Bröckemännche-Preis 2016, Laudatio

19. Januar 2016; Wilfried Schumacher

Laudatio von Msgr. Wilfried Schumacher, Stadtdechant von Bonn, anlässlich der Verleihung des „Bröckemännche-Preises“ des Bonner Medienclubs an den „Bönnschen Karneval“ am 18. Januar 2016 im Foyer der Deutschen Welle, Bonn

Manuskript. Es gilt das gesprochene Wort. Anmerkung: Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher erhielt 2001 den Bröckemännche-Preis.

 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrter Herr Intendant,

lieber Andreas Archut, liebe Marlies Stockhorst,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

 

Ich befürchte, der Bonner Medienclub hat mit der Auswahl des Laudators den Bock zum Gärtner gemacht. Denn immerhin war ich selbst schon einmal Thema eines Mottowagens im Bonner Rosenmontagszug, weil ich gegen den Lärm auf dem Münsterplatz im Schatten des Münsters zu Felde gezogen bin.

 

Damals wie heute ging und geht es mir in erster Linie nicht um den Lärm, sondern mehr um die Qualität der Veranstaltungen mitten in der City. Und auch dies sei einleitend gesagt: Mit der Klangwelle hatten wir nie Probleme, genauso wenig wie mit der Südkurve anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006. Denn es gibt Veranstalter, meistens kommen sie aus Bonn, die um die Besonderheit des Platzes und auch des Bonner Münsters wissen und ebenso die vielen Touristen wie auch Beter respektieren. Dann gibt es gute Kooperationen und sinnvolle Absprachen!

 

Ich bin eingeladen, heute Abend hier die Laudatio auf den diesjährigen Preisträger zu halten, wobei Andreas Archut eben noch einmal den zentralen Satz der Begründung genannt hat: „Der Bröckemännche-Preis 2016 soll eine Ermutigung sein für alle, die sich in Bonn noch trauen, laut zu sein. Laut im Sinne von lebendig, fröhlich, ungezwungen.“

 

Das hat mich dann doch beruhigt, denn erste Schlagzeilen ließen vermuten, es solle der Lärm in dieser Stadt prämiert werden. Die Leute entlang der Bundesbahn und in der Einflugschneise des Flughafens hätten es doch als sehr seltsam empfunden. Ebenso seltsam wie das Plakat „Bonn bleibt laut“ der Jungen Union im OB-Wahlkampf. Laut und Lärm ist kein Kennzeichen von Qualität. „Leere Töpfe machen den größten Lärm“, sagt ein Sprichwort.

 

Nein, Bonn muss lebendig bleiben, mal laut, mal leise, so wie es dem Leben dient; dem Leben der Menschen, die hier leben oder arbeiten, die uns besuchen oder mit uns feiern. Zum lebendigen Bonn gehört nun mal der Karneval. Viele Gründe fielen mir ein, um ihn auszuzeichnen. Fünf möchte ich nennen, nicht elf!

  

1. Karneval ist alt, hat Tradition!

 

Für eine Stadt ohne Geschichtsbewusstsein, deren Geschichte für die meisten 1949 beginnt und für Musikliebhaber allenfalls noch 1770, ist ein großes Alter nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal. Für mich schon!

 

Schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts, zu einer Zeit, in der das Bonner Münster fertig gestellt wurde, weiß der Mönch Caesarius aus Heisterbachdass der Tag vor Aschermittwoch in geselliger Runde mit Essen und Trinken begangen wird und die Festgäste oft von dort zum Gottesdienst am Aschermittwoch-Morgen aufbrachen. Keine schlechte Gepflogenheit.

 

Für den echten Karnevalisten ist am Aschermittwoch alles vorbei. Er weiß, alles hat seine Zeit! Für mich persönlich ist die Nacht von Fastnachtsdienstag auf Aschermittwoch die spannendste Nacht des Jahres. Keine andere Zäsur ist so heftig: Weihnachtsstimmung gibt es schon Wochen vorher, Silvesterböller knallen schon vor dem 31. Dezember. Echte Jecken wissen: nur wer den Nubbel wirklich verbrennt oder wie in Bonn die Prinzenfedern rupft, weiß, dass die Schwüre von Treue aus den närrischen Tagen dahin sind. Und wer Karneval im Sommer feiert, wird zum Opfer einer inhaltlosen Eventkultur.

  

2. Karneval gibt’s es nur in Gemeinschaft

 

Versuchen Sie einmal, Karneval allein zu feiern. Ich weiß wovon ich spreche: Als ich einmal zu einer Kur über die Karnevalszeit verdonnert wurde und im tief verschneiten Bayern allein vor dem Fernseher saß, war mir doch eher zum Weinen als zum Lachen. Zum Karneval braucht man Gemeinschaft. Man braucht den Nebenmann (die gendergerechte Formulierung „Nebenfrau“ ist an dieser Stelle irreführend), mit dem man schunkeln, bützen, tanzen, singen, lachen kann. Das dachten sich auch die Handwerkergesellen, die schon im Mittelalter lärmend und tanzend durch die Gassen der Stadt zogen, später auch maskiert und immer auf der Suche nach Passanten, die ihnen etwas spendierten. So mancher „Köttzoch“ hat sich bis heute erhalten.

 

Daraus ergibt sich auch, dass man Karneval nicht als Zuschauer feiern kann. Man muss metmaache! „Jecke Sache met ze maache drövver laache, dat es Karneval. Witzjer brenge, Leedscher senge, danze, sprenge, dat es Karneval“, singt Wicky Jungeburth.

  

3. Karneval reizt die Obrigkeit

 

Nicht alles, was in den närrischen Tagen passiert, gefällt der Obrigkeit. Manch offenes Wort und zügellose Treiben erzürnt die Mächtigen. Die erste schriftliche Erwähnung des Bonner Karnevals findet sich in einer Polizeiverordnung des Jahres 1585, in der das Ende der bestehenden „Bonner Fastnachtgesellschaft“ durch den Kurfürsten Ernst von Bayern verfügt wird. Zehn Jahre später hieß es in der Kurfürstliche Polizei- und Landesordnung, die Karnevalsfeiern seien auf einen einzigen Tag, den Rosenmontag, zu beschränken. Aufhören sollten vor allem „die Nachtgelage, das Nachtsauffen, die Schwertdentzer und Mummereyen … sambt allen übermessigen Fressen, Sauffen, Dantzen und alle Leichtfertigkeit, sonderlich am Escher Mittwoch und in der ganzen vierzigtägigen Fasten“.

 

Ferdinand von Bayern wollte 1622 aus Angst vor der umgreifenden Sittenlosigkeit, das Fastnachtstreiben unter Strafandrohung von drei Goldgulden unterbinden. Einer seiner Nachfolger, Clemens August hat sich wohl nicht daran gehalten. Er stirbt am Aschermittwoch 1761 nach einer ausschweifenden Karnevalsfeier am Tag zuvor, auf dem er mit den adligen Damen „wohl acht bis neun Touren“ hintereinander getanzt hatte, bis ihn Übelkeit und Schwäche übermannte. Was soll man davon halten? Der Mann war immerhin Erzbischof von Köln, Fürstbischof von Regensburg, Münster, Osnabrück, Paderborn und Hildesheim.

 

Auch die preußische Obrigkeit verbot 1828 den Karneval und die Nationalsozialisten taten alles, um den Karneval gleichzuschaltet. Kleingekriegt haben sie ihn dennoch nicht.

  

4. Karneval ist laut!

 

Er kommt zwar leise daher „wenn dat Trömmelche jeht“, aber wir wissen, „et muß op die Trumm geklopp“ werden, damit das richtige Gefühl dazu kommt. Und der eingefleischte Rheinländer ist wie ein Zirkuspferd, das in Bewegung gerät, wenn die richtige Musik ertönt – ob in Bonn, Köln oder Rio, ob zu Karneval oder bei einer Sommerparty. Viva Colonia trifft nun mal das rheinische Lebensgefühl, - egal wo man ist.

 

Das Feiern der Menschen hat sich verändert. Die Sitzungen werden immer mehr zu Partys, die Büttenreden werden seltener, stattdessen wird getanzt und gesungen – unterstützt von lautstarken Verstärkern. Wer es nicht mag, geht zur neuesten Erfindung des Karnevals, den sogenannten „Flüstersitzungen“ – eigentlich ein Widerspruch in sich.

 

Aber getreu dem Motto „Jeck loss jeck elans“ soll jeder feiern wie er möchte. Wen es stört, der mag sich trösten, „am Aschermittwoch ist alles vorbei“.

5. Der Karneval hat eine soziale Dimension

 

Das jecke Treiben führt Menschen aller Schichten zusammen. Beim russischen Kulturtheoretiker Michael Bachtin fand ich eine schon fast theologische Definition: „Der Karneval vereinigt, vermengt und vermählt das Geheiligte mit dem Profanen, das Hohe mit dem Niedrigen, das Große mit dem Winzigen, das Weise mit dem Törichten.“

 

Der neuzeitliche Karneval hat von Anfang an eine soziale Dimension. Wer auf den Straßen feiern wollte, musste schon vor 190 Jahren bei der „wohltätigen Kommission“ in der Brüdergasse ein Billet für den Preis von 6 Pfennigen erwerben. Immer wieder ist in den Annalen die Rede davon, dass Überschüsse aus den Sammlungen den Armen der Stadt zur Verfügung gestellt wurden. Auch der Rathaussturm der Stadtsoldaten war von Anfang an mit diesem Brauch verbunden. Übrigens trafen sich die Gesellschaften früher am Mitfastensonntag Lätare, also mitten in der Fastenzeit, um die erwirtschafteten Gelder sozial zu verteilen. Welch gute alte Zeit!

  

Fünf Gründe, um den Karneval auszuzeichnen. Fünf Gründe, die von seiner Lebendigkeit sprechen. Man kriegt ihn nicht tot – nicht mit Verboten, und nicht mit Paragrafen. Fünf Gründe für das Brööckemännche.

  

Bröckemännche-Preis

Der Bonner Medien-Club (BMC) ehrt mit seinem renommierten Bröckemännche-Preis 2016 den Bönnschen Karneval und damit erstmals eine Institution. Das hat der Vorstand der Bonner Vereinigung von über 200 Journalisten, Pressesprechern und Medienschaffenden jetzt bekanntgegeben. Die Auszeichnung wird jährlich an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vergeben, die in guter rheinischer Manier "wider den Stachel löcken". Beim Neujahrsempfang des BMC am 18. Januar 2016 wird die Präsidentin des Festausschusses Bonner Karneval, Marlies Stockhorst, den Preis stellvertretend für den Bönnschen Karneval entgegennehmen. Der Bönnsche Karneval ist der erste „immaterielle“ Preisträger des Bröckemännche-Preises – denn der rheinische Karneval, zu dem er gehört, wurde 2014 zum immateriellen Kulturerbe des Landes Nordrhein-Westfalen erklärt und in Deutschlands in das neue bundesweite Verzeichnis von Traditionen und Wissensformen des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen. Der rheinische Karneval steht damit auf einer Stufe mit der Morsetelegrafie, der deutschen Brotkunst, dem Reetdach-Decken und über 20 weiteren Bräuchen und Traditionen auf der deutschen Liste des immateriellen Kulturerbes.

 

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