Erster Fastensonntag, Gedanken zum Fastentuch

22. Februar 2015; Wilfried Schumacher

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Gedanken zu den Fastentüchern des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am ersten Fastensonntag, 22. Februar 2015, im Bonner Münster

 

Die Zeitungen haben es schon vermeldet. Vielleicht waren Sie deshalb auch nicht mehr so überrascht, als Sie heute ins Münster kamen: wir sehen in dieser Fastenzeit gleich zwei Fastentücher. Es sind Vergrößerungen zweier Bilder des Bonner Künstlers Michael Franke und tragen den Titel „Porte dell‘ Oltretomba I und II“ – Pforten zum Jenseits. Die realen Vorbilder finden wir in einer etruskischen Totenstadt in der Nähe von Rom.

 

Das dunkle Motiv im Westen zeigt den Gang, der ins Innere der Erde führt, das Motiv im Westen dagegen zeigt Wärme und Licht und führt hinaus aus der Dunkelheit. Die Tücher werden uns durch die Fastenzeit hindurch begleiten und uns die Frage stellen: UND WOHIN LEBST DU?

 

Wie bei allen Kunstwerken gibt es nicht die eine, exklusive Deutung dieser Bilder. Jeder und jede von uns kann seine Deutung finden. Jedes dieser Werke bildet ein Bild ab auf unserer Seele, wie das Licht auf dem Speichermedium einer Kamera.

 

Lassen Sie mich Ihnen heute nur einen Gedanken mitgeben, meine erste Assoziation beim Betrachten des Tuches im Hochchor, im Osten. Es wirkt auf mich wie eine große Einladung. Man ist versucht, aufzustehen, hinzugehen, hineinzugehen – angezogen vom Licht, von der Wärme. Einladung – das ist ein Wort, das in den Predigten des Papstes immer wieder vorkommt. Einladung – dieses Wort taucht auch auf im Hirtenwort unseres neuen Erzbischofs, das gleich verlesen wird. „Du bist eingeladen“ – das klingt anders als „Du musst“, „Du darfst nicht“, „Du gehörst nicht dazu“ oder gar „Du gehörst nicht mehr dazu“.

 

Am Beginn des Wirkens Jesu steht die Einladung an die Jünger „Kommt und seht“ und auch das angekündigte Gericht endet mit einer Einladung, die man nicht ausschlagen kann: „kommt her Ihr Gesegneten meines Vaters!“ Auch der Auftrag an Abraham ist letztlich mit der Einladung verbunden, aufzubrechen und ein Segen zu sein.

 

Eine Einladung ist etwas anderes als ein Befehl. Eine Einladung nimmt mich ernst und lässt mir sogar die Freiheit, sie abzulehnen. Für den Papst sind wir Christen eingeladen „zu einem Fest, zur Freude: zur Freude, gerettet zu sein, zur Freude, erlöst zu sein, zur Freude, das Leben mit Jesus zu teilen“.

 

Nun könnten wir angesichts der Tatsache, dass wir uns hier versammeln zum Gottesdienst, zufrieden sein damit, dass wir anscheinend der Einladung gefolgt sind. Aber unser neuer Erzbischof sagt uns im heutigen Hirtenwort: “Es darf uns doch nicht nur um die 7 bis 12 % derer gehen, die sonntags die Hl. Messe mitfeiern oder gar nur um die in der Regel noch kleinere Gruppe der sogenannten Kerngemeinde. Vielmehr haben wir auch die anderen 85 bis 90 % im Blick zu behalten, und zwar so, dass diese innerlich beteiligt sind, mit Christus in Verbindung kommen und sich selbst als einen lebendigen Teil von Kirche erfahren.“

 

Papst Franziskus und Erzbischof Rainer jagen uns hinaus. Sie wollen keine Kuschelkirche, die sich selbst genügt und mit sich selbst zufrieden ist. Für mich wäre es ein erster, ganz kleiner Schritt, wenn wir an der Kirchtüre diejenigen willkommen heißen würden, die nicht regelmäßig zu uns kommen, vielleicht zum ersten Mal, und denen wir bei einer ersten Orientierung helfen. Ganz zu schweigen von denen, die gar nicht erst reinkommen.

 

Mein Traum wäre es, dass nicht das Münster, sondern dass wir alle zu einer lebendigen Pforte werden, die mit ihrem Licht, ihrer Wärme die Menschen einlädt, näherzutreten wie unser Fastentuch hier.

  

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