Dritter Advent, Predigt

13. Dezember 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am dritten Sonntag im Advent, 13. Dezember 2015, im Bonner Münster mit Überbringung des Friedenslichts aus Bethlehem durch die Bonner Pfadfinder

 

LIEBE

 

Es sollte ein Experiment werden; aber mit dem Ergebnis hatte keiner gerechnet. Die Kinderreporter der WDR Lokalzeit wollten testen, wie lange ein weinendes Kind am Straßenrand sitzt und von den Passanten nicht beachtet wird. Das erschütternde Fazit: nur wenige Menschen blieben stehen. Den meisten war das weinende Kind egal. Sie gingen vorüber, standen wenige Meter telefonierend neben ihm oder unterhielten sich miteinander. Ein erschreckendes Beispiel der Gleichgültigkeit!

 

Papst Franziskus spricht immer wieder von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, die uns langsam an das Leiden der anderen „gewöhnt“ als wäre es normal. In Evangelium Gaudium schreibt er: „Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen, wir weinen nicht mehr angesichts des Dramas der anderen, noch sind wir daran interessiert, uns um sie zu kümmern, als sei all das eine uns fern liegende Verantwortung, die uns nichts angeht.“ (EG 54).

 

Harte, aber realistische Worte – vor dem Hintergrund der alttestamentlichen Botschaft, die uns heute verkündet wurde: „Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich, und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der Herr hat das Urteil gegen dich aufgehoben […]. Der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. […] Lass die Hände nicht sinken! Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir.“

 

Wir sind Gott nicht gleichgültig! Wie ein junger Mann, der frisch verliebt ist, so ist Gott verliebt in die Menschen. Er verspricht uns einen Neuanfang. Lass die Hände nicht sinken. Nimm dein Leben wieder selbst in die Hand, Gott ist an deiner Seite, um dir dabei zu helfen. Gottes Nähe bewirkt, dass auch unser Leben neu wird. Deshalb die gleich vierfache Aufforderung: Juble, jauchze, frohlocke, freue Dich!

Allerdings tun sich manche auch von uns damit schwer. Jene, die bei uns zurzeit nichts zu lachen: Die Krankheit, die nicht besser wird, die zerbrochene Partnerschaft, der Tod eines Familienangehörigen, der Verlust des Arbeitsplatzes.

 

All denen macht der Prophet Zefanja ebenfalls Mut. Verliert nicht den Mut! Schaut, Gott hat euch in der Vergangenheit immer wieder Gründe gegeben, euch zu freuen. Er wird das auch in Zukunft tun, auch wenn ihr das momentan beim besten Willen nicht glauben könnt. Gott wird euch retten aus eurer momentanen Lage, denn er liebt euch, er freut sich über euch, und er will, dass auch ihr wieder froh werdet.

 

Genau das ist die Mitte unseres Glaubens, diese Zusage. Trotz unserer Schwachheit und Versagen, Gott bleibt uns treu! Er legt uns nicht fest auf die Fehler der Vergangenheit, auf das Versagen und die Misserfolge in unserer Biografie. Er zeigt nicht mit dem Finger auf uns nach dem Motto: Du hast einmal gesagt, Du hast einmal getan! „Keine Sünde kann die barmherzige Nähe des Herrn beseitigen“, sagte Papst Franziskus gestern in Rom.

 

Der Prophet Zefanja ist überzeugt: „Er erneuert seine Liebe zu Dir!“ Deshalb habe wir als dritte Gabe unseres Adventsschiffes die „Liebe“ identifiziert. Die Liebe, die Gott dem Menschen schenkt.

 

Von Gott geliebt, können wir nicht anders als „auf die Globalisierung der Gleichgültigkeit mit einer Globalisierung der Solidarität und Brüderlichkeit zu antworten“. Das beginnt bei den einfachen, alltäglichen Gesten: ein gutes Wort, einen Gruß, ein „Guten Tag“ oder ein Lächeln. Sie kosten uns nichts, können aber Hoffnung geben.

 

Das führt über das Engagement in Gruppen und Vereinen, die der Gemeinschaft dienen, bis hin zur politischen Aktion, die sich nicht mehr dem Machtstreben verpflichtet fühlt, sondern dem Wohl der Menschen.

 

Alles Hoffnungszeichen, die in der Dunkelheit unserer kleinen oder auch großen Welt leuchten – wie das Friedenslicht aus Bethlehem, das uns heute gebracht wurde.

  

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