Erscheinung des Herrn (Heilige Drei Könige), Predigt

6. Januar 2016; Reinhard Sentis

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Hochfest der Erscheinung des Herrn (Heilige Drei Könige), Mittwoch, 6. Januar 2016, im Bonner Münster

 

Ich vermute, die wenigsten von Ihnen haben schon einmal ausführlich den Altar betrachtet, an dem wir heute die Liturgie begonnen haben: Der Dreikönigsaltar, der aus Anlass des Weltjugendtages vor 10 Jahren restauriert. Es ist gut 300 Jahre alt und stammt von einem Künstler namens Martin Hibelius, dessen Bildsprache gerne mit der Peter Paul Rubens verglichen wird.

 

1. Der tanzende König

 

Als das Altarbild 1702 ins Münster kam, überraschte es mit einer versteckten Botschaft, die deutlich machte: hier wird keine alte Geschichte erzählt, sondern hier geht es um eine ganz aktuelle Botschaft, die auch uns betrifft.

 

Wenn man genau hinschaut, dann sind man in der unteren rechten Ecke einen König, dessen Fuß-Stellung verrät: er tanzt. Der „tanzende König“ war damals höchst aktuell, denn in Frankreich regierte Ludwig, der Sonnenkönig, an dessen Hof die Bälle, Diners und anderen Festlichkeiten die alltägliche Routine des Hoflebens darstellten. Ludwig war damals der mächtigste König in Europa. Ein tanzender König nähert sich dem neugeborenen Kind. Die Mächtigen der Erde müssen vor ihm ihre Knie beugen. Aktueller geht es kaum.

 

Unsere Stadtkrippe verfolgt genau die gleiche Absicht. Es geht bei den Weihnachtsgeschichten nicht um schöne Märchen und Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, sondern um etwas, das uns in unserer Gegenwart betrifft.

 

2. Der Stern

 

Beherrscht wird das Altarbild von dem Stern am Himmel, der die ganze Szene in Licht taucht und in intensivem Rot leuchten lässt. Der Stern hat die Menschen immer schon fasziniert. Was veranlasst Menschen eigentlich, einem Stern zu folgen? Aufzubrechen – ohne Ziel? Fortzugehen, ohne zu wissen, wie lange?

 

Man wird sich wundlaufen an der Antwort, wenn man nicht gleichzeitig von der Sehnsucht des Menschen spricht. Jeder von uns trägt eine Sehnsucht im Herzen, die ihn suchen lässt, nicht nur einen Moment, sondern vielleicht ein ganzes Leben lang. Eine Sehnsucht, die Kraft gibt, nicht nachzulassen bei der Suche. Sie kann ganz unterschiedlich ausschauen, aber immer gleicht sie einem Stern, der einen aufbrechen lässt.

 

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“, sagt Nelly Sachs.  Von Antoine de Saint-Exupéry stammt das Wort: „Wenn du ein Schiff bauen willst, suche nicht Holz und Handwerker, sondern suche Männer, die die Sehnsucht nach dem weiten Meer im Herzen tragen.“ Die Sehnsucht ist der Motor, der mich beginnen lässt.

 

Das heutige Fest fragt nach als Erstes nach unserer Sehnsucht? Nach dem Stern in unserem Leben.

 

3. Die Anbetung

 

„Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter, da fielen sie nieder und huldigten ihm.“ (Bibel, Mt 2,11) – Das klingt so einfach, aber es ist ein großer Schritt. Ein Kind und seine Mutter zu finden, das ist nichts Besonderes – und doch zu wissen, das ist die Erfüllung meiner Sehnsucht – dazu bedarf es schon der Hilfe eines Sterns. „Gott ist verwechselbar“, ihn zu finden, ist nicht so einfach. Das kennen wir aus unserem eigenen Leben. Wir laufen oft an ihm vorbei.

 

Wenn ich dieses Bild sehe, werde ich erinnert an eine Szene aus dem Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupery. Nach einem langen Weg kommt er endlich an den Brunnen in der Wüste. Er trinkt und stellt fest: „Dieses Wasser war etwas ganz anderes  ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der Rolle des Brunnens, aus der Mühe meiner Arme.“

 

Der ganze Weg schwingt mit in diesem Augenblick der Anbetung – die eigene Sehnsucht, der Aufbruch, die Ungewissheit, die Begegnung mit Herodes, die Zuverlässigkeit des Sterns. Die Hoffnungen und Sehnsüchte der Männer werden erfüllt, nicht mit einer abstrakten Theorie, nicht mit einer Lehre, nicht mit einer Vision, sondern mit einem Kind.

 

Sie knien nieder, stehen nicht mehr breitbeinig, mächtig auf ihren Füßen. Nein, sie sind nicht mehr der Mittelpunkt der Welt, auch wenn sie in fürstliche Gewänder gekleidet sind. Sie finden ein Kind und erkennen darin, den Sinn ihres Lebens, die Mitte ihres Lebens, erkennen darin Gott.

 

So ist das heutige Fest, eine Ermutigung für uns alle, der Sehnsucht in uns Raum zu geben, sie nicht zu ersticken. Aufzubrechen wie die Männer aus dem Morgenland, dem Stern folgen und schließlich, Gott zu finden – nach einem langen, langen Weg.

 

Sie nimmt uns aber auch in die Pflicht: Ich kenne Menschen, denen kein Stern leuchtet bzw. geleuchtet hat. Die anklagend fragen, wo war der Stern als ich Orientierung gebraucht hätte? Sie sind so verbittert, so enttäuscht, dass sie den Kopf nicht mehr heben, dass sie den Stern, der ihnen vielleicht jetzt leuchtet, nicht erkennen wollen oder können. Unsere ausgestreckte Hand „dort“ wird ihnen nicht helfen, allenfalls unsere zärtliche Hilfe, ihren Kopf zu heben.

 

Das heutige Fest nimmt uns auch in die Pflicht, diesen Stern anderen zu zeigen, sie behutsam an die Hand zu nehmen, damit sie finden, was sie in der Tiefe ihres Herzens suchen.

  

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