Allerheiligen, Predigt

1. November 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am Hochfest Allerheiligen, Sonntag, 1. November 2015, im Bonner Münster

  

Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht an diesem Allerheiligen-Tag 2015. Das Fest lenkt unseren Blick in den Himmel zu den Heiligen, zu denen, die vom Papst und zu denen, die von unserem Herzen heilig-gesprochen wurden. In der Lesung haben wir die Vision des Sehers Johannes gehört: die große himmlische Versammlung vor dem Thron des Lammes.

 

Und doch wirft mich dieser Text mit seiner himmlischen Perspektive zurück auf die Erde. Johannes schreibt. „Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen.“ Und ich sehe vor mir die Bilder aus dem Fernsehen – diese endlos erscheinenden Trecks von Flüchtlingen, die einem ans Herz gehen und gleichzeitig vielen Menschen Sorge bereiten. „Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen“, sagt Johannes.

 

So schön es wäre, heute nur in den Himmel zu schauen und nur die Heiligen zu feiern, wir müssen auf dieser Erde bleiben und können allenfalls ein Abbild des Himmels auf diese Erde holen.

 

Von Martin Luther, den unsere evangelischen Geschwister am gestrigen Reformationstag gefeiert haben, stammt das Wort: „An Christus glauben ist die Kunst, dass wir aus dem Haus in die Sonne gehen. Die Sonne lässt er scheinen, aber aus dem Haus gehen, das musst du schon selber tun!“ Treten wir also heraus aus dem Haus in das Licht des Evangeliums der Bergpredigt, das wir eben gehört haben. Drei Gedanken dazu:

 

1. Jesus will die Menschen aufrichten und trösten. Er will Gottes Nähe und Zuwendung – mit all denen teilen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Da sind zuerst die Armen. Das sind all jene, die wissen, dass sie ohne die Hilfe der anderen verloren sind. Es geht nicht nur um die, die kein Geld und keinen Besitz haben, sondern um alle, die sich der Zerbrechlichkeit ihres Seins bewusst sind.

 

Deshalb sind die selig, glücklich zu preisen, die sich ihrer Menschlichkeit bewusst sind und auf die Mitmenschlichkeit der anderen angewiesen sind. Dort, wo aber die Not des Nächsten gesehen wird, dort ist auch der menschenfreundliche Gott und damit seine Welt, sein Reich.

Die Vielen, die sich der Flüchtlingsströme annehmen, die nicht wegschauen können beim Elend, die Mitmenschlichkeit vermitteln, leben die Bergpredigt ganz konkret. Sie schaffen ein kleines Abbild des Himmels auf dieser Erde.

 

2. Dann spricht der Herr von den Hungernden. Satt sind die, die nichts mehr erhoffen können, weil sie doch schon alles haben oder es sich auf Kosten der anderen einfach genommen haben. Sie brauchen nicht mehr auf die Erfüllung ihrer Sehnsüchte warten.

Das betrifft auch unsere menschlichen Beziehungen. Wenn man vom anderen nichts mehr erwartet, wenn man ohnedies schon sicher weiß, wie er halt so ist, nimmt man ihm die Chance wachsen und reifen zu können und nimmt sich selbst die Chance auf eine lebendige Beziehung, ja auch auf das eigene Wachstum. Denn dazu braucht es immer wieder die Herausforderung des Neuen, des bisher noch nicht Erlebten.

 

Und in unserer Beziehung zu Gott ist es nicht anders. Auch da braucht es die Sehnsucht, immer mehr von ihm zu erkennen, sich auf die Wege einzulassen, die er uns führt. Es braucht den Mut, auch manche Irrwege zu gehen, Fehler zu machen. Wer selbstgerecht meint, schon den ganzen wahren Glauben zu besitzen, dessen Beziehung zu Gott ist tot.

Wie satt sind wir denn schon?

 

3. Zuletzt noch einige Worte zur Barmherzigkeit. Die Familiensynode ist vorbei. Das Schlusspapier liegt vor. Jetzt liegt es am Papst, was er in den kommenden Monaten daraus macht. Das wird spannend, wenn man bedenkt, dass Papst Franziskus das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat, das am 8. Dezember 2015 beginnt.

 

„Barmherzigkeit […] ist ein Mehr an Aufmerksamkeit, ein Mehr an Gespür, ein Mehr an Empfindsamkeit. […] Auch bei noch so viel Gerechtigkeit wird die Barmherzigkeit nie überflüssig. Gleichzeitig gibt es keinen Rechtsanspruch auf Barmherzigkeit. Wollte man einen solchen konstruieren, würde man die Barmherzigkeit ruinieren.“ (Franz Küberl)

Auch das gilt für unser Verhältnis zu Gott. Gottes Barmherzigkeit können wir uns nicht verdienen. Wir können nur wie Jesus an einen gütigen und barmherzigen Gott glauben. Dieser Gott ist das Fundament seines Lebens.

 

Jesus preist diejenigen selig, nennt glücklich die, die die Barmherzigkeit zu ihrer Lebenshaltung machen:

  • Menschen, die sich um ihre Bedürftigkeit wissen und die sich der Armen annehmen,
  • Menschen, die sich ihrer Sehnsucht bewusst sind,
  • Menschen, die barmherzig sind, sind Menschen, die die Bergpredigt Jesu konkret werden lassen in ihrem Leben.
 

Wenn wir heute an die Gräber unserer Lieben gehen, werden wir gewiss an manchem Grab von Menschen stehen, von denen wir dies sagen können. Auch sie wollen wir heute feiern, wenn wir alle Heiligen ehren.

 

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