Dankmesse für die ehemaligen Dechanten, Predigt

27. Januar 2017; Ansgar Puff

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Predigt von Weihbischof Ansgar Puff in der Dankmesse für die ehemaligen Bonner Dechanten und ihre Stellvertreter am Freitag, 27. Januar 2017, im Bonner Münster

  

Liebe Schwestern und Brüder,

aus ganzem Herzen schließe ich mich dem Dank an, der schon zu Beginn unserer Eucharistiefeier ausgedrückt und die Überreichung der Kerzen deutlich geworden ist!


Die Neuordnung der Dekanate im Erzbistum Köln, die zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten ist, bedeutet für Bonn, dass aus vier Dekanaten nun ein einziges Dekanat, das Stadtdekanat, geworden ist. Damit endet die Amtszeit von Dechant Adelkamp im Dekanat Bonn Nord, von Dechant Kemmerling im Dekanat Bonn Mitte / Süd, von Dechant Picken im Dekanat Bad Godesberg und von Dechant Dr. Evertz im Dekanat Bonn Beuel.

 

Das Kirchenrecht zählt die Aufgaben eines Dechanten auf: Der Dechant hat den Auftrag, die gemeinsame pastorale Tätigkeit im Dekanat zu fördern, zu sorgen, dass sich die Seelsorger regelmäßig treffen und austauschen. Er soll sich um die kümmern, die krank oder in Schwierigkeiten sind, er soll sich um eine würdige Beerdigung der verstorbenen Mitbrüder kümmern und darauf achten, dass alles in den Pfarreien rite et recte zugeht.

 

Das, was sich so trocken anhört, ist eine wichtige Aufgabe, die ihr, lieber Alfons, lieber Bernd, lieber Wilfried viele Jahre und Jahrzehnte mit Herzblut und engagiert getan habt. Ihr habt immer wieder neue Ideen gesucht, um die Recollectio interessant und für alle mit geistlichem Gewinn zu gestalten, die Visitationen mit vorbereitet, euch bei Konflikten als Vermittler angeboten, den Stress mit dem Notfallhandy durchgehalten, beim Priesterrat manchen Streit mit dem Generalvikariat zur Sprache gebracht, und im Stillen manche mitbrüderliche Hilfe geleistet, von der nie jemand etwas erfahren hat.

 

Das alles habt ihr mit großer Geduld, Zugewandtheit und Klugheit neben euren Aufgaben als Pfarrer geleistet! Herzlichen Dank, Bernd, Alfons, Wilfried und Wolfgang! In den Dank schließe ich auch die Definitoren ein! Auch Euch, lieber Raimund, lieber Herrmann, lieber Jozef und lieber Dieter herzlichen Dank! Ihr habt alle als Vertrauenspersonen für die Mitbrüder, für die laienpastoralen Dienste und für Eure Dekanatsräte unendlich viel Gutes getan.

 

Warum diese Veränderung der Dekanate? Ein Blick auf die Zahlen macht das deutlich: Früher gab es in Bonn neben den Kaplänen, Diakonen, Pastoral- und Gemeindereferenten 54 Pfarrer; heute sind es noch elf. Als ich in Bad Godesberg meine Kindheit verbrachte, gab es ja im Dekanat Bad Godesberg 15 Pfarrer, heute gibt es noch einen. Im Dekanat Mitte/Süd gab es zu meinen Studienzeiten im Albertinum 13 Pfarrer; heute sind es vier. Im Dekanat Nord gab es als ich 1981 in der Thuarstraße wohnte 15 Pfarrer, jetzt sind es drei. Und in Beuel gab es zu der Zeit, als Du, Wilfried, Repetent im Albertinum wurdest, 11 Pfarrer, heute sind es drei.

 

Natürlich gibt es Gott sei Dank immer noch viele Pfarrvikare, Kapläne, Subsidiare, laienpastorale Seelsorger und Diakone; aber die Zahlen sprechen schon eine deutliche Sprache: Es hat sich viel verändert!

 

Mancher beklagt ja auch, dass sich auch sonst in der Kirche so vieles zum weniger Guten verändert hat: Immer weniger Menschen haben Interesse an Gott, in den Sonntagsmessen trifft man vor allem die ältere Generation an, das Bindungsverhalten der Gemeindemitglieder verändert sich stark! Unsere Kirche ist extrem herausgefordert; alte Antworten und Formen passen nicht mehr; wir kommen uns vor wie auf einer Wüstenwanderung und sind unsicher, was Gott uns durch eine solche Zeit der Entbehrung und Veränderung sagen will.

 

Die große Vision Jesu vom Reich Gottes, vom Himmelreich, das nahegekommen ist, scheint uns in weite Ferne gerückt zu sein! Gibt es in Bonn Orte, wo Menschen Gott so begegnen, dass sie heil werden? Bieten unsere Gemeinschaften und Pfarreien die Chance, da Gott das Herz der Menschen berühren und verwandeln kann?

 

Das Himmelreich: Die Fülle von Glück und Freude, von Lebendigkeit und Sinn, von Gemeinschaft und Versöhnung, hat dieses Himmelreich, hat das Reich Gottes in unseren Familien, in unseren Gruppen und Pfarreien begonnen?

 

Mancher denkt: Man sieht davon so wenig! Es gibt vielleicht winzige Ansätze, aber werden die sich durchsetzen? Wo wächst das Reich Gottes, wenn die Kommunionkinder nach dem Weißen Sonntag bis auf wenige Ausnahmen wieder verschwinden? Ist Gottes Herrschaft wirklich nahe, auch wenn ich keine Anfragen nach dem Glauben, sondern nur eine Flut von Vorschriften aus dem Generalvikariat auf den Schreibtisch bekomme? Wo ist das Reich Gottes?  

 

Schon zurzeit Jesu gab es diese Fragen! Die Vision Jesu und seine Verkündigung vom Reich Gottes kam bei seinen Zuhörern bei Weitem nicht so gut an, wie die Jünger sich das erhofft hatte. Und seine Jünger frustrierte das. Um dem entgegenzuwirken und der Verbreitung des Evangeliums einen neuen Schub zu geben, erzählt Jesus Gleichnisse. Zwei Gleichnisse haben wir gerade gehört.

 

Im ersten Gleichnis geht es um die Verkündigung des Reiches Gottes durch uns:

Wenn wir das Wort Gottes unter die Menschen bringen, wächst es aus eigener Keimkraft heran. Es bringt seine Frucht von selbst, automatisch! Das ist eine große Entlastung! Aber: Wachstumsprozesse geschehen im Verborgenen! Man sieht sie kaum. Wir brauchen Geduld!

 

Das ist wie beim Wachstum von Kindern. Du kannst Dich nicht neben einem Kind stellen und verlangen: Jetzt wachse! Ich will das sehen! Wachstum geschieht im Verborgenen. Unscheinbar. Aber von selbst. Und plötzlich sieht die Mutter: Die Schuhe sind zu klein geworden! Die Hose hat ja Hochwasser. Das Kind ist gewachsen.

 

Genauso ist es beim Wachsen des Reiches Gottes, beim Christwerden. Auch Christwerden braucht Geduld. Auch Christwerden geschieht im Verborgenen. Denn das Wachsen des Reiches Gottes im Herzen eines Menschen geschieht durch vielfältige Begegnungen und Erfahrungen im Alltag. Das Vertrauen, dass ich mich selbst loslassen kann, dass ich mein Leben und die Menschen, die mir anvertraut sind und die ich liebe, Gott anvertrauen kann, wächst mit jeder Erfahrung! Das braucht Geduld!

 

Aber wo das Wort Gottes in einen Menschen gesät ist, da wächst es und bringt als Frucht Heilung, Hingabebereitschaft, Warmherzigkeit, Gottesliebe, kurz gesagt das Reich Gottes, hervor!

 

Das zweite Gleichnis zielt in dieselbe Richtung: Selbst winzige Anfänge der Verkündigung führen zu einem großen Ergebnis. Jesus hat das Senfkorn nicht nur

wegen seiner sprichwörtlichen Winzigkeit gewählt. Unter den Bauern seiner Zeit galt das Senfkorn als Unkraut, dem man nicht wirklich Herr werden konnte. Genau das will Jesus mit einem Augenzwinkern sagen: Einmal von uns als Boten Gottes in die Welt gebracht, wird man das Reich Gottes nicht mehr los!

 

Trotzdem sind wir manchmal traurig und resigniert. Lohnt sich der Aufwand? Arbeite ich nicht für die Tonne?

 

In solchen Momenten erinnere ich mich immer an ein drittes Gleichnis Jesu: An das Gleichnis vom verrückten Bauern, der ohne Rücksicht auf Verluste einfach sät. Ein Teil fällt auf Fels, in die Dornen, ein Teil wird von Vögeln gefressen. Aber ein Teil fällt auf guten Boden und wächst. Und der Bauer ist nicht frustriert, dass drei Viertel seiner Arbeit umsonst ist, dass er für die Tonne gearbeitet hat, er sagt nicht: Es ist sinnlos, ich hab ja keinen Erfolg! Er staunt und freut sich über das, was wächst! Tun wir unsere Arbeit ohne zu fragen, ob sich das lohnt! Schmeißen wir mit Liebe nur so um uns!

 

Die große Vision Jesu, das Reich Gottes, dieses Berührtsein von Gott, das zu einem erfüllten und glücklichen Leben führt, ist schon jetzt nicht mehr auszurotten! Und wächst. Auch heute.

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