Fronleichnam, Predigt

Zieh in das land, das ich dir Zeigen werde
19. Juni 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, an Fronleichnam, 19. Juni 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Gen 12,1-4, 1Kor 10,16-17, Joh 6,51-58

 

Rrund 150.000 Deutsche wandern Jahr für Jahr aus Deutschland aus. Die einen aus Abenteuerlust, die anderen weil sie sich eine günstigere Perspektive für ihren Beruf oder bessere Aufstiegschancen erhoffen. Andere meinen, im Ausland mit ihrer geringen Rente besser zurecht zu kommen, und manche kehren der großen Liebe wegen ihrem Heimatland den Rücken zu.

 

In TV Serien mit den Titeln „Good bye Deutschland“, „Mein neues Leben“ oder „Auf und davon“ werden die Bemühungen der Auswanderer dokumentiert, sich in der neuen Heimat zurecht zu finden. Sie wandern aus, um anderswo von vorn zu beginnen.

„Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde „– so haben wir dieses von Fronleichnamsfest überschrieben, wobei das Thema schon hinweist auf die Heiligtumsfahrt, die am Freitag in Aachen beginnt und an der wir uns auch beteiligen werden.

 

„Zieh das Land das ich dir zeigen werde“, ist allerdings nicht nur ein Motto, das die Situation der Auswanderer beschreibt. Das Leben vieler Menschen kennt heute die Notwendigkeit, Gewohntes zu verlassen und Neues, Unbekanntes anzustreben. Im Gegensatz zu den Generationen vor uns ist heute die Bereitschaft zur Mobilität und Flexibilität fast schon eine Voraussetzung für das Wohlergehen. Und wie bei den Auswanderern gibt es viele Gründe und Notwendigkeiten, aufzubrechen.

 

Unser Leitwort „Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde“ ist der Heiligen Schrift entnommen, wie wir eben in der Lesung gehört habe. Es ist das Wort Gottes an Abraham. Es ist das erste Wort, das Gott je zu einem Menschen gesprochen hat. Ist das nicht anmaßend, dass wir uns mit dieser Themenwahl vergleichen mit Abraham?

 

Abraham ist der „Vater der Glaubenden“ und der Freund Gottes (2 Chr 20,7; Jes 41,8). Deshalb hat dieses Wort Gottes an ihn fast schon programmatischen Charakter. Was Gott dem Abraham sagt, gilt auch uns.

 

Schauen wir es unter drei Perspektiven an:

  • Zieh hinweg
  • Ein Segen sollst du sein
  • Gehen


1. Zieh hinweg

 

Im hebräischen Text steht das Verb zweimal, so als wolle Gott die Absolutheit des Befehls unterstreichen. „Lech lecha“ heißt es da! Zieh hinweg! Zieh hinweg!


Kümmere dich um nichts anderes, geh deinen Weg. Durchschneide alle Bande, geh, ohne zurückzublicken. Geh aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus dem Haus deines Vaters. weg von allen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und gefühlsmäßigen Bindungen - und das alles nur weil Gott ruft!

 

Vielleicht hätten Sie sich bei manchem Aufbruch in Ihrem Leben auch so ein unabdingbares Wort gewünscht! Statt aller Einwände und Bedenken ein klares „Zieh hinweg!“.

 

Für den glaubenden Menschen können die Aufbrüche seines Lebens Momente sein, in denen Gott in sein Leben eingreift, in denen er sich fragt, wohin Gott ihn ruft. Es gibt viele Gründe, das Gewohnte zu verlassen - für den Glaubenden kommt immer noch der Moment des göttlichen Willens hinzu.

 

Das mag im Augenblick des Aufbruchs nicht immer direkt einleuchtend sein. Aber wenn ich zurückschaue auf die Aufbrüche meines Lebens, vermag ich darin schon Gottes Ruf zu erkennen. „Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber man muss es vorwärts leben“, sagt Kierkegaard.


2. Ein Segen sollst du sein

 

„Segen“ - das ist auch für aufgeklärte Zeitgenossen etwas ganz Wichtiges. Das Wort gehört auch schon zum säkularen Sprachgebrauch: ein Mensch, eine Sache, manchmal sogar das Wetter wird zum Segen für andere. Aber der Segen ist etwas zutiefst Göttliches. „Du sollst ein Segen sein“. In Abraham offenbart Gott die überströmende Fülle des Segens.

 

Wer Segen ausspricht, erwartet etwas von Gott, öffnet eine neue Dimension - verlässt das Klein-Klein der Alltäglichkeiten. Wer um Segen bittet für sich oder andere, erwartet die Sichtbarkeit Gottes in der Welt. Wer sich unter den Segen stellt erwartet etwas: die Spürbarkeit Gottes in seinem Leben.

 

Segnen heißt Hoffnung haben, Zukunft haben, dem Leben trauen. Ein Segen sein für andere - nicht Richter sein über andere, nicht Lehrer sein, nicht Herrscher sein. Pessimisten können nicht segnen, weil sie nicht an das Leben und seine Chancen und Möglichkeit glauben.

Diese Welt könnte wahrlich anders aussehen, wenn die Glaubenden - wie Abraham - sich darauf einließen, Segen sein zu wollen für andere.

 

3. Gehen

 

Nun könnte man meinen, das alles sei gesagt für eine bestimmte Altersgruppe, für die Jungen, die das Leben mit seinen Aufbrüchen noch vor sich haben. Alle die anderen, die sich bereits im Leben eingerichtet haben, die sich die Sicherheiten erworben haben, die man für ein sorgenfreies Leben benötigt, könnten sich jetzt zurücklehnen und zuschauen, wie sich die anderen abstrampeln, um den Wort Gottes gerecht zu werden. – Wenn es da nicht diesen kleinen Nachsatz gäbe: „Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran fortzog“.

Der Protagonist der Geschichte ist kein junger Held, sondern ein alter Mann, der seine Vergangenheit vergessen soll, dem eine große Zukunft verheißen wird. Und damit gibt es für uns auch keine Möglichkeit, uns aus dem Staub zu machen. Das Wort an Abraham gilt auch uns.

 

„Abraham geht“ - so wie nach ihm viele Glaubende in der Geschichte. Glaube heißt immer auch: in Bewegung sein. Nicht stillstehen und meinen, man sei ein guter Christ und damit sei es genug. Es geht nicht nur darum, zu glauben, dass es einen Himmel gibt, sondern auch darum ihn zu suchen.

 

Abraham ist der erste Mensch, der weiß, dass das alles hier nicht schon alles ist; dass wir immer wieder aufbrechen müssen; dass wir ein Ziel brauchen, um nicht auf der Strecke zu bleiben. Er kann seinen Weg gehen, weil er auf Gott vertraut. Von ihm her weiß er: Es wird alles gut!

 

Darum geht es auch heute an diesem Festtag: unsere Prozession wird zum Sinnbild für die Aufbrüche in unserem Leben. Unsere Prozession zeigt unsere Bereitschaft, dass wir ein Segen sein wollen für die Menschen. Unsere Prozession ist ein Bekenntnis, dass wir als Glaubende unterwegs sind durch diese Welt hindurch in das Land, das Gott uns zeigen will.

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