Allerseelen, Predigt

2. November 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst an Allerseelen, Montag, 2. November 2015, im Bonner Münster

  

Allerheiligen und Allerseelen sind Tage, die mit dem Gang auf den Friedhof verbunden sind. Dort werden Kerzen an den Gräbern entzündet und Schalen mit Blumenschmuck hingestellt, Symbole der Hoffnung auf ein ewiges Leben.

 

Aber die Friedhöfe sind mehr das, was sie einst waren. Die Beerdigung im Sarg auf dem örtlichen Friedhof ist längst nicht mehr selbstverständlich. Es gibt immer mehr Urnengrabstätten in der Erde, in Mauern und Nischen, auf Wiesen und an Bäumen, oder die Asche wird verstreut. Je nach eigenen Vorlieben lassen sich Menschen in den Bergen, auf hoher See, auf dem privaten Friedhof ihres Lieblingsfußballvereins begraben.

 

Allerseelen ohne Friedhof? Auf der einen Seite ist das undenkbar. Wie das Leben Orte braucht, so braucht auch der Tote und damit der Tod einen Ort. Die Kirche begreift Bestattung als einen Weg, auf dem die Lebenden die Toten begleiten, und dieser Weg führt zu einem Ort, der ganz konkret ist.

 

Der Friedhof ist der Ort der Toten und grenzt sich nach außen hin zur Welt der Lebenden ab. Diese können aber hineinkommen – als Gäste. Die Grenze zwischen dem Friedhof und der Welt außen markiert den Tod als das, was er nach christlichem Verständnis ist: Das natürliche Ende eines jeden Menschen, dem aber widersprochen wird, denn der christliche Glaube steht dem Tod entgegen. So hält ein Friedhof den Tod symbolisch in seinen Grenzen, und man kann selbst entscheiden, wann und ob man ihn aufsucht und wie man ihn deutet, ob als Hoffnungs- oder als Trauerort, oder in welchem Maße beides gemeinsam.

 

Mit diesem christlichen Gedanken aber verbinden viele Menschen in unserer Zeit nichts mehr. Friedhöfe werden von unseren Zeitgenossen als unzeitgemäß empfunden.

 

Jesus Christus hat für viele Menschen als zentrale Gestalt für Leben, Sterben, Tod und Auferstehung an Bedeutung verloren. Menschen wollen selbst entscheiden, wo sie bestattet werden wollen. Individualität und Authentizität sind ihnen wichtig, und entsprechend gehen sie auch mit dem Tod um. Bei Ortswahl für ihre Bestattung werden Menschen dann kreativ und versuchen, grenzenlose Orte zu entdecken: die grüne Wiese, den Friedwald, See oder Meer, die Luft oder den Weltraum. Menschen kreieren ihre Bestattungsorte selbst, ebenso ihre Erinnerungsorte, und diese können auch wieder äußerst verschieden voneinander sein.

 

Das kann man beklagen – aber es bringt nichts. Wir können nur versuchen, unser christliches Profil zu schärfen und vielleicht auch den Menschen Orte anbieten, die von unserem Glauben erzählen und ihnen diesen Weg als gangbaren Weg anbieten.

 

Der Tod begleitet uns ein Leben lang wie ein Schatten. Wenn die Sonne in der Mitte des Tages ganz hoch steht, sehen wir nicht viel davon. Da liegt er unter uns und ist ganz klein. In der Abendsonne jedoch erscheint er oft grotesk und beängstigend lang.

 

Erst durch den Tod werden wir uns bewusst, wie kostbar das Geschenk des Lebens ist und wie wertvoll die Zeit, in der wir aus unserem Leben etwas machen können. In den ersten Lebensjahrzehnten sind wir damit beschäftigt, das Leben zu entdecken, die Geheimnisse der Schöpfung zu enträtseln und Zusammenhänge zu durchschauen. Mit zunehmenden Jahren beginnen wir, unser Leben zu gestalten, ihm Inhalt und Form zu geben. Und wir spüren, wir kurz die Zeit ist, die uns dafür zur Verfügung steht. Dadurch, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, wird sie kostbar.

 

Der Tod konfrontiert uns aber auch mit der Frage, womit wir die uns gegebene Zeit füllen; welchen Inhalt und welchen Sinn wir unserem Leben geben. Am Allerseelentag stehen wir jenen Menschen gegenüber, deren Lebenszeit bereits zu Ende gegangen ist. Von einigen wissen wir, was ihr Leben erfüllt hat, was ihnen gelungen ist, was ihnen verwehrt blieb. Wir schauen mit Ehrfurcht und vielleicht auch mit Dankbarkeit auf sie. Manche haben uns vielleicht auch enttäuscht, sind uns etwas schuldig geblieben oder wir tragen ihnen etwas nach, was wir ihnen noch nicht vergeben konnten.

 

Der Allerselentag ist eine Gelegenheit, den Verstorbenen noch einmal danke zu sagen und ihnen unsere Liebe und Verbundenheit, vielleicht sogar unsere Bewunderung zu zeigen.

Der Allerseelentag ist aber auch eine Einladung zur Versöhnung, zum Vergeben, Frieden zu schließen.

 

Der Tod konfrontiert uns aber auch noch umfassender mit der Sinnfrage: Was kommt danach? Gibt es ein Leben jenseits des Wahrnehmbaren? Wohin geht die Seele, wenn wir den toten Leib zu Grabe tragen? Wird er ausgelöscht, wie manche glauben?

 

Als Christen glauben wir an einen Schöpfer, der uns das Leben aus Liebe geschenkt hat. Es ist aus einem Akt der Liebe - zumindest von Seiten des Schöpfers - hervorgegangen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein liebender Gott fallen lässt, was er liebt. Jesus ist nicht müde geworden, uns von der Liebe eines guten Vaters im Himmel zu überzeugen. Menschliche Liebe kann unter Umständen erlöschen. In der Auferweckung Jesu hat Gott gezeigt, dass seine Liebe nicht erlischt, dass er nicht im Stich lässt, was er liebt.

 

So richtet sich unsere Hoffnung an diesem Tag ganz auf Gott: Er wird die Verstorbenen, mit denen wir uns verbunden fühlen, nicht zugrunde gehen lassen. Und er wird auch unser Leben nicht zu Ende sein lassen, wenn es mit uns einmal so weit sein wird.

 

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