Fronleichnam 2017, Predigt, Msgr. Wilfried Schumacher

Predigt an Fronleichnam 2017
15. Juni 2017; Msgr. Wilfried Schumacher

Auf eindrückliche Weise hat ein englischer Journalist auf die unterschiedliche Bedeutung des Brotes im Norden und im Süden unserer Erde aufmerksam gemacht: Er kaufte ein Brot und stellte sich damit an beliebte Straßenecken verschiedener Städte. Die Vorübergehenden forderte er auf, für dieses Brot eine Stunde zu arbeiten.

 

Das Ergebnis: In Hamburg wurde er ausgelacht, in New York von der Polizei festgenommen. In Nigeria waren mehrere Menschen bereit, drei Stunden für dieses Brot zu arbeiten. In New Dehli hatten sich rasch mehrere hundert Personen angesammelt, die alle für dieses Brot einen ganzen Tag arbeiten wollten.

 

Für die Armen ist Brot ein Schutz gegen Hunger, ja gegen den Hungertod. Nur die Reichen und Satten können so tun, als habe Brot für das Leben eine nebensächliche Bedeutung. Täglich verhungern auf dieser Erde mehr als 50.000 Menschen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander.

 

Papst Franziskus hat am Dienstag in seiner Botschaft zum Welttag der Armen darauf hingewiesen, dass „ heutzutage immer mehr ein unverschämter Reichtum zutage tritt, der sich in den Händen weniger Privilegierter ansammelt und der nicht selten mit Illegalität und der beleidigenden Ausbeutung der menschlichen Würde einhergeht“.

 

Armut ist nicht einfach zu identifizieren. Sie schaut uns täglich an mit tausenden Gesichtern, die gezeichnet sind von Schmerz, Ausgrenzung, Missbrauch, Gewalt, Folter, Gefängnis, von Krieg, vom Entzug von Freiheit und Würde, fehlenden Bildungschancen und Analphabetismus, Gesundheitsnotlagen und Arbeitslosigkeit, Menschenhandel, Sklaverei, Exil, Elend und erzwungener Migration.

 

Papst Franziskus sagt: „ Die Armut hat das Gesicht von Frauen, Männern und Kindern, die aus niederträchtigen Interessen ausgebeutet werden, niedergetrampelt von der perversen Logik der Macht und des Geldes.

 

Der zeitgenössische Priesterdichter Wilhelm Willms sagt es auf seine Weise:

mitten in der stadt

die frau die hunger hat

ihr fragt wie wird die satt

ein wunder muss geschehn

ihr fragt wie wird das gehn

geht teilt mit ihr das brot

solch wunder tut hier not

leute in der stadt

sind taub und blind und satt

wer gibt hier guten rat

ein wunder muss ges chehn

ihr fragt wie soll das gehn

geht teilt mit ihr das brot

sonst ist die frau gleich tot

kommt da in die stadt

ein mensch der augen hat

der sieht und hat gesagt

ein wunder muss geschehn

fragt nicht wie kann das gehn

es wäre himmelgut

wenn ihr das wunder tut

blinde lahme leut

sind ganz verwandelt heut

ihr fragt was das bedeut

ein wunder muss geschehn

ihr habt es selbst gesehn

ein jeder rückt heraus

mit brot und teilt es aus

teilt es aus

 


Teilt es aus - Teilen war auch angesagt, als sich 5000 Menschen um Jesus versammelten, um ihn zu hören: „Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!“ Ein Einwand, der beim Herrn kein Gehör findet. Heute hört man gerne: „man kann nicht allen helfen – und findet sich dadurch darin bestätigt, nicht helfen zu müssen.

 

Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt – heißt in einem neuen geistlichen Kinderlied. Es gibt kein Verstecken hinter der Entschuldigung: „Ich kann sowieso die Welt nicht ändern!“ Aber es gibt auch keine Überforderung! Auch das Geringe zählt! Und wenn es nur fünf Brote und zwei Fische sind, die schließlich alle satt machen.

 

Es gibt ein wunderschönes Bild von der Brotvermehrung – man sieht Christus in der Mitte – rechts und links von ihm die Jünger. Christus teilt nach rechts und links aus – und die Jünger greifen seine Bewegung auf und reichen das Brot weiter an die Menschen.

Heute sitzen im Gras um uns herum die Armen dieser Welt und schauen uns aus tausend Gesichtern an.

 

Wir haben in unserem Leitwort dem Teilen noch einen anderen Imperativ vorangestellt: Geht! – „Gehen“ – ist ein Lieblingswort von Papst Franziskus. Für ihn ist die Kirche eine Gemeinschaft im Aufbruch, die die bequeme Wohnzimmercouch verlässt, von wo aus sich so schön die Welt beobachten lässt.

 

Wenn wir heute hinausgehen in die Stadt, dann tun wir es nicht um unser Katholisch sein zur Schau zu stellen –

 

Wir tun es nicht, um uns innerlich arrogant über jene zu erheben, die uns vielleicht kopfschüttelnd zuschauen –

 

Wir tun es, weil wir als Kirche nur existieren können, wenn wir hinausgehen zu den Menschen draußen, zu den Gläubigen und Ungläubigen, zu den Menschen in der Welt. Dabei kommen wir nicht mit Programm, Rezepten und Konzeptionen, nicht mit guten, besserwisserischen Ratschlägen.

 

Wir gehen hinaus mit einem Stück Brot, das für uns auf geheimnisvolle Weise Jesus selbst ist – aber von dem schon im Abendmahl gesagt wird, dass es geteilt wird.

 

Der heilige Bischof Johannes Chrysostomos sagt: „ Willst du den Leib Christi ehren? Dann übersieh nicht, dass dieser Leib nackt ist. Ehre den Herrn nicht im Haus der Kirche mit seidenen Gewändern, während du ihn draußen vernachlässigst, wo er unter Kälte und Blöße leidet“ (Predigt zum Matthäusevangelium, 50, 3: PG 58)

 

Insofern ist die Prozession in St. Remigius nicht zu Ende. Sie fängt dort erst richtig an!

Zurück