Christi Himmelfahrt, Predigt

14. Mai 2015; Wilfried Schumacher

Christi Himmelfahrt, Fenster im südlichen Querhaus des Bonner Münsters

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Himmelfahrtskapelle in Jerusalem Fußabdrücke in der Himmelfahrtskapelle

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt, 14. Mai 2015, im Bonner Münster

 

Auf dem Gipfel des Jerusalemer Ölberges steht eine kleine Moschee; früher war sie eine Kirche. Die lokale Überlieferung weiß, dass Jesus an dieser Stelle in den Himmel aufgefahren sein soll. Zum Beweis dafür wird den Besuchern der Moschee ein Stein gezeigt, auf dem deutlich ein Paar Fußabdrücke zu erkennen ist - angeblich die letzten Fußspuren Jesu vor seiner Himmelfahrt. Ist das nur kindlich, naiv oder vielleicht doch ein Symbol, über das sich das Nachdenken lohnt.

 

Fußspuren zeigen einen Weg an, einen Weg, den jemand - ein Tier oder ein Mensch - gegangen ist. Sie machen es möglich, einen Weg ebenso nachzuvollziehen. Was aber, wenn die Spur sich verliert, wenn sie gar plötzlich abbricht? – Das ist die Frage, vor die uns das heutige Fest Christi Himmelfahrt stellt. Und in den kuriosen Fußabdrücken am Jerusalemer Ölberg ist diese Frage gleichsam zu Stein geworden.

 

Heute wie damals heißt es: Wie können wir denn den Kontakt mit Jesus und wie seine Spur halten? So fragen viele Menschen: Wie kann ich in Kontakt mit Jesus kommen mit einer Bibel, deren Sprache und Vorstellungswelt mir immer fremder werden? Mit kirchlichen Traditionen und Ritualen, deren Sinn und Symbolik sich immer schwerer erschließen? Wie geht Christsein in einer Welt, in der Jesu Spuren einfach immer undeutlicher, für viele immer unverständlicher und unvermittelbarer, immer schlechter nachvollziehbar zu werden scheinen - in einer Welt, die längst ganz andere Spuren verfolgt? Christen fragen sich selbst kritisch: Bin ich selbst überhaupt noch auf der richtigen Fährte?

 

Die Botschaft dieses Festes Christi Himmelfahrt ist zunächst eine sehr nüchterne: „Christ sein“, - das ist und das war von allem Anfang an ein Leben angesichts einer sich verlierenden, angesichts einer abgebrochenen Spur. Wie gehen wir damit um?

 

Ich möchte Ihnen erzählen von einem Afrikaner, dessen Vater von Beruf noch ein echter Waldläufer, ein Jäger und Kurier zwischen Urwalddörfern war. Er hat von seinem Vater gelernt, was man tun kann, wenn sich Fußspuren plötzlich verlieren:

Entweder du kümmerst Dich nicht mehr weiter darum und gibst sie auf oder du setzt die abgebrochene, unsichtbar gewordene Spur selber fort. – Wie? – Nun, du musst zuvor anhand der vorhandenen Spuren das zu suchende Wesen eingehend studieren: also seine Gangart, seine Größe, seine Wendigkeit und auch den an den Spuren abzulesenden Charakter des Lebewesens.

Und wenn dieses Bild in Dir so lebendig geworden ist, dass Du wie ein Schauspieler selbst in die Rolle des zu verfolgenden Wesens schlüpfen kannst, dann gehst Du wieder zu der Stelle, wo seine Spuren aufgehört haben und läufst den Weg einfach so weiter, wie ihn das gesuchte Wesen wohl selbst gelaufen ist oder wäre.

„Mein Vater“, bekräftigte der Afrikaner nicht ohne Stolz, „hat auf diese Weise noch immer gefunden, was er suchte, und ist noch nie irre gegangen.“

 

Den Weg so weitergehen, wie ihn das gesuchte Wesen wohl selbst gelaufen ist oder wäre! - Könnte das nicht die Botschaft jener letzten Fußabdrücke Jesu auf dem Jerusalemer Ölberg für uns sein? Als Christen Spurensucher zu werden. - Den Weg Jesu sozusagen an seiner Statt dort fortzusetzen, wo sich seine Spuren in dieser Welt verlieren! Oder anders gesagt: Den eigenen Weg so zu gehen, wie ihn wohl Jesus selber gegangen wäre.

 

Das ist einfacher gesagt als getan - wie auch das Spurenlesen gelernt sein will: Zunächst geht es in meinem Christsein dann also darum, die Spuren Jesu in dieser Welt zu studieren, verstehen und deuten zu lernen: Jesu Spuren, wie sie mir in der Heiligen Schrift überliefert sind. Wie sie mir aber nicht weniger aufleuchten können in den vielfältigen Lebensentwürfen von Menschen, die in überzeugender Weise den Weg Jesu sind.

 

Schließlich gilt es auch, Jesu Spuren in meinem eigenen Leben aufzuspüren und zu deuten: die Erfahrungen von Heil, von gelingenden Beziehungen, von Treue und Integrität, von innerer Freiheit und Aufrichtigkeit auch inmitten von Widerwärtigkeiten, die Erfahrung von Schuld und Vergebung.

 

Gestalt und Person Jesu können auf diese Weise ein klares Profil erhalten. Jesus kann so lebendig werden für mich, dass Er gleichsam in mir weiterzuleben beginnt. Dann erst werde ich meinen Weg durch diese Welt als Christ gehen, werde ich Jesus nachfolgen können - trotz abgebrochener Spuren. Wie sagte der Herr bei seiner Himmelfahrt: Ihr werdet meine Zeugen sein bis an die Grenzen der Erde.

 

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