Dritter Fastensonntag, Predigt des Stadtdechanten

23. März 2014; Wilfried Schumacher

Fastenpredig-Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am dritten Fastensonntag, 23. März 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Ex 17,3-7, Joh 4,5-42

 

Es war ein Tag im Leben der Frau wie viele andere auch. Nur dass sie an diesem Tag in der Mittagshitze zum Brunnen geht und nicht wie sonst in den Morgen- oder Abendstunden. Dort trifft sie einen Mann, sehr ungewöhnlich, denn die Brunnen waren der Ort, wo die Frauen das Wasser holten. Dort trifft sie einen Juden - ungewöhnlich, denn Juden und Samariter waren verfeindet seit Generationen. Der Mann bittet sie um einen Schluck Wasser - auch außerhalb der gewohnten Normalität. Und damit beginnt dieser Tag so ganz anders zu werden als die anderen Tage.

Der Priester und Maler Sieger Köder hat diese Begegnung in ein Bild gefasst, dass Sie in kleiner Ausführung am Eingang erhalten haben.
Es lädt uns ein, den Text des heutigen Evangeliums aus drei Perspektiven zu betrachten:
1. wir schauen auf den Brunnen
2. wir schauen auf die Frau
3. Wir schauen auf den Herrn und die Frau

 

1. Wir schauen auf den Brunnen
Brunnen sind mehr als bloße Wasserstellen. Es sind Orte, die das Leben garantieren. Besonders für jene, die weder Wasserleitungen noch sprudelnde Wasserhähne kennen oder kannten.
Weil sie so wichtig sind für die Existenz der Lebewesen, sind sie in den Märchen, aber auch in den Geschichten der Bibel oft Orte, die von Tod und Leben, von Untergang und Neubeginn, von vertaner und erfüllter Chance erzählen.

Brunnen ziehen die Menschen in ihren geheimnisvollen Bann. Die dunklen, oft gemauerten Schächte lassen uns fragen: "Wie tief mag der Brunnen sein?" Bis zu 180m tief sind manche Brunnen in Europa und wer an ihren Rand tritt, traut sich oft kaum, einen Blick in die unheimliche Tiefe zu tun. Andere versuchen durch kleine Steinchen, die sie hineinwerfen, eine Vorstellung von der Entfernung zwischen Brunnenrand und Wasserspiegel zu gewinnen.
Hubertus Halbfass, ein Theologe, vergleicht das Hinabsteigen in den Brunnen mit den Weg des Menschen zu seinem Selbst.

„Nichts ist den Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie voll hilfloser Not. Aber der Brunnen ist nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann das Wagnis beginnen“.

Diese Wochen der Fastenzeit laden dazu ein, den Sprung in den Brunnen zu tun und zu erleben, wie dieser Weg durchaus angstvoll und heilsam zugleich sein kann:
• Angstvoll, weil ich dem Schutt verdrängter und verleugneter Lebenserfahrungen begegne, die ich dort hinein gekippt habe,
• heilsam, weil ich in der Tiefe zum Grundwasserspiegel meines Lebens vordringe, heilsame Bilder in meinem Unterbewussten entdecke und neue Kraft und Energie schöpfen kann.

 

2. Wir schauen auf die Frau
In der Szene, von der unser heutiges Evangelium berichtet, ist der Brunnen mehr als nur eine zufällige Kulisse. Sein Wasser, ist der Anlass für ein Gespräch, das sehr schnell in die Tiefe führt.
Auf unserem Bild sehen wir die Frau, die über den Brunnenrand in die Tiefe schaut. Das Gespräch mit dem Herrn zeigt ihr ihre Lebensgeschichte wie ein Spiegelbild: sie entdeckt in ihrer Biografie ihren eigenen Lebensdurst. Ihr Verlangen nach einem erfüllten und gelingenden Leben. Sie will - wie wir alle - nicht nur Essen, Trinken, Schlafen, und Arbeiten.
Sie will leben - und jede Beziehung, die sie eingegangen ist, sollte diese Sehnsucht stillen. Wie alle Beziehungen uns immer mehr schenken sollen als wir alleine haben. Aber keiner der Männer konnte ihren Lebensdurst stillen.

Vielleicht zeigt sie der Maler deshalb alleine am Brunnenrand, im roten Sommerkleid, die Haare geöffnet, die Lippen geschminkt. Das ist nicht die Frau, die Wasser holen will; sondern die, aus deren Äußeren ihr ganzer Lebensdurst herausschreit.

 

3. Wir schauen auf den Herrn und die Frau
In der Tiefe des Brunnens spiegelt sich nicht nur das Gesicht der Frau wieder, sondern wir sehen neben ihr durch einen Lichtstrahl verbunden das Gesicht Jesu. Das Gespräch mit ihm war wie ein Hinabsteigen in den eigenen Brunnen. Sie ist durch den Müll ihres Lebens hindurch vorgestoßen zu sprudelnden Quelle und hat Christus erkannt als den, der ihren Lebensdurst stillt.
Er wendet sich nicht von ihr ab, er wendet sich ihr zu. Es scheint so, als ob diese beiden Perspektiven: da oben die Frau am Brunnenrand allein und unten der Herr und die Frau gemeinsam wie eine Illustration des "vorher" und "nachher" gedeutet werden können.

Der Schluss der Geschichte zeigt, dass es nicht nur damit getan ist, in Christus "den Brunnen des Lebens" (Klemens von Alexandrien) zu finden, sondern wer dorthin vorgestoßen ist, lebt aus einer neuen Gemeinschaft mit ihm. So wird die Frau am Jakobsbrunnen, für Jesus eine Ausländerin, zu seiner ersten Missionarin.

Papst Franziskus bezieht sich in seinem apostolischen Schreiben Evangelium Gaudium ausdrücklich auf diese Stelle
"Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden (vgl. Mt 28,19). Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung. [...] Jeder Christ ist in dem
Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist. [...] Kaum hatte die Samariterin ihr Gespräch mit Jesus beendet, wurde sie Missionarin, und viele Samariter kamen zum Glauben an Jesus »auf das Wort der Frau hin«
(Joh 4,39)." Und er fügt die Frage hinzu, die ich gerne an Sie weitergebe: "Und wir, worauf warten wir?"

In der heutigen Ausgabe vom "Münster-Aktuell" habe ich ein konkretes Beispiel genannt, wie dies möglich: Wir suchen Männer und Frauen, die uns am Karfreitag helfen, am und auf dem Bonner Kreuzberg die Botschaft von Jesus Christus Menschen nahe zu bringen, die zu den traditionellen Formen keinen Zugang mehr haben. Und Sie, worauf warten Sie?

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