Fronleichnam, Predigt

26. Mai 2016; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Hochfest des Leibes und Blutes Jesu, Fronleichnam, Donnerstag, 26. Mai 2016, im Bonner Münster. Das zentrale Fronleichnamsfest in Bonn stand unter dem Leitwort „Barmherzigkeit verändert“.

  

Barmherzigkeit verändert

 

Beginnen wir mit dem Ende. Unsere Prozession schließt nach dem Weg durch die Stadt draußen am „Tor der Barmherzigkeit“. Unser Blick fällt dann auf das Mosaik über dem Eingangsportal, auf das Tor der Barmherzigkeit und darin auf die Monstranz mit dem Eucharistischen Brot. Drei Perspektiven, über die ich gerne mit Ihnen etwas nachdenken möchte:

 

1. Das Mosaik

Das Mosaik über dem Eingangsportal zeigt uns die Szene, in der der Engel Maria verkündet, was Gott mit ihr vorhat, und er ihr demütiges „JA“ hört, das die Menschwerdung Gottes ermöglicht. Diese Menschwerdung ist der höchste Akt der Barmherzigkeit Gottes. „Er ist unser Bruder geworden und in der Begegnung mit Jesus von Nazareth erfahren wir die unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes.“ [1]

 

Papst Franziskus sagt: Maria „ ist die Mutter der Barmherzigkeit, denn sie hat in ihrem Schoß das Antlitz der göttlichen Barmherzigkeit geboren“[2]. „Ihr ganzes Leben war geprägt von der Gegenwart der fleischgewordenen Barmherzigkeit.“[3]

 

Das Mosaik über dem Eingang sagt uns: in diesem Gebäude hier geht es um einen Gott, dessen hervorragendste Eigenschaft die Barmherzigkeit ist. Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte,[4] so klingt es wie ein durchgängiges Motiv in den Psalmen und anderen Schriften des Alten Testamentes.

 

Das hebräische Wort für Barmherzigkeit bedeutet übersetzt Mutterschoß. Die Barmherzigkeit entspringt also dem Innersten Gottes. „Barmherzigkeit ist ein Attribut der Gottheit selbst“, heißt es in Shakespeare’s „Der Kaufmann von Venedig” (IV. Aufzug).[5] Hier geht es also um Gott, der Mensch geworden ist. Damit geht es hier auch um den Menschen

 

2. Das Tor der Barmherzigkeit

Die meisten von Ihnen sind durch das „Tor der Barmherzigkeit“ ins Münster gekommen. Und Sie bringen mit die Erfahrung einer unbarmherzigen Welt. Da herrschen die Gesetzes des Marktes, nicht selten auch bis hinein ins private Leben: Do ut des – Ich gebe dir, damit Du mir gibst! Es geht ums Rechnen und Berechnen. Man muss Kaufen und Verkaufen. Es geht um Arbeit und Lohn. Leistung ist alles – wer nichts oder nichts mehr leisten kann, hat keine Chance mehr.

 

Sie bringen Ihre eigenen Lebenswunden und ihre Bedürftigkeit mit. Sich einzugestehen, dass man verwundet ist, sich einzugestehen, dass man bedürftig ist – ist oft ein großer Schritt. „Die paar Schrammen“, sagen wir und winken ab– oder „das kriege ich schon alleine hin“. Das „Tor der Barmherzigkeit“ lädt Sie ein, mit Ihrer Sehnsucht nach Barmherzigkeit hier herein zu kommen. Und ich muss bekennen, ganz persönlich, aber auch als Mann der Kirche, dass ich, dass wir diese Sehnsucht oft nicht wahrnehmen.

 

Sie müssen also nicht vollkommen sein. Sie dürfen gebrechlich sein – mit all ihren Wunden und all ihrer Bedürftigkeit. Papst Franziskus sagt: „Die Eucharistie ist […] nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.[..] Die Kirche ist […] ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“[6]

 

3. Die Eucharistie, die Hostie in der Monstranz

Mit der Eucharistie ziehen wir durch die Straßen – nicht als Demonstration katholischer Macht und Herrlichkeit, wie man das früher mal gedacht hat – nein wir gehen ganz demütig hinter dem Herrn her, denn er geht uns voran! Und wir fragen ihn wie Paulus vor Damaskus: Was willst Du, das wir tun sollen?

 

Da hilft uns vielleicht das heutige Evangelium, das Sie vielleicht am Fronleichnamsfest überrascht hat. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter[7]: Wir kennen die Geschichte in- und auswendig. Das ist jemand auf dem Weg von Jerusalem hinab nach Jericho und fällt unter die Räuber, die ihn halbtot liegen lassen. Da kam ein Priester denselben Weg hinab, sah ihn und ging nicht nur weiter… sondern so der griechische Text „er ging auf der gegenüberliegenden Seite weiter“[8]. Und dann kommt der zweite Tempeldiener sieht den Verletzten und geht ebenfalls auf der anderen Seite vorbei und weiter.

 

Und dann kommt der Samariter. „Als er ihn sah, hatte er Mitleid“, haben wir eben im Evangelium gehört. In der lateinischen Bibel steht: misericordia motus est – wörtlich: er ist bewegt, angetrieben von Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit wird zum Motor seines Handelns.

 

Herr, was willst Du, das wir tun sollen? - Lasst die Barmherzigkeit Euer Motor sein, der Euch in Bewegung bringt. Schaut wie der Samariter hin und nicht weg und drüber weg.

 

Unser Prozessionsweg führt uns heute nur ein kurzes Stück durch die Geschäftsstraßen der City. Am Beginn steht die große Problemzone unserer Innenstadt, das Bahnhofsviertel. Schaut hin, sagt uns Herr!

 

Lasst die Barmherzigkeit der Motor sein, der Euch in Bewegung bringt. Verbindet wie der Samariter die Wunden der Menschen! „Verbinden“, nicht „heilen“ – letzteres steht allein in Gottes Hand. Papst Franziskus bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Den Armen ein Wort und eine Geste des Trostes bringen, denen, die in den neuen Formen der Sklaverei der modernen Gesellschaft gefangen sind, die Freiheit verkünden, denen die Sicht wiedergeben, die nicht mehr sehen können, weil sie nur noch auf sich selbst schauen, denen die Würde zurückgeben, denen man sie geraubt hat.“[9]

 

Wer so handelt, der erfährt: Barmherzigkeit verändert



[1] Kardinal Marx, Hirtenwort zur Fastenzeit 2016
[2] Predigt Papst Franziskus Messe und Öffnung der Hl.Pforte – Basilika S.Maria Maggiore 1.1.2016
[3] Papst Franziskus Misericordiae vultus Verkündigungsbulle des Außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit Nr. 24
[4] Psalm 103,8
[5] (IV.Aufzug).
[6] Evangelii gaudiumNr.47
[7] Lukas-Evangelium 10,25-37
[8] anti-par-erchomai
[9] Misericordia vultus Nr.16

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