Wenn Sie im Geschichtsunterricht gut aufgepasst haben, dann fallen Ihnen vielleicht ein paar Namen ein: Konrad II. der erste Salierkönig, Wilhelm der Eroberer, Heinrich IV. und sein Gang nach Canossa, Papst Gregor VII. am Ende des 11. Jahrhunderts. Aber keiner von ihnen begegnet Ihnen im Alltag unserer Stadt.

 

Auf Adelheid, obwohl erst vor 50 Jahren heiliggesprochen, treffen wir wenigstens einmal im Jahr an Pützchens Markt, wenn wir uns am Brünnchen die Augen auswaschen. In der Bezeichnung von Strassen, Schulen, Häusern und Heimen ist ihr Andenken lebendig. Ich staune schon, wie sich die Verehrung dieser Frau über einen so langen Zeitraum gehalten hat, während die Sterne der Stars von heute schnell verblassen.

 

Die Kirche bewahrt ihr Gedächtnis. Wer stirbt ist nicht aus den Augen aus dem Sinn. Sein Todestag ist der Geburtstag in eine neue ewige Gemeinschaft mit Gott. Das Gedenken an die Toten in jeder Eucharistie und die Feier der Heiligen-Gedenktage offenbart uns das große Gedächtnis der Kirche, aus dem niemand herausfällt. So wird uns auch das Gedenken der Heiligen Adelheid aus dem Schatz der Kirche und der Tradition des Volkes geschenkt.

 

2. Stolz

 

Nicht im Sinne von arrogant oder überheblich, herablassend oder selbstgefällig. Lassen Sie mich es erklären. Von Adelheid wird berichtet, dass sie den Menschen zugewandt war, besonders den Armen und Leidenden und dass ihr die Bildung besonders der jungen Menschen ein Anliegen war.

 

Heute können wir mit großer Anerkennung feststellen, dass in der Kirche unserer Stadt viele Tausend Menschen, haupt- und ehrenamtlich dem Beispiel der Heiligen Adelheid folgen. Was im Caritasverband, in den anderen Sozialverbänden, in den kirchlichen Krankenhäusern, in den Altenheimen, in den Gemeinden und von Einzelnen getan wird, kann sich sehen lassen.

 

Aber auch im Bereich der Bildung können wir auch auf Gegenwärtiges schauen: auf die kirchlichen Schulen der Stadt, auf die Kindertagesstätten und Familienzentren, auf unser Bildungswerk und auf die Familienbildungsstätte, wo Menschen verschiedenen Alters, ohne Rücksicht auf ihre soziale Lage, ihre Herkunft und Religion Bildung erfahren.

Ich bin stolz zu dieser Kirche dazu zu gehören. Natürlich wird in unseren Reihen auch Mist gebaut, natürlich gibt es auch Verwerfliches, das soll nicht verschwiegen werden. Es gibt Ärgerliches und wir vom Bodenpersonal sind keineswegs vollkommen. Aber es gibt auch das viele Gute, das getan wird.

 

Heinrich Böll hat es einmal so formuliert: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“

 

Katholiken müssen sich heute oft dem Vorwurf aussetzen: „Was Du gehörst noch dazu?“ Darauf möchte ich nur antworten: Ja, und ich bin stolz zu einer Gemeinschaft dazu zugehören, die nicht nur eine Frau feiert, die vor 1000 Jahren gelebt und Gutes getan hat, sondern, die auch heute noch im gleichen Geiste wie sie damals handelt, im Geiste Jesu Christi.

 

3. Berufen

 

Aber wir selbst bleiben nicht außen vor, wenn wir die Heilige Adelheid feiern. Papst Franziskus sagt: Heiligkeit ist kein Vorrecht nur einiger weniger. Sie ist vielmehr ein Geschenk, das ohne Ausnahme allen Menschen angeboten wird. Sie ist das Wesensmerkmal eines jeden Christen. ,"Wir alle sind berufen, heilig zu werden!", sagt Papst Franziskus und er fügt hinzu:" Einige meinen, Heiligkeit bedeute, die Augen zu schließen und ein Gesicht aufzusetzen wie auf einem Heiligenbildchen. Nein! Das ist nicht die Heiligkeit! Heiligkeit ist etwas Größeres, etwas Tieferes, das Gott uns schenkt. Ja, jeder Lebensstand führt zur Heiligkeit, immer! Bei dir zuhause, auf der Straße, am Arbeitsplatz, in der Kirche, in jedem Augenblick und in deinem Lebensstand steht der Weg zur Heiligkeit offen. Lasst euch nicht entmutigen, diesen Weg zu gehen." Wir sind berufen zur Heiligkeit - da wo wir leben. Wir müssen nicht die Heilige Adelheid kopieren. Wir müssen nicht Nonne werden - da wären wir Männer ohnehin schon außen vor.

 

Vielleicht kennen einige von Ihnen die Geschichte von Rabbi Sussja, die Martin Buber erzählt: „Vor seinem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt werde ich nicht gefragt werden: ‚Warum bist du nicht Mose gewesen?’ Die Frage wird lauten: ‚Warum bist du nicht Sussja gewesen?’“

 

Mose – das war im Judentum das große Vorbild. So wollten alle sein. So glaubten sie sein zu müssen. Doch Rabbi Sussja erkennt: Gott hat mich nicht in diese Welt gesetzt, um eine Kopie von Mose zu werden. Er hat mich als den Sussja geschaffen, den es nur einmal gibt.

 

Jeden und jede von uns gibt es auch nur einmal, so wie es Adelheid nur einmal gegeben hat. Uns verbindet mit ihr die Berufung zur Heiligkeit. Die können wir in unserem Leben realisieren. Jeder und jede auf seine Weise.

 

So lade ich Sie ein, dieses Festjahr miteinander zu feiern: Staunend – Stolz – Berufen

Zurück