Dritter Fastensonntag, Predigt

8. März 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am dritten Fastensonntag, 8. März 2015, im Bonner Münster

 

Wenn man heute in Lourdes durch die Straßen zum heiligen Bezirk geht und die vielen Devotionalien-Läden sieht oder in Altötting auf dem Kapellenplatz steht und bemerkt, wie viele Menschen mit dem heiligen Ort ihre Geschäfte machen, dann möchte man schnell an das heutige Evangelium denken. Ja selbst hier im Münster hat man sich schon beschwert über die Opferstöcke, die hier aufgestellt sind. – Aber wird uns deshalb dieses Evangelium erzählt? Begleitet es uns deshalb auf dem Weg zum Osterfest?

 

Im Johannes Evangelium steht der Text von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel ganz am Anfang, schon im zweiten Kapitel. Bei den anderen Evangelisten beginnt der Weg Jesu mit dem Ruf zur Umkehr. Er erklingt auch Evangelium, wenn auch erst beim genauen Hinhören.

 

Bei den Etruskern, an deren Totenstädte unsere Fastentücher erinnern, bezeichnete „Tempel,templum“ ursprünglich den vom Bereich des Profanen abgegrenzten Bezirk. Dort saßen die Auguren, die den Vogelflug beobachteten und als Botschaft der Götter deuteten. Später wurde die Bezeichnung auch auf die Gebäude übertragen.

 

In den heidnischen Tempel der Römer und Griechen lautete der Grundsatz: „Do ut des“, d.h. ich gebe, um zu bekommen. Das richtige Opfer sollte die Götter gnädig stimmen, sollte Schutz einbringen, Hilfe im Krieg, fruchtbare Ernte und was immer der Mensch von seiner Gottheit erwartete. Alles geschah nach der Devise „Wenn ich Gott etwas gebe, dann erhalte ich etwas zurück“.

 

Ganz anders dagegen der Jerusalemer Tempel: schon der hebräische Begriff lässt etwas anderes vermuten: Bet Hamikdasch – „Haus des Heiligen“. Hier sollte eigentlich gefeiert werden, dass Gott jedem menschlichen Tun mit seiner Gnade zuvorkommt. Das Leben ist geschenkt, es kommt umsonst von Gott. Dieser Gott ist unter uns! Er ist mit uns gezogen aus der Knechtschaft Ägyptens „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“, hieß es als Begründung der Zehn Gebote.

 

Die Feste der Juden waren in ihrem Ursprung immer Dankfeste, der Sabbat wurde zum Dank für die Schöpfung, das Passahfest ein Erntedankfest, ebenso wie das Laubhüttenfest. Es gab nichts zu handeln zwischen Mensch und Gott. Keinen Preis, den der Mensch hätte zahlen können, um Gottes Handeln zu beeinflussen.

 

Nun erlebt Jesus im Bereich des Tempels Handel, Kaufen und Verkaufen. Nicht mehr das Umsonst, nicht mehr die Gnade, sondern das Gesetz des Marktes bestimmt das Leben hier.

 

Aufräumen ist angesagt! Aber nicht nur in Jerusalem - „wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ fragt uns der Apostel Paulus im ersten Korintherbrief. – Aufräumen ist auch bei uns angesagt: Wie steht es um meine Beziehung zu Gott? Wie steht es um mein Gottesbild? Handle ich mit ihm auch nach dem Gesetz des „Do ut des“. Will ich ihn gnädig stimmen mit diesem oder jenem Opfer?

 

Das rechte Opfer ist allein mein Leben, das sich vollzieht in der Spannung von Gottes- und Nächstenliebe, das immer wieder eintaucht in die Geborgenheit seiner Nähe und gleichzeitig geprägt ist von der Zuwendung zu den Menschen. Mein Leben wird so zu einem Echo seiner Gnade, nicht aber zu ihrer Voraussetzung. Aufräumen ist angesagt, wenn mein Leben allzu sehr beherrscht ist von den Gesetzen des Marktes und mein Herz nicht mehr offen ist für Gottes Zuwendung.

 

„46 Jahre lang wurde an diesem Tempel gebaut“, halten die Juden Jesus vor. Was aussieht wie eine historische Zeitangabe, offenbart beim näheren Hinsehen einen tieferen Sinn: Augustinus weist daraufhin, dass sich hinter der Zahl 46, der Name Adam verbirgt. Im Hebräischen stehen nämlich die Buchstaben auch für einen Zahlenwert. So ergibt aus dem Wort Adam die Zahl 46 (A=Aleph=1, D=Daleth=4, M=Mem=40).

 

Es geht also nicht um die Steine. Es geht um Adam, den alten Adam, den alten Menschen, den durch die Sünde korrumpierten Menschen, der hier eingerissen wird. Auferweckt wird Christus, der neue Adam, der mit Gott in jener Harmonie lebt, die Gott von Anfang der Schöpfung an für ihn gedacht hat.

 

Das Wort „Adam“ ist im Hebräischen verwandt mit einem Wort, das „gleichen“ bedeutet. Adam, der Mensch, ist also das Ebenbild Gottes. Er ist der, der ihm gleicht. Wenn von Adam, vom Menschen die Rede ist, muss Gott mitgedacht werden. Das Geschöpf ist nicht vom Schöpfer zu trennen, dem es gleicht.

 

Die beiden anderen Konsonanten des Wortes schenken uns noch zwei andere Bilder: das D, das hebräische Daleth bedeutet Tür. Wer immer nur bei sich selber bleibt, kann sich nur selbst finden, wird verschlossen, ablehnend gegenüber neuen, anderen Erfahrungen. Aber wenn der Mensch zur Tür wird, die er öffnen kann, dann erst gibt es die Beziehung zum anderen. Dann erwächst aus ihm das, was Liebe genannt wird. Man schaut in die Welt hinaus und kann sie einlassen. Man ist offen für die Möglichkeit des Überraschens und des Überrascht-werdens. – Die Tür aber eröffnet dem Menschen nicht nur die Möglichkeit, herauszutreten, er gibt ihm auch die Chance, andere hineinzulassen, zu einer gastfreundlichen Existenz zu werden.

 

Der zweite Konsonant des Wortes Adam, das M, im hebräischen Mem. Dieses Wort bedeutet Wasser. – Wasser bringt das Leben mit sich. Adam, der Mensch, ist letztlich der Träger des Lebens: „Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen“, heißt es in der Schöpfungsgeschichte.

 

Der alte Adam wollte nicht Gott gleichen, sondern Gott sein, auf sich selbst fixiert und beschränkt. Der alte Adam muss auch in uns niedergerissen werden, damit ein neuer Adam werden kann. Er ist sich seiner Gottebenbildlichkeit bewusst: Er ist wie ein Tür, offen und geöffnet. Er lebt in einem Beziehungsgeflecht. Sein Leben ermöglicht anderen das Leben.

 

Nicht die Juden, wir sollen den alten Adam in uns niederreißen. Christus selbst wird Hand anlegen und den neuen Adam in uns erbauen.

 

Aufräumen ist also angesagt.

Datei-Anhänge:

Links:

Zurück