Exequien für Werner Esser, Predigt

23. September 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, beim Trauergottesdienst für den verstorbenen Bonner Stadtverordneten Werner Esser am 23. September 2015 im Bonner Münster

 

  

Gestorben wird heute im Fernsehen und in den Zeitungen – der Tod hat schon fast „Unterhaltungswert“, der uns kaum noch mitfühlen lässt.

 

Wenn dann aber der Tod in unser Leben tritt, wenn jemand stirbt, den wir geliebt, gekannt, geschätzt haben, werden wir unsicher, verlegen, befällt uns die Angst. - Der Tod des Anderen bringt die Wahrheit über uns mit sich. Wir ahnen, der Tod ist der Ernstfall des Lebens!

 

So ist es auch mit dem Tod von Werner Esser. Wir sind betroffen, wir sind entsetzt, viele sind abgrundtief traurig, können nicht einfach vorübergehen.

Einmal weil wir zu seiner Familie gehören,

weil wir das Leben mit ihm geteilt haben,

weil wir seine Freunde, seine Kollegen waren,

weil wir in irgendeiner Weise zu ihm in Beziehung standen.

Sein Tod lässt uns anhalten, innehalten – vielleicht nur für ein paar Stunden heute Vormittag.

 

Von Dietrich Bonhoeffer stammt das Wort: Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk, wie einen herrlichen Schmuck.

 

Jeder, der hier ist, hat seine Erinnerungen an den Verstorbenen. Die Familie verliert ihren liebenden Ehemann und sorgenden Vater. „Er war ein Menschenfreund“, sagen sie und meinen damit seine Leidenschaft. Seine politischen Freunde beschreiben ihn als engagiert, fleißig, politisch klug und immer freundlich. Seine politischen Konkurrenten bescheinigen ihm eine große Fachkompetenz, die nicht selten auch sie überzeugen konnte. Seine Freunde erzählen von unvergesslichen gemeinsamen Stunden.

 

Jeder hier hat seine Erinnerungen an den Verstorbenen. Oft meinen wir ja der Tod sei das Aus, der Abbruch aller Beziehungen – alles zerrinne wie Sand in einer Sanduhr oder kullere über den Boden wie die Perlen einer zerrissenen Kette.

 

Das Wort von Dietrich Bonhoeffer schenkt uns eine andere Perspektive: Der Tod sammelt die Erinnerungen und macht viele Stunden im Leben kostbar, fügt sie zusammen zu einem kostbaren Schmuckstück, das man gerne trägt und zeigt, das einem Freude macht.

 

Dann sind auch die Tränen, die wir weinen und derer wir uns nicht schämen müssen, wie kleine Kristalle, die im Licht der Sonne leuchten. Das Evangelium, das wir eben hörten, erzählt von den Tränen Jesu. Der Freund ist gestorben – deshalb weint er und wird so mit uns solidarisch in dieser Stunde.

 

Er ist traurig und hat trotzdem noch eine hoffnungsvolle Botschaft für die Schwester seines Freundes: Dein Bruder wird auferstehen. Er wird ewig bei Gott leben. Dort wirst Du ihn wiedersehen, wenn Du auch einmal stirbst. Das ist ein wunderschöner Trost. Einen anderen Trost habe ich auch nicht in dieser Stunde.

 

Wir sind hier, weil wir dem Toten „die letzte Ehre geben“ wollen. Was bedeutet das? Hoffentlich nicht nur, dass wir uns die Zeit genommen haben, um heute Morgen hier zu sein.

 

Für mich heißt das mehr: wir geben dem Toten die letzte Ehre, dass er uns über den Tod hinaus etwas zu sagen hat. Ich habe lange darüber nachgedacht – was das wohl sein könnte. Vielleicht eine kritische Anfrage an die Politiker, an alle, die im Rampenlicht stehen: Was muten Sie sich eigentlich alles zu? Auf die Kosten der eigenen Gesundheit, auf die Kosten der Familie, der Freunde, der Beziehungen?


Der Heilige Bernhard von Clairvaux hat einmal seinem Schüler, dem Papst Eugen III. geschrieben: „Gönne dich dir selbst.“ Und weiter: „Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“

 

Aber es gibt auch eine kritische Anfrage an alle: Was erwarten wir eigentlich alles von unseren Politikern? Haben wir jemals danach gefragt, welche Zeit für die Familie, wieviel Freizeit, welche Muße sie haben? Oder haben wir nicht auch danach verlangt, dass sie bei jeder Gelegenheit als Sahnehäubchen auf der Festtagstorte auftauchen.

 

Geben wir Werner Esser die Ehre, dass sein Tod uns solche Fragen stellt.

 

Der Theologe Heinrich Schlier hat kurz vor dem Tod geschrieben: „Was bin ich? Gott sieht mich. Ich bin sein Augenblick:" - Ich bin sein Augenblick – als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, war ich erfreut und zugleich erschrocken. Ich bin Gottes Augenblick, welch' eine Würde!

 

Ich bin sein Augenblick. – Von dieser Würde, die jeder Mensch hat, war Werner Esser überzeugt. Deshalb lebte er den Menschen zugewandt. Und er wusste, diese Würde kann niemand dem Menschen nehmen.

 

Liebe Angehörige, liebe Freunde und Bekannte von Werner Esser, wie kurz ist ein Augenblick in den Augen Gottes! Seien wir in aller Trauer dankbar, dass wir den Augenblick Werner Esser erlebt haben – mitten unter uns.

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