Fünfter Fastensonntag, Predigt

22. März 2015; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am fünften Fastensonntag, 22. März 2015, im Bonner Münster

 

Gehorsam sein – Auf Gott horchen

 

Das Wort ist frei,
die Tat ist stumm,
der Gehorsam blind.

 

In Wallensteins Lager (1798) beschreibt Friedrich Schiller (1759-1805) den Gehorsam mit seinem verräterischen Adjektiv „blind“. Es macht den Gehorsam schlechterdings verdächtig. Blinder Gehorsam, das war oft Anfang einer Katastrophe. Unzählige Menschen wurden mit diesem Wort in den Tod getrieben; unzählige Kinder wurden mit diesem Wort ruiniert fürs Leben

 

Deshalb reden wir nicht gerne vom Gehorsam. Obwohl wir wissen, dass das Zusammenleben ohne Gehorsam gar nicht möglich ist. Aber immer ist entscheidend: wann, wo, wie und warum ich gehorsam bin.

 

In der heutigen Lesung (Jer 31, 31-34) begegnet uns der Gehorsam gleich zweimal:

Obwohl er der Sohn war,

hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt;

zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen,

der Urheber des ewigen Heils geworden.

 

Der Hebräerbrief, der in der Zeit der ersten Christenverfolgung geschrieben wurde, erzählt vom Leiden Jesu, das schlimm und grausam war. Genauso unerwartet wie bei vielen seiner Adressaten. Jesus war ein Mensch in allem, mit allem, was einen Menschen ausmacht. Er erlebte Schmerz, Verhöhnung, Sterben und Tod. Er weinte, bettelte, flehte, er verzagte und verzweifelte. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“, schrie er schließlich. „Er hat im Leiden gehorsam gelernt“, sagt der Verfasser des Hebräerbriefs und im Philipperbrief schreibt Paulus: „Er war gehorsam bis zum Tod.“

 

Vielleicht wird uns bewusst, was Gehorsam heißt, wenn wir als Kontrast dazu den Ungehorsam sehen, den der Römerbrief als „den Ungehorsam des einen Menschen“ beschreibt. (Röm 5,19) Ungehorsam, das war die Grundhaltung des Adam, die Grundhaltung des Menschen, der so sein will wie Gott.

 

Der Gehorsam, von dem das Neue Testament spricht, ist der Gehorsam des Sohnes, den er gelernt hat! Ein sehr dynamisches Bild von Jesus. Er ist nicht der, der im Voraus weiß, was er zu tun, sondern der, der konkrete Situationen deutet vor dem Hintergrund seines Verhältnisses zum Vater.

 

Ein Beispiel dafür: Jesus geht über die Grenze hinweg ins heidnische Land. Da begegnet ihm eine Frau, die um Heilung für ihre Tochter bittet. Aber Jesus erklärt sich für nicht zuständig. Zu den Heiden bin ich nicht gesandt. Der Glaube der Frau aber, die nicht locker lässt, fordert ihn heraus. Er lernt den Gehorsam. Er erkennt seine Sendung und wendet sich jetzt auch den Heiden zu.

 

Gehorsam ist nicht die einzelne Tat – Gehorsam ist die Grundhaltung seines Lebens. Gehorsam entspringt seinem Gottesverhältnis.

 

Schauen wir auf die Getsemani-Geschichte: Es ist der Vater, mit dem er ringt und dem er schließlich sagt: Wenn es sein kann, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein menschlicher Wille, sondern dein göttlicher Wille geschehe. Abba, nennt er ihn im Markus-Evangelium. Ganz intim, ganz auf ihn bezogen. Das ist „Gehorsam lernen“. Nur so kann er in aller Freiheit gehorsam sein und seinen Weg ohne Verzweiflung gehen.

 

Wie immer in diesen Wochen vor Ostern geht es um unsere Gottes- und Christusbeziehung. „Für alle, die ihm gehorchen, ist er der Urheber des ewigen Heils geworden.“


Hier hören wir noch ein anderes Wort heraus: gehorchen – horchen. Gelingt es uns auf Gott zu horchen? Wo wird Gott für mich hörbar? Im Schrei der Menschen an diesem Misereor-Sonntag, in der Stimme des Gewissens, im Wort der Schrift, in Anregung und Kritik, in den Zeichen der Zeit? - Was könnte er wollen? Was könnte er mir zeigen? Was könnte ich lernen?

 

Ja, lernen. Mir machen immer jene Menschen Sorgen, die meinen, sie müssten auch in ihrem Gehorsam gegenüber Gott fertig und perfekt sein. Statt sich einzulassen darauf, zu lernen, gehorsam zu sein. Wir beten zwar „Dein Wille geschehe“, aber wir erleben an uns selbst, wie wir immer wieder dahinter zurückbleiben. Dann darf ich voll Vertrauen auf den schauen, von dem der Hebräerbrief sagt: er hat den Gehorsam gelernt.

 

Gehorsam sein – gehorchen – auf Gott horchen. Jesus horchte im Zweifel mehr auf Gott als auf Menschen. Darin bekam er Recht, zwar erst am Ostermorgen, aber dann für die Ewigkeit.

 


ERSTE LESUNG, Jer 31, 31-34

Seht, es werden Tage kommen - Spruch des Herrn -, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war - Spruch des Herrn. Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, Klein und Groß, werden mich erkennen - Spruch des Herrn. Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

 

ZWEITE LESUNG, Hebr 5, 7-9

Als Christus auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden. Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.

 

EVANGELIUM, Joh 12, 20-33

 

In jener Zeit traten einige Griechen, die beim Osterfest in Jerusalem Gott anbeten wollten, an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: Herr, wir möchten Jesus sehen. Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

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