Festmesse am 8.02.2015, Predigt: Adelheid - Eine rheinische Frohnatur

8. Februar 2015; Wilfried Schumacher

Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Festgottesdienst am 8. Februar 2015 im Bonner Münster anlässlich des 1000. Todestages der Bonner Stadtpatronin, Heilige Adelheid von Vilich

 

Es ist schon viel gesagt worden über die heilige Adelheid in den vergangenen Tagen. Auch der Erzbischof hat ihre herausragenden Fähigkeiten gewürdigt, ihren Einsatz die Bildung der jungen Menschen und ihre Hinwendung zu den Armen.

 

Bei Jakob Schlafke, der als Vize-Postulator ihren Heiligsprechungsprozess begleitete, fand ich eine Fußnote, die uns die heilige noch einmal aus einer anderen Perspektive beschreibt. Da lesen wir: "Adelheid erscheint uns als eine echte rheinische Frohnatur, die ihr glückliches sanguinisches Temperament in straffer Zucht zu echter Selbstlosigkeit und tiefer Demut gezügelt hatte, sodass sie allen, die ihr begegneten, zu einem Segen wurde."

Schauen wir uns dies einmal im Einzelnen an:

 

1. Adelheid eine rheinische Frohnatur

 

Ich habe mich in den letzten Tagen oft gefragt, erfährt diese Frau, die vor 1000 Jahren gestorben ist, eine Verehrung über diesen langen Zeitraum. Oberbürgermeister hat am Donnerstagabend am Ende des Pontifikatsamtes gesagt: "Sie war eine von uns!"

Vielleicht ist es genau das, was uns mit ihr verbindet. Sie kommt aus unserer Heimat aus dieser Gegend.

 

Carl Zuckmayer schrieb vor 65 Jahren: „Stellen Sie sich mal Ihre Ahnenreihe vor - seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie eine Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mann, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. - Und dann kam ein griechischer Arzt dazu; oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein  schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant -das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt - und - und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven , und der Gutenberg und der Matthias Grünewald, [...]. Es waren die Besten mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum, weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt - wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein - das heißt vom Abendland. Das ist natürlicher Adel.“

 

So sind sie die Rheinländer - in ihrer Lebensart vermischt sich das italienische „Dolce vita“ ebenso wie das „savoir vivre“ des Franzosen, der Holzschuhtanz wird in ihren Herzen zu den Klängen des Wiener Walzers getanzt.

 

Im Karnevalslied klingt das so:

Su simmer all he hinjekumme,

mir sprechen hück all dieselve Sproch.

Mir han dodurch su vill jewonne.

Mir sin wie mer sin, mir Jecke am Rhing.

Dat es jet ,wo mer stolz drop sin.

 

In dieser Festwoche können wir stolz hinzufügen: Die Heilige Adelheid zeigt uns: Auch eine Rheinländerin/ ein Rheinländer kann heilig werden.

 

2. Sie hat ihr Sanguinisches Temperament gezügelt.

Die Temperamentenlehre ist die älteste bekannte Persönlichkeitstypologie und geht auf den griechischen Arzt Hippokrates zurück, der um 400 v.Chr. lebte. Er sprach von vier Temperamenten, eins davon das sanguinische Temperament. Heute sieht die Psychologie das etwas differenzierter.

Von den Sanguinikern sagt man: Sie seien  überzeugend, fröhlich, gesprächig, beliebt, kontaktfreudig, optimistisch, gesellig, spontan, lustig, lebhaft, erfrischend, anregend, munter, überschwänglich, gutmütig, sorglos, hoffnungsvoll, zufrieden.

Viele von diesen Eigenschaften lassen sich auch aus der Lebensbeschreibung der Heiligen Adelheid herauslesen. Aber Sanguiniker sind auch rastlos, wankelmütig, reizbar, nachgiebig, willkürlich, unberechenbar, redselig, unorganisiert, angeberisch, zerstreut, oberflächlich, aufdringlich.

 

"Temperamentum" - das lateinische Wort bedeutet so viel wie die richtige Mischung, das richtige Mischungsverhältnis. Vielleicht könnte man auch Ausgeglichenheit sagen. Unser Temperament verlangt nach Ausgeglichenheit. Das kennen wir von uns auch, es gut uns gut, wenn sich in unserem Leben vieles die Waage hält: Freude und Trauer, Aufbruch und Ruhe, Stress und Entspannung, Aktion und Kontemplation, Gebet und Arbeit, Gottes- und Nächstenliebe.

 

Dazu bedarf es oft innerer Anstrengung. Wir müssen die Pferde zügeln, damit sie nicht mit uns durchgehen, wir müssen uns in Zucht nehmen, damit wir nicht im tiefen Loch der Resignation verharren, wir müssen uns beherrschen, damit wir unseren Trieben nicht ungehindert nachgeben.

 

Für Adelheid war es - wie es in der Fußnote heißt - der Weg der Demut, der sie zum Ziel führte. Demütig ist der Mensch, der weiß, dass er ein Geschöpf ist und dass er einen Schöpfer hat.

 

Auch hier wird die Heilige aus Vilich für uns zur Lehrmeisterin. Gehen wir mit ihr den Weg der Demut.

 

3. Sie wurde zum Segen für alle, denen sie begegnete

 

Vielleicht ist das sogar das Schönste, das über sie gesagt wurde. Das erste Mal, das von einem Menschen gesagt wird, er soll ein Segen sein für andere, erleben wir bei Abraham. Er wird zum Verlassen der Heimat aufgefordert mit der Verheißung: "Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein".

 

Das hebräische Wort für Segen „Beraka“ hat die Bedeutung „heilschaffende Kraft“. Gott will, dass Menschen heil werden und heil sind. Menschen, die für andere zum Segen werden, geben diese Kraft weiter. Der älteste Segentext der Bibel ist im Buch Numeri überliefert: "Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“

 

Zweimal ist von Gottes Angesicht die Rede – vom leuchtenden und vom erhobenen Angesicht. Sein Angesicht erheben bedeutet, jemanden freundlich zugewandt sein – mit leuchtenden Augen. Wenn ein Vater oder eine Mutter ihr Kind liebevoll anschauen, weiß es sich geliebt. Auf diese Weise entwickelt sich Urvertrauen und eben auch ein gesundes Selbstwertgefühl.

 

Wenn zwei Menschen sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen und sich tief in die Augen schauen, entsteht Beziehung. Wenn wir einander zum Segen werden, dann beziehen wir die heilsame Kraft göttlichen Segens aus der Beziehung zu unserem Schöpfer, und geben sie weiter. Dann sind wir wie Gott den Menschen zugewandt. Wenn wir einander zum Segen werden, dann trifft auf uns zu, was die Bibel an göttlichen Attributen kennt: barmherzig, gnädig, langmütig, treu. Diese Attribute zeichnen alle Adelheid aus.

 

Vielleicht ist es genau das, was wir aus dieser Festwoche mitnehmen: ich möchte gerne wie Adelheid zum Segen werden für die Menschen, denen ich begegne. Das ist nicht leicht, fangen wir damit an - als Rheinländer mit einem demütigen Herzen!

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