Erster Advent, Predigt

29. November 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am ersten Sonntag im Advent, 29. November 2015, im Bonner Münster

 

Jahwe ist Gerechtigkeit

 

Wer schon mal an der Küste unterwegs war, der weiß: Das Leben im Hafen hat etwas Faszinierendes. Aus unsichtbarer Ferne kommend tauchen die Schiffe plötzlich am Horizont auf, nähern sich, legen am Ufer an und entladen ihre seine Fracht.

Das Bild des Schiffes löst etwas in uns aus, das mit viel Sehnsucht zu tun hat. An Bord ist lang erwartete Fracht. In früheren Zeiten auch Briefe mit Nachrichten von fernen Angehörigen. Unter der Besatzung vielleicht der Freund, der Geliebte, der Ehemann. Das Schiff verbindet, was getrennt war – und wenn es nur die Ufer des Rheins sind.

 

Das Bild des Schiffes hat viel mit Erwartung, viel mit Sehnsucht zu tun. Deshalb ist es ein gutes Motiv des Advents. Ein sehr altes Adventslied, das an den Ufern des Rheins entstanden ist, greift dieses Bild auf: „Es kommt ein Schiff geladen“. (Gotteslob 236)

 

Es gehört zu den ältesten geistlichen Gesängen in unserer Sprache. Es kommt ein Schiff. Es bringt Gottes Sohn. Sein lebendiges Wort für uns.

 

Vielleicht erinnern sich die Älteren unter Ihnen noch an Lale Andersens Schlager mit dem Refrain:

 

Ein Schiff wird kommen

Und das bringt mir den einen

Den ich so liebe wie keinen

Und der mich glücklich macht

 

Ein Schiff wird kommen

Und meinen Traum erfüllen

Und meine Sehnsucht stillen

Die Sehnsucht jeder Nacht

 

Unser Adventsschiff lädt ein, sich der Frage zu stellen: was erwarte ich von diesem Schiff? Welche Sehnsucht, welchen Traum verbinde ich mit der Fracht, die es geladen hat? Vielleicht sogar noch eine Frage vorher: erwarte ich überhaupt noch etwas oder dümpelt mein Leben dahin wie ein alter Kahn, der am Ufer vertäut ist und nicht mehr auf große Fahrt geht? Die Frage muss jeder und jede für sich selbst beantworten.

 

Wir versuchen in diesem Advent anhand der alttestamentlichen Lesungen eine Antwort zu geben, in der Sie sich vielleicht auch wiederfinden. Unsere heutige Lesung sagt: „Er wird für Recht und Gerechtigkeit sorgen im Land.“

 

Recht und Gerechtigkeit – sind für die Bibel untrennbar! „Sorgt für Recht und Gerechtigkeit“ ist eine immer wieder kehrende Mahnung in der Bibel. (Jeremia 22,3). Gott steht auf der Seite der Armen und Schwachen, der an den Rand gedrängten und Ausgeschlossenen. Sie haben einen Anspruch auf Hilfe, Teilhabe und Gerechtigkeit.

 

Und doch leben auch wir in einer Zeit, in der uns die kleinen oder größeren Ungerechtigkeiten unseres Lebens quälen. Ungerechte Strukturen, über die wir stolpern.

  • Ungerecht ist die Ausbeutung unserer Umwelt, die sich nicht wehren kann,
  • ungerecht ist das komfortable Leben der Starken auf Kosten der unterdrückten Schwachen,
  • ungerecht ist die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer sozialen oder kulturellen Herkunft, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder auch sexuellen Orientierung.

Die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich sorgt dafür, dass schon Kinder faktisch an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden, während andere so viel Geld verdienen, dass sie es nie werden ausgeben können.

 

Gerechtigkeit im biblischen Sinne besteht darin, jedem das seine zu geben. Es geht nicht darum, buchhalterisch aufzurechnen, was andere geleistet oder nicht geleistet, verdient oder nicht verdient haben. Es geht darum, was der Einzelne braucht und was die Gemeinschaft, was alle brauchen.

 

Die Gerechtigkeit des Menschen betrifft die Beziehung zu anderen Menschen, sein soziales Verhalten, die soziale Struktur der Gesellschaft und das Verhältnis der

Staaten untereinander. Sie leitet sich von der Gerechtigkeit Gottes ab. „Jahwe ist Gerechtigkeit!“ so sagt der Prophet in der heutigen Lesung.

 

So ergibt sich aus dem biblischen Gerechtigkeitsbegriff zunächst eine vertikale Ausrichtung auf Gott hin. Aber genauso ist auch die horizontale Ausrichtung auf die anderen Menschen und die ganze Menschheitsfamilie enthalten. Diese Spannung zwischen Himmel und Erde kann uns gut tun in diesen Wochen und könnte uns bewahren vor dem üblichen Untergang in der Hektik der Adventszeit.

 

Links:

Zurück