Erscheinung des Herrn (Heilige Drei Könige), Predigt

6. Januar 2015; Wilfried Schumacher

Anbetung der Könige, Hochchor Bonner Münster

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Traum der Könige, Autun, um 1125-1135, Kathedrale Saint-Lazare, Kapitelsaal

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Hochfest Erscheinung des Herrn (Heilige Drei Könige), Dienstag, 06. Januar 2015, im Bonner Münster. - Links zu den Audiofiles gibt es am Ende dieser Seite

 

Mich wundert schon, wieviel mediale Aufmerksamkeit die Sternsinger in diesem Jahr erfahren. Allerdings scheint mir der Brauchtumswert mehr zu zählen, als die Geschichte, die von den drei Königen, von den Weisen, Magiern, Sterndeutern oder wie man sie auch nennen mag, erzählt wird. Wir haben sie eben im Evangelium wieder gehört. Lassen Sie uns die alte Geschichte unter drei Perspektiven betrachten:

 

1. Sie fragen

Von den Sterndeuter, wie Matthäus nennt, wird gesagt: Sie kamen nach Jerusalem und fragten.

 

Sie kennen das vielleicht von Ihren Kindern oder Enkelkindern, Neffen oder Nichten. Sie können einem mit ihren Fragen manchmal sehr zusetzen. Aber Kinder erobern sich so die Welt. Kinder lernen, indem sie fragen.

 

Erwachsene haben oft das Fragen verlernt und manchmal meinen sie, es gibt nichts mehr zu fragen oder hinterfragen. Es sind Menschen, die sind fertig mit sich selbst und fertig mit der Welt. Von ihnen ist keine Innovation mehr zu erwarten.

 

Es gibt solche Menschen auch in der Kirche. Sie glauben, dass man nichts mehr fragen und hinterfragen darf; alles ist festgeschrieben und unverrückbar. Mit Blick auf die Kirche haben viele die alten Bilder im Kopf, so wie Kirche einmal war. Keine schlechten Bilder, mit Erfahrungen, die gut getan haben, die einen geprägt haben. Aber es sind Bilder der Antworten von gestern.

 

Unser Papst treibt uns an, dass wir uns damit nicht zufrieden geben. Er will, dass wir das Prinzip: „Es wurde immer so gemacht“ verlassen. Nur wer fragt, ist offen für eine Antwort, ist nicht fertig mit dem Heute und neugierig auf eine neue Zukunft hin.

 

Auch die Kommunikation der Jünger mit dem Herrn beginnt im Johannes Evangelium mit einer Frage: Herr, wo wohnst du? Ohne diese Frage, ohne die einladende Antwort Jesu hätte es die Begegnung mit ihm nicht gegeben.

 

Die Sterndeuter erhalten auch eine Antwort auf Ihre Frage. Sie führt sie nach Bethlehem.

Die Sterndeuter laden uns ein, fragende Menschen zu bleiben - wenn darum geht: Was ist der Wille Gottes für mich? Wohin führt mich mein Weg? Was ist notwendig für das Wirken der Kirche von heute?

 

2. Sie sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm.

 

Die Szene wird auf unzähligen Darstellung der Anbetung der Könige wiedergegeben. Auf unseren Dreikönigsaltar, im Fresko im nördlichen Querschiff, im Fenster im Seitenschiff und Seitenschnitt und auch im Bilderzyklus im Hochchor. Man sieht die drei Männer, die vor dem Kind ihre Knie beugen. Aber hier geht es weniger um eine körperliche Aktion, als vielmehr um eine innere Haltung. Es ist die Haltung der Demut.

 

Die Demut ist keine Unterwürfigkeit, sondern ist die Haltung des Geschöpfs, das sich seiner Geschöpflichkeit und damit seines Schöpfers bewusst ist. Aber man darf sich schon fragen, wie kommen diese weisen Männern dazu, vor einem Kind demütig niederzuknien. Sie suchen doch einen König. Den sucht man in einem Palast und nicht in der Ärmlichkeit einer Behausung Bethlehem. Ein kleines Kind auf dem Schoß seiner Mutter dagegen ist unverwechselbar. Es muss mehr im Spiel sein als sich dem menschlichen Betrachter auf den ersten Blick darbietet.

 

3. Gott rührt uns an

Die dritte Perspektive mag uns darauf eine Antwort geben. Eine der bekanntesten Darstellungen der Dreikönige finden wir auf einem romanischen Kapitell in der Kathedrale von Autun in Burgund. Zur gleichen Zeit, in der unser Münster erbaut wurde, schuf dort Meister Gislebertus diese Arbeit, die zurzeit auch auf der Dreikönigsausstellung in Köln zu sehen ist. Die schlafenden Könige unter einer Decke. Über ihnen leuchtet der Stern. Ein Engel nähert sich ihnen und berührt einen der drei. Er tippt ihn am kleinen Finger an und der öffnet die Augen. Der Zeigefinger an der anderen Hand des Engels deutet gleichzeitig auf den Stern.

 

Für mich ein wunderbaren Bild dessen, was immer wieder geschieht: Gott rührt uns an. Tippt uns ganz leise am kleinen Finger an. Weckt uns auf. Eine Berührung von unendlicher Sanftheit und Zärtlichkeit. Gegen die Brutalität der Macht setzt der mittelalterliche Künstler die Zärtlichkeit des Engels. Gegen den hinterhältigen Herodes am Tage – den rettenden Traum in der Ruhe der Nacht.

 

Ein stilles Wecken und ein stummer Hinweis: Hier geht’s lang. Hier ist der rettende Ausweg. Wenn Erlösung und Hoffnung in die Geschichten unserer Welt kommen, dann kommen sie anders als erwartet, leise, diskret und leicht zu übersehen. Ich kann die Berührung ignorieren, sie für einen Traum halten, weiterschlafen und am nächsten Morgen zur bekannten Tagesordnung übergehen. Aber wer die zarte Berührung durch Gott selbst spürt, der wacht auf, entdeckt den rettenden Stern und findet sein Ziel.

 

Mit dem heutigen Festtag geht die Weihnachtszeit dem Ende entgegen. Was bleiben kann über den Tag hinaus ist der Finger Gottes, der uns berührt - im Alltag unseres Lebens, dann, wenn wir es nicht vermuten. Mach die Augen auf, schau was ich dir zeige: den, der heilt. Den, der Licht ist. Den, die Zukunft gibt.

Die Engel, die uns das sagen, haben oft Menschengesichter.

Im Getriebe des Alltags werden wir vielleicht das Fingertippen Gottes nicht spüren. Erst dann, wenn wir zur Ruhe kommen, stehen die Chancen gut, ihn wahrzunehmen. Gönnen wir uns diesen Augenblicke.

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