Erhebung & Kirchweih, Predigt

3. Mai 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am 5. Ostersonntag, 3. Mai 2015, im Bonner Münster anlässlich des Jahrestages der Erhebung der Gebeine der Heiligen Märtyrer Cassius und Florentius (1166) und des Weihetages des Hochchores (1153) des Bonner Münsters

 

„Wenn alles andere versagt, nehmen sie ihre Zuflucht dazu, dass sie sagen: So hat es unseren Vorfahren beliebt; wollte Gott, dass wir ihnen an Weisheit gleichkämen.“ So kritisiert Heilige Thomas Morus 1516 im ersten Buch seines Werkes Utopia das rückwärtsgewandte Denken seiner Zeit. Er fügt hinzu, „als ob es die größte Gefahr mit sich bringe, wenn einmal Einer in irgendetwas klüger erfunden wird, als seine Vorfahren!“[1]

 

Machen wir heute nicht den gleichen Fehler, wenn wir an diesem Sonntag zwei Ereignisse feiern, die vor 849 bzw. 862 Jahren stattfanden? Um was geht es denn da heute?

 

Ich möchte eine dreifache Antwort versuchen:

 

1. Es geht um die Gebeine der Märtyrer

 

Der 2. Mai 1166 war ein besonderer Tag für die kleine Stadt Bonn und für die ganze Region. Erzbischof Rainald von Dassel barg die Gebeine der Märtyrer, die hier nachweislich seit damals schon über 500 Jahren verehrt wurden, bettete sie in kostbare Schreine und erhob sie so zur Ehre der Altäre.

 

„Eine Welt in den Fängen des Hungers“, so beschrieb ein Historiker die Zeit des 10. und 11. Jahrhunderts.[2] Es gab nur kleine städtische Siedlungen, wenig Steinbauten, mehr Hütten, in denen die Menschen hausten. Der Mensch konnte sich in dieser Welt nur verloren wähnen. Man war nicht nur den Mächten der Natur schutzlos ausgeliefert. Es gab kaum Sicherheit und erst recht keine Versicherungen, die das Risiko minderten.

 

Um Sicherheit zu gewinnen, brauchte es heilige Zentren. Ein solcher Ort war diese Kirche; denn das Grab der Märtyrer, über dem sie erbaut war, machte sie zu einem heiligen Ort. Gebeine von Heiligen zu besitzen, bedeutete für die Menschen damals, den Himmel berühren zu können. Die Gebeine der Heiligen aus dem Grab zu heben, sie sichtbar, berührbar zu machen für alle – das war von Bedeutung für die kleine Stadt und für die ganze Region.

 

Wir brauchen das heute anscheinend nicht mehr. Wir sind geschützt durch Versicherungen aller Art, wir wohnen in festen Häusern und die Missernte vor der Haustür wird durch den Import von Waren aus den fernsten Ländern ausgeglichen. Ein detailliertes Regelwerk versucht alle Probleme im Voraus zu verhindern.

 

Aber wenn dann doch etwas passiert – wenn ein Flugzeug vom Himmel stürzt, wenn ein Erdbeben ein Land verwüstet, wenn eine Katastrophe Menschen heimsucht, dann sind plötzlich diese heiligen Orte wieder gefragt. Dann zieht es die Menschen hierhin, weil es trotz aller Absicherungen doch keine letzte Sicherheit gibt. Hier finden Sie Trost, Geborgenheit, Nähe. Die Gebeine der Märtyrer sind ein Geschenk – damals wie heute.

  

2. Es geht um das Münster

 

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte das Rad der Zeit einmal um 850 Jahr zurückdrehen, und mit den Menschen über das Bauwerk staunen, das sich hier direkt am Rand der Stadt aus den kleinen Hütten und Behausungen erhob.

 

Ein immenses Bauwerk, Frucht unermesslicher Anstrengungen der menschlichen Intelligenz. Es ist ein sichtbares Zeichen des unsichtbaren Gottes, zu dessen Ehre die fünf Türme emporragen: Wie überdimensionierte Pfeile verweisen sie auf ihn. Mag diese Erde auch noch so schön sein, mag der Mensch auch noch so viel schaffen und es auch architektonisch demonstrieren – die Türme bekennen: „unsere Heimat ist im Himmel“.

 

Dieses Bauwerk ist wie alle Kathedralen seiner Zeit kein Ergebnis kleinbürgerlichen Denkens, sondern Frucht europäischer Baukunst. Jede Zeit hat hier im Münster Spuren hinterlassen. Die Menschen veränderten sich im Laufe der Jahrhunderte und auch ihr Bild von Gott, von der Welt und von der Gemeinschaft der Kirche veränderte sich. Das schlug sich auch in der Architektur nieder, in dem, was sie in das Münster hineintrugen und in dem, was sie entfernten. Immer war es ein Ausdruck des Glaubens der jeweiligen Zeit.

 

Wir stehen vor der großen Generalsanierung des Gebäudes. Wir müssen es zukunftsfähig machen. Dazu gehört für mich auch die Frage, welcher Veränderungen bedarf es, damit auch zukünftige Generationen hier Gottesdienst feiern können. Was glauben wir heute und wie wird dies in diesem Kirchbau sichtbar?

  

3. Es geht um die Kirche

 

„Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“ schreibt der Apostel Petrus (1Petr 2,5). Es geht am heutigen Kirchweihfest nicht um tote Steine und seien sie noch so kunstvoll aufgebaut. „Kraft der Taufe ist jeder Christ Teil von ‚Gottes Bau‘ (1 Kor 3,9).“[3]

 

Wer von außen auf das Münster schaut, sieht in der Außenmauer ganz unterschiedliche Steine aus Basalt, Trachyt und Tuff. Viele sind schon über 800 Jahre dort, andere im Laufe der Jahrhunderte dazu gekommen. Einige sind verwittert, einige sind los und drohen herauszubrechen. Viele hat man bei der letzten Sanierung falsch behandelt, so dass sie ihre Stabilität verloren haben.

 

Ein Bild für die Gemeinschaft der Kirche. Wir sind nicht alle gleich und Gott ist nicht der Baumeister, der uns alle in eine gleiche Form gehauen hat. Er nimmt uns so wie wir sind und baut aus uns seine Kirche.

 

Niemand von uns ist nutzlos in diesem Gebäude. Jeder Stein – und sei er noch so klein – ist wichtig und notwendig! Wir dürfen nicht zulassen, dass Steine aus dem Bauwerk herausbrechen. Vielleicht gefährden sie nicht seine Stabilität. Aber sie machen es unansehnlich.

 

Wenn Menschen uns fragen, „Wo können wir Gott begegnen?“, dann reicht es nicht aus, sie auf dieses Gebäude zu verweisen. Sie laufen Gefahr, nur tote Steine hier zu finden. Die Antwort muss lauten: Im Volk Gottes, unter uns, die wir Kirche sind, dort begegnest Du Jesus, dem Heiligen Geist und dem Vater.[4]

 

Spätestens jetzt sind wir an diesem Festtag bei uns angelangt. Jetzt geht es nicht mehr um die Betrachtung der Vergangenheit. Jetzt geht es um die Gegenwart: finden die Menschen Jesus und den Vater bei uns? Sind wir, jeder und jede von uns, ein lebendiger Stein in Gottes heiligem Bau? Oder steht auch hier eine Generalsanierung an? Für die benötigen wir keinen Cent, sondern nur unsere Bereitschaft zur Umkehr.



[1] www.zeno.org/Philosophie/M/Morus,+Thomas/Utopia/Der+Utopia+erstes+Buch
[2] Duby: Die Zeit der Kathedralen, Frankfurt: Suhrkamp, 1992
[3] Papst Franziskus 9.11.2014 Angelus
[4] Papst Franziskus 26.6.2013 Generalaudienz

 

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