Dritter Advent, Predigt

17. Dezember 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 3. Advent, Sonntag, 14. Dezember 2014, im Bonner Münster

 

Drei Kerzen brennen bereits an unserem Adventskranz. Drei Kerzen stehen brennen heute stellvertretend:

  • für uns selbst,
  • für den Frieden,
  • für die Menschen in Bethlehem.

 

1. Wer bin ich?

Diese Frage quält Dietrich Bonhoeffer als er im Gefängnis der Nationalsozialisten sitzt:

Er schreibt: „Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?“

 

Wer bin ich? – Diese Frage wird sich auch der Täufer gestellt haben, als die Spitzel aus Jerusalem kamen, um sich Klarheit zu verschaffen, was es mit diesem seltsamen Prediger auf sich hat.

 

Wer bin ich? Mir kommt es so vor, als könnten wir aus uns selbst diese Frage nicht beantworten. Es bedarf langer Wege mit vielen schmerzlichen Erfahrungen bis ich soweit bin, dass ich weiß, wer ich bin. Oft scheint es mir, als stünde ich im Dunkel vor einem Spiegel und erkenne nur die Umrisse im Spiegel, weil mir das Licht fehlt.

 

Gerate ich dagegen ins Licht Christi, dann kann ich mich selbst erkennen, so wie es Johannes dem Täufer geschieht: „Nein, das bin ich nicht!“, sagt er zu Beginn als ihm die Ehrentitel wie prächtige Kleider hingehalten werden: „Bist du der Prophet? Der wiedergekommene Elia? Gar der Messias?“ – Es ist die Versuchung der Schmeichelei.

 

Wenn uns jemand schmeichelt, leben wir immer in der Gefahr, diesen Schmeicheleien entsprechen zu wollen – wer möchte nicht gerne top sein, angesehen, gelobt, perfekt.

 

Johannes wehrt die Versuchungen ab und sagt: „Nein, der bin ich nicht.“ „Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis geben von dem Licht“, sagt der Evangelist Johannes. Aber in diesem Licht sieht er klar, wer er ist: „Ich bin die Stimme, die in der Wüste ruft.“

 

All die Versuchungen, die uns angetragen werden, die Zumutungen, die uns aufgelegt werden, die Rollen, die uns zugeschrieben werden, können wir abwehren und sagen: „Nein, so bin ich nicht!“ Und wir brauchen noch nicht einmal ein seufzendes „Leider nicht!“ hinterher zu schicken.

 

Denn die Liebe Christi gilt mir,

  • als dem nicht Perfekten,
  • als dem auch Zweifelnden und Suchenden und immer wieder Strauchelnden,
  • als dem, der das Glück und das Heil nicht schaffen kann.
 

Dietrich Bonhoeffer schreibt am Ende seines Textes: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

 

2. Die zweite Kerze brennt für den Frieden


Was aber meinen wir überhaupt, wenn vom Frieden sprechen? – „Friede, das bedeutet: Alle Menschen sind Brüder und Schwestern!“, jubeln die Enthusiasten. – „Friede, das ist Abwesenheit von Krieg“, entgegnen nüchterne Realisten. – „Friede ist, wenn jeder ungestört tun und lassen kann, was er will“, meint der Individualist. – „Friede wäre für mich: endlich einmal ausspannen und Ruhe finden“, träumen andere. – „Friede beruht auf einem Gleichgewicht der Kräfte“, sagen die Generäle. „Frieden!“ sagen die einen und „Frieden!“ die anderen und können sich nicht einigen und geraten darüber in Streit und schlagen sich die Köpfe ein und bleiben so unfriedlich und so voll unerfüllter Sehnsucht nach Frieden wie zuvor.


 

Es gibt unzählige Definitionen. Auch die Engel auf Bethlehems Felder künden den Frieden. Ist der weihnachtliche Friedensbegriff etwa nur eine weitere Friedens-Definition?

Nein, Gott ist in diese Welt gekommen – aber nicht um den vielen Definitionen von Frieden eine weitere hinzuzufügen. Gottes In-die-Welt-Kommen geschieht in einer ganz anderen Weise, und es ist die einzige Weise, wie Friede geboren werden kann: Gott nimmt diese Welt in Liebe an, so wie sie nun einmal ist.


 

Er wartet nicht, bis alle Wege bereitet, alle Hügel und Täler eingeebnet sind und alles seinen Vorstellungen entspricht. Nein, Gott stellt keine Bedingungen. Wenn in der Herberge kein Platz ist, dann ist Ihm der stinkende Stall gut genug.

 

So ist sie eben – diese Welt, die Gott so sehr liebt bis ans Kreuz. Wir kennen kein Wort des Hasses und keine Tat der Rache und der Vergeltung von Ihm, ja nicht einmal ein Anzeichen davon, dass es ihn gereut hätte, in diese Welt gekommen zu sein und sie zu lieben.

Gott liebt diese Welt trotz allem Desinteresse und aller Feindschaft, aller Banalität und allem Anderssein, aller Erfolglosigkeit und allem Hass zum Trotz. Damals wie heute.

 

Gott hat uns nicht zuerst seine Vorstellungen präsentiert und verhandelt und alles davon abhängig gemacht, ob wir als seine Friedenspartner auch so denken wie er. –Er vertraut sich einfach den Menschen an: als Kind, als Flüchtling, als Lehrer, als Heiler, als Weggefährte in Leiden und Tod.

 

3. Die dritte Kerze brennt für die Menschen in Bethlehem

Als wir im April mit einer Gruppe aus Bonn in Bethlehem waren, sind für den Menschen dort begegnet, mit denen wir über die Aktion „Bonn hilft Bethlehem“ verbunden sind.

Zwischen ihnen und dem Frieden steht Meterhohe Mauer, den einen garantiert sie Sicherheit, die anderen sperrt sie aus. Und trotzdem geben sie nicht auf, sie backen weiter Brot für die Armen, bilden weiter und 250 junge Menschen aus und bauen weiter Wein an, obwohl sie nicht wissen, was ihnen denn nächste Tag an neuen Schwierigkeiten bringen wird.

 

Die Schule der Salesianer in Bethlehem ist tägliche Friedensarbeit, die sich sehen lassen kann. Alle Absolventen der Schule erhalten einen Arbeitsplatz und sind deshalb weniger gefährdet, Handlanger von Terroristen zu werden.

 

Unsere Freundschaft mit ihnen, ist für sie auch ein Hoffnungszeichen. Sie sind in ihrem Bemühen nicht allein. Deshalb möchte ich auch heute wieder werben für Schulpatenschaften. Das Schulgeld für einen Jugendlichen beträgt im Jahr 600 €. Mit dieser Summe oder auch einen Teilbetrag können wir dort ganz konkret helfen.

 

Das Friedenslicht aus Bethlehem verbindet uns auf ganz besondere Weise mit den Menschen dort. Sie zählen auf uns. Enttäuschen wir sie nicht.

 

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