Erster Fastensonntag, Hirtenwort des Erzbischofs

22. Februar 2015; Rainer Maria Kardinal Woelki

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki

Hirtenwort des Erzbischofs von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, am Beginn der Fastenzeit 2015

 

DU SOLLST EIN SEGEN SEIN

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

 

„Ziehe in das Land, das ich dir zeigen werde!“ (Gen 12,1) – so lautet die Aufforderung Gottes an Abraham, als dieser bereits 75 Jahre alt ist. Wie dankbar dürfen wir sein, dass sich Abraham – trotz seines hohen Alters – auf den Weg macht in eine Zukunft, von der er nicht weiß, wie sie aussehen wird. Er weiß nur, dass Gott mit ihm ist. Und er geht. Was für ein Glaube, was für ein Hören und Ergriffensein und in Bewegung kommen durch Gottes Wort!

 

Wenn wir uns in den kommenden 40 Tagen auf die Feier des Osterfestes vorbereiten, kann uns Abrahams Bereitschaft, sich auf Gott einzulassen und neue Wege zu gehen, ein Beispiel geben. Denn die österliche Bußzeit ist nicht die Zeit, in der Christinnen und Christen demonstrativ fasten oder sich den Winterspeck abtrainieren. Es ist vielmehr eine Zeit, in der wir uns besonders öffnen sollen für Gottes Wort und dessen Bedeutung – nicht nur für unser Leben, sondern auch für den Weg seiner Kirche in veränderter Zeit. Deshalb möchte ich Sie heute einladen, in unseren Tagen – wie einst Abraham – ein Segen zu sein und sich von nichts und niemandem entmutigen zu lassen, wenn es darum geht, als Christ zu leben.

 

Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs. Vieles ändert sich unter dem Einfluss sogenannter Megatrends, die das Leben Einzelner und unserer Gesellschaft rasanter als in den Jahrhunderten zuvor verändern. Solche Megatrends heißen etwa Individualisierung, Digitalisierung, Globalisierung, demographischer Wandel und fortschreitende Entkirchlichung – um nur einige zu nennen. Vieles war in unserem kirchlichen Leben so lange stabil. Wir wussten, wer dazugehört und wer nicht, wie man zu leben hatte, was richtig und war falsch ist. Die prägende Gestalt, die das Christentum über eine lange Zeit hatte, war ein stimmiges Gefüge. Aufpassen müssen wir heute, wenn wir meinen, daraus eine Norm für die Zukunft ableiten zu können.

 

Was meines Erachtens heute Not tut, ist eine neue und nachhaltige Form des Kirche-Seins, die u. a. zur Entlastung, aber auch zur Sicherung der Qualität pastoraler Arbeit führt. Dies kann nur in einem geistlichen Prozess gelingen, in dem wir danach suchen und fragen, wie wir heute die befreiende Botschaft Jesu Christi verkünden und den Menschen – insbesondere auch den Benachteiligten – dienen können. Dazu bedarf es an erster Stelle einer existenziellen Vertiefung unseres Glaubens. Es bedarf der Entdeckung seiner Bedeutung für jeden Moment unseres Lebens, es bedarf der Erfahrung mit ihm.

 

Wo finden wir auf dem Weg zu einer neuen und nachhaltigen Form des Kirche-Seins die notwendige Orientierung? Wir finden sie vor allem in der Heiligen Schrift als dem Buch der Kirche. Ich möchte Ihnen daher heute vorschlagen dass wir in unserem Bistum überall dort, wo dies bisher noch nicht üblich ist, Gott über sein Wort zu und mit uns sprechen lassen. Ein Platz in unseren Kreisen, ein Stuhl an unseren Tischen sollte für die Heilige Schrift reserviert sein, damit Gott bei uns mitreden kann. So können wir zunächst auf dem Hintergrund des Wortes Gottes unsere persönliche wie unsere gemeindliche Lebenssituation unverstellt und unverzagt wahrnehmen, um in einem weiteren Schritt diese in der Gegenwart Gottes zu beurteilen und um daraus Folgerungen für unsere Wirklichkeit als Kirche zu gewinnen suchen.

 

Was geschieht dabei? Gott wird zum eigentlich Handelnden. Wo Er aber der Handelnde ist, da kommt der Mensch, kommt die Gemeinde, auch die Nachbargemeinde, neu und wahrscheinlich ganz anders als bisher in den Blick. Es kommen die Menschen in den Blick, die in unserem Stadtteil, in unserer Region wohnen, und es kommen ihre Freuden und Nöte, ihre Sorgen und Hoffnungen in den Blick. Wo dies geschieht, ist unser Denken und Wollen weniger von dem bestimmt, was wir für uns selbst wollen, sondern von dem, was Gott von uns will. In Gott können wir so den Anderen als Schwester und Bruder erkennen und die Nachbargemeinde nicht mehr als Konkurrenz zur eigenen erleben, sondern als Schwestern und Brüder, mit denen wir gemeinsam auf dem Weg sind – Gott entgegen.

 

Gemeindliche und kirchliche Erneuerung ist insofern kein administrativer Vorgang, sondern ein geistlicher Weg, der in der Begegnung mit dem Herrn in Gebet, Heiliger Schrift und der Feier der hl. Eucharistie gründet. Denn nur wer Christus persönlich begegnet ist, kann ihm auch ein Gesicht, nein, sein Gesicht geben. Nur wer Christus persönlich begegnet ist, kann ihn auch anderen mitteilen.
Denn – und davon bin ich gemeinsam mit dem Heiligen Vater überzeugt – wo einer die ihn rettende Liebe Gottes erfahren hat, braucht er nicht viel Vorbereitungszeit, um sich aufzumachen, sie zu verkündigen (vgl. Evangelii Gaudium 120). Wo unser Glaube und unser Leben zum Thema des Austausches mit anderen werden, wo christliche Gemeinschaften zu Oasen des Miteinander-Glaubens, des Trostes, der Nachdenklichkeit, des Zuhörens, auch des Weinens und des Lachens über das Lebens werden, wo die Impulse, die Gott uns dafür mit seinem Wort schenkt, wo der Glaube gefeiert und bezeugt wird, dort hat Kirche Zukunft!

 

Dabei meine ich mit solchen Oasen keine kuscheligen Kleingruppen, sondern Glaubensgemeinschaften, in denen Trost und Herausforderung gleichermaßen gelebt und geteilt werden: Glaubensgemeinschaften, auf die auch andere aufmerksam werden, weil sie tätig werden im Nahbereich ihrer Nachbarschaft und des Sozialraums für diejenigen, die der Unterstützung bedürfen; Glaubensgemeinschaften, die wie Jesus auch die Versuchungen der Zeit kennen, sich nicht scheuen, darüber zu reden und eine Haltung finden, sich ihnen entgegenzustellen. Wir brauchen solche „spirituellen Tankstellen“ (Chr. Hennecke), um unser religiöses Leben vor Austrocknung zu bewahren. In solchen geistlichen Gemeinschaften geeint werden sich unsere Seelsorgebereiche und Pfarreien zukünftig wahrscheinlich zu Pastoralen Räumen entwickeln, in denen sie selbst mit allen kirchlichen Einrichtungen wie die unserer Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäuser, Altenheime und die der verbandlichen Caritas als Orte kirchlichen Lebens noch mehr als bisher miteinander vernetzt sein werden. Stärker als bisher werden sie ihre Arbeit aufeinander abzustimmen und sich gegenseitig zu unterstützen haben. So bleibt Kirche auch im Pastoralen Raum vor Ort erfahr- und erlebbar und die Nähe zu den Menschen erhalten.

 

Wie Abraham werden wir dazu den Mut aufzubringen haben, uns auf neue, unbekannte Weg zu wagen. Wir werden einerseits kirchliches Leben zu stärken, andererseits den Blick zu weiten haben, um auch die Menschen wahrzunehmen, die am Rande der Kirche stehen oder die Gott nicht kennen. Es darf uns doch nicht nur um die 7-12 % derer gehen, die sonntags die Hl. Messe mitfeiern oder gar nur um die in der Regel noch kleinere Gruppe der sogenannten Kerngemeinde. Vielmehr haben wir auch die anderen 85-90 % im Blick zu behalten, und zwar so, dass diese innerlich beteiligt sind, mit Christus in Verbindung kommen und sich selbst als einen lebendigen Teil von Kirche erfahren. Nach Jesu Wort sollen wir allezeit eine Kirche im Wachstum sein, die ihrer Sendung und Berufung folgt, hinausgehen zu den Menschen, um den Samen des Wortes Gottes auszustreuen, um das Wort Gottes unter die Menschen zu bringen, um hinauszufahren auf das Meer der Zeit, um Menschen für Christus und sein Evangelium zu gewinnen.

 

Wenn wir eine solche Kirche sein wollen, eine Kirche mit Zukunft, dann dürfen wir uns nicht in den Käfig der Vergangenheit verkriechen. Wie Abraham mit seinen 75 Lebensjahren sind wir gehalten, immer wieder neu auf Gottes Ruf zu hören, um neu aufzubrechen, in das Land, das er uns zeigen will. Auch wenn wir heute die zukünftige Sozialgestalt der Kirche noch nicht zu erahnen vermögen – Gott wird mit uns sein. Das jedenfalls ist die Erfahrung Abrahams und vieler anderer Menschen nach ihm, die bereit waren, sich auf eine Weggemeinschaft mit Gott einzulassen. Wie Abraham können wir auf diesem Weg zum Segen werden für die Welt und die Menschen in ihr, denen in dem verwirrenden Pluralismus der Heilsangebote unserer Tage oftmals die Orientierung auf den Sinn und das Ziel ihres Lebens hin schwer geworden ist. Denn als Christen wissen wir ja um das Ziel dieses Weges. Er führt Gott entgegen.

 

So begleite und ermutige ich Sie alle auf diesem Weg

der Segen des allmächtigen Gottes

+ des Vaters + und des Sohnes + und des Heiligen Gottes.

Amen.

  

Köln, am Fest der Darstellung des Herrn 2015

  

Ihr

Rainer Maria Kardinal Woelki

Erzbischof von Köln


 

 

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