Adelheidjahr, 50. Jahrestag der Bestätigung der Verehrung, Predigt

28. Januar 2016; Wilfried Schumacher

Büste der Heiligen Adelheid in der Stifts- und Pfarrkirche Sankt Petrus

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 50. Jahrestag der Bestätigung der Verehrung der Heiligen Adelheid von Vilich am Mittwoch, 27. Januar 2015, in der der Stifts- und Pfarrkirche Sankt Peter, Bonn-Vilich

  

Ein barockes Andachtsbild zeigt eine Vielzahl von Wundern, die der Hl. Adelheid zugesprochen werden. Wunder sind wichtig, wenn ein Mensch heiliggesprochen werden soll. Heute feiern wir, dass Papst Paul VI. - auf den Tag genau vor 50 Jahren - die Verehrung der Adelheid von Vilich als Heilige bestätigt hat. Die Kirche hat damit amtlich bestätigt, was das Volk Gottes schon seit dem Tod der Heiligen wusste und praktizierte.

 

Die Heilige Adelheid war den Menschen besonders in unserer Heimat ein Vorbild. Sie praktizierte, was die Bibel Barmherzigkeit, Erbarmen nennt. Das deutsche Wort „Erbarmen“ beschreibt eine Tätigkeit: “Ab-armen“ heißt „von Not befreien“. Das entsprechende hebräische oder griechische Wort spricht vom Ursprung, denn es bedeutet auch Mutterschoß, Mutterleib, Herz und Gemüt.

 

Barmherzigkeit ist also nicht nur ein Mitgefühl, nicht nur Mitleid, sondern eine Hinwendung zum Nächsten, die aus der eigenen Tiefe kommt. Barmherzigkeit ist nicht bloße Humanität, sondern Abbild der göttlichen Zuwendung zu uns Menschen. „Seid barmherzig, wie auch Euer himmlischer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus (Mt 5,38). Barmherzigkeit berechnet nicht. Sie gibt bedingungslos. Verschenkt und beschenkt nicht nur den Empfänger, sondern auch den, der gibt.

 

Auf andere zuzugehen, ihnen etwas zu schenken, sich für sie einzusetzen, befreit.

Etwas, das ich vielleicht für mich eingeplant hatte: Zeit, Geld, Kraft anderen zur Verfügung zu stellen, sprengt meine Pläne, meine Sicherheiten, meine Kalkulationen. Ich lasse mein Herz sprechen: Ich gebe es dir, gratis, ohne Bedingung, einfach so. Mein Herz wird weiter und ich selbst auch. Meine Ich-Sucht, meine Angst, meine Härte, meine Herzlosigkeit werden aufgesprengt.

„Barmherzigkeit“ ist ein Schlüsselwort in der Verkündigung von Papst Franziskus. Er hat ein Heiliges Jahr, ein Jahr der Barmherzigkeit, ausgerufen. Angelehnt an das Evangelium vom Gericht beim Evangelisten Matthäus kennen wir die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit:

 

1. Die Hungrigen speisen.

2. Den Dürstenden zu trinken geben.

3. Die Nackten bekleiden.

4. Die Fremden aufnehmen.

5. Die Kranken besuchen.

6. Die Gefangenen besuchen.

7. Die Toten begraben.

 

Vor einigen Jahren hat man im Bistum Erfurt versucht, sieben Werke der Barmherzigkeit heute zu formulieren:

 

1. Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu.

2. Ich höre dir zu.

3. Ich rede gut über dich

4. Ich gehe ein Stück mit dir.

5. Ich teile mit dir.

6. Ich besuche dich

7. Ich bete für dich

 

1. Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu. – Was unsere Gesellschaft oft kalt und unbarmherzig macht, ist die Tatsache, dass in ihr Menschen an den Rand gedrückt werden: die Arbeitslosen, die Ungeborenen, die psychisch Kranken, die Flüchtlinge, die Ausländer usw. "Du gehörst zu uns!" das ist ein sehr aktuelles Werk der Barmherzigkeit.

2. Ich höre dir zu. – Ein Werk der Barmherzigkeit, paradoxerweise gerade im Zeitalter technisch perfekter, hochmoderner Kommunikation so dringlich wie nie zuvor!

3. Ich rede gut über dich. – Was heute freilich oft fehlt, ist die Hochschätzung des anderen, ein grundsätzliches Wohlwollen für ihn und seine Anliegen und die Achtung seiner Person

4. Ich gehe ein Stück mit dir. – Das Signal dieses Werkes der Barmherzigkeit lautet: "Du schaffst das! Komm, ich helfe dir beim Anfangen!"

5. Ich teile mit dir. – Es wird auch in Zukunft keine vollkommene Gerechtigkeit auf Erden geben. Es braucht Hilfe für jene, die sich selbst nicht helfen können. Das Teilen von Geld und Gaben, von Möglichkeiten und Chancen wird in einer Welt noch so perfekter Fürsorge notwendig bleiben.

6. Ich besuche dich. – Besuch schafft Gemeinschaft. Er holt den anderen dort ab, wo er sich sicher und stark fühlt.

7. Ich bete für dich. – Wer für andere betet, schaut auf sie mit anderen Augen. Er begegnet ihnen anders.

 

Ich glaube, Adelheid hätte ihre Freude an diesen aktuellen Formulierungen. Als ich am vergangenen Wochenende die Installation des Frauenmuseums am Grab der Heiligen mit den sieben Frauen sah, habe ich darin ein Bild für die sieben Werke der Barmherzigkeit gesehen – ob klassisch, d.h. biblisch formuliert, oder modern, verheutigt.

 

„Wie sehr wünsche ich mir, dass die kommenden Jahre durchdrängt sein mögen von der Barmherzigkeit und dass wir auf alle Menschen zugehen und ihnen die Güte und Zärtlichkeit Gottes bringen!“, schreibt der Papst in dem Dokument, mit dem er dieses Jahr ankündigt.

 

Adelheid würde uns zurufen: „Lassen wir den Papst mit diesem Wunsch nicht allein!“

 

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