Erster Advent, Predigt, Unterwegs in der Erwartung des Herrn

1. Dezember 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 1. Advent, 30. November 2014, im Bonner Münster

 

Unterwegs in der Erwartung des Herrn

 

Das ist wahrlich ein Kontrastprogramm. Draußen adventliche Stimmung, es duftet nach Lebkuchen und Glühwein, viele Lichter erhellen die Nacht, der Gedanke, anderen etwas schenken zu können, beflügelt viele. Und hier drinnen ernste Worte. Da ist die Rede von der Sonne, die sich verfinstern wird, vom Mond, der nicht mehr scheint und den Sternen, die vom Himmel fallen. Der alttestamentliche Prophet bekennt: Wie unreine Menschen sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind.

 

Eine angenehmere Botschaft wäre uns gewiss lieber, würde uns vielleicht mehr in Stimmung bringen. Aber Advent sind nicht nur die vier Wochen vor dem Fest. Advent ist unser ganzes Leben -unterwegs in der Erwartung des Herrn, der am Ende unseres Lebens auf uns wartet. Das ruft uns der 1.Advent in Erinnerung.

Er tut es mit drei Mahnungen, die uns durch diese Wochen begleiten können.

 

1. Seid wachsam

Die erste Mahnung hörten wir im heutigen Evangelium: " Seid wachsam! Bleibt wach!“ In den mittelalterlichen Städten gab es Menschen, die berufsmäßig wachten und dafür sorgten, dass die Menschen sorglos schlafen konnten.

 

Der Advent lädt ein, selbst zum Wächter in der Nacht zu werden.  Der Wächter hatte in der Antike die Aufgabe, das Heer zu begleiten und den König zu schützen.  Sie saßen auf der Stadtmauer und hielten Ausschau nach dem Feind und sie meldeten besondere Vorkommnisse in der Stadt dem König. 

In diesen Wochen sind wir eingeladen, Ausschau zu halten nach dem, was uns nicht gut tut, was uns bedroht und uns schaden möchte.

 

Wo haben sich bereits Feinde in unsere Lebensstadt eingeschlichen haben,

wo haben sie unser inneres Haus schon besetzt haben und wo hindern sie uns am Leben nach Gottes Willen. 

 

Wächter aber ist man nie nur für sich selbst – auch unsere Familie, unsere Gemeinschaft, unser Land ist immer bedroht. Wächter sind sensibel dafür, wo negative Tendenzen unsere Gemeinschaft und Gesellschaft beeinflussen. 

 

Bei allem Wachen dürfen wir aber nicht vergessen, daß unser Wachen umsonst ist, wenn Gott nicht für uns wacht.  "Wenn nicht der Herr die Stadt bewacht, wacht der Wächter umsonst" heißt es in Psalm 127,1-

 

2. Seid achtsam

Die zweite Mahnung klingt wie eine Variation der Wachsamkeit, geht aber vielleicht noch etwas tiefer. "Seid achtsam". „Auf etwas achten“ schwingt damit. Und da geht es weniger um äußere Gefahren, als um mich selbst.

 

"Sei achtsam mit Dir selbst!" - Das klingt für christliche Ohren immer etwas seltsam, hat man doch das Gebot "Liebe deinen Nächsten!" verinnerlicht. Aber es heißt "Liebe deinen Nächsten, wie Dich selbst!" Vielleicht fällt uns die Nächstenliebe deshalb so schwer, weil wir vergessen, uns selbst zu lieben.

 

Auf sich selbst achten, heißt, sich selbst zu lieben und sich selbst gut sein. Aber: wer bin ich denn? Es geht nicht um die Person, die ich aus mir gemacht habe, damit andere mich toll finden oder damit ich gut in meinem Job funktioniere. Ich muss mir überhaupt erst einmal erlauben zu sein, wer ich bin.

 

Flugzeuge fliegen oft mit dem Autopiloten. Einmal eingestellt führt er die Maschine ans richtige Ziel. Unsere Leben ist auch oft auf "Autopilot" geschaltet. Bei der Achtsamkeit geht es auch darum, den Autopiloten des Lebens auszuschalten, und neu wahrzunehmen, was im Alltag mit mir geschieht, was um mich herum passiert und mich beeinflusst.

Achtsamkeit auf Nebensächliches, auf die Beachtung stiller Gesten, auf die Botschaft zwischen den Zeilen. Solche Achtsamkeit mildert ein verhärtetes Herz, weitet den Tunnelblick, mit dem wir oft durch das Leben laufen.

 

3. Lasst Euch formen

Für die meisten Menschen ist ein Klumpen Ton, wie er etwa in Witterschlick abgebaut wird, nur Dreck, der schmutzig macht. Wenn wir aber einmal einem Töpfer zusehen, werden wir unsere Meinung schnell ändern. In der Hand des Töpfers ist Ton mehr als Dreck. Der Töpfer kann ein kunstvolles Gefäß daraus formen. Schauen Sie einmal in die Stadtkrippe. Auch da sehen Sie in diesem Jahr eine Töpferin.

 

"Und doch bist du, Herr, unser Vater. Wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände", sagte der Prophet Jesaja am Ende der heutigen Lesung.

Ton alleine kann sich nicht selbst formen oder seine Form bestimmen. Deshalb die dritte Mahnung für den Advent: "Lasst Euch formen!"

 

Wir leben unser Leben auf der Töpferscheibe Gottes. Mit großer Geduld formt er uns, und selbst wenn das Material sich ihm widersetzt, versucht er es immer wieder. Wir kommen nicht vom Fließband, sind keine Massenware. Jeder von uns ist einmalig, von Gott selbst geformt und in Gottes Augen wertvoll.

 

Lasst euch formen - wir können uns hineinbegeben und hineinbergen in die Töpferhände Gottes und uns von ihm formen lassen nach dem Bild, das er von uns hat. Dann werden wir keine abgestellten, leeren, verstaubte Gefäße sein, sondern Gefäße, deren Inhalt auch anderen zu Gute kommt!

 

Seid also wachsam - seid achtsam - lasst euch von Gott formen. Amen

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