Fünfter Fastensonntag, Predigt des Stadtdechanten

6. April 2014; Wilfried Schumacher

Fastenpredig-Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am fünften Fastensonntag, 6. April 2014,
im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Ez 37, 12b-14, Röm 8, 8-11, Joh 11, 1-45


Haben Sie heute schon gelebt?

Haben Sie heute schon gelebt? – Ich weiß nicht mehr, wo ich zum ersten Mal dieser Frage begegnet bin. Es war ein Aufkleber irgendwo; aber die Frage provozierte mich: "Heute schon gelebt?"

"Heute schon gelebt?" - Ich gebe die Frage gerne an Sie weiter. Bei vielen Menschen und bei mir selbst beobachte ich die Tendenz, das Leben auf morgen zu verschieben:
"Wenn ich die Schule hinter mir habe", sagt sich der Schüler, "dann kann das Leben beginnen".
"Wenn nur erst einmal die Ausbildung zu Ende ist", denkt ein anderer, "ja, dann kann das Leben endlich anfangen."
"Wenn nur erst einmal das Haus fertiggestellt ist.“
"Wenn nur erst einmal die Kinder aus dem Gröbsten heraus sind."
"Wenn ich nur erst einmal pensioniert bin."
"Wenn..." - ja, wenn, dann fängt das Leben an.

Und manch einer muss erkennen: dann ist das Leben plötzlich vorbei. Alles, was die Gegenwart geboten hat, haben wir nicht wahrgenommen.
Und wir merken, dass wir noch gar nicht begonnen haben, es zu leben. "Stirb nicht im Warteraum der Zukunft" lautet ein Buchtitel von Harvey Cox.

Heute schon gelebt? - Die Texte unserer Liturgie wollen uns helfen bei der Antwort:

1. Die erste Antwort kommt weit aus der Tiefe der Geschichte des Gottesvolkes.
Im sechsten vorchristlichen Jahrhundert ist die Oberschicht Jerusalems nach der totalen Zerstörung der Stadt deportiert worden ins Ausland, ins ferne Babylon. Sie haben ihre Heimat verloren. Mehr noch: die Verheißung ihres gemeinsamen Glaubens scheint nicht mehr zu stimmen. Das Land, von dem sie glaubten, Gott selbst habe es ihnen als Erbe gegeben, ist jetzt Feindesland! Da stirbt auch die Hoffnung! Die Verschleppten müssen in der Fremde, religiös formuliert: auf gottfernem Boden leben. Das geht so sehr an die Existenz, dass sie sagen: „Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren.“
Sie sind bei lebendigem Leib begraben. Diese Erfahrung kennen viele Menschen, die tief unten im Loch sitzen. Wenn langjährige, vermeintlich tragfähige Beziehungen plötzlich zerbrechen; wenn Arbeitslosigkeit alle Sicherheit nimmt; wenn Eltern sehen, wie ein Kind völlig aus dem Ruder läuft. Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen.
Das ist Stunde der Unglückspropheten mit ihren immer gleichen Klagen: " es hat ja doch alles keinen Zweck!". Aber damals trat einer auf, der sagte etwas völlig anderes. Er stimmt nicht ein in den Chor der Trübsalbläser. Er fühlt sich von Gott gedrängt und verkündet: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel.

Das Gefangensein und Sich-Einrichten in der eigenen Ohnmacht lässt den Glauben stumpf werden. Man glaubt nicht mehr daran, dass Gott jenseits unserer Möglichkeiten und Vorstellungen noch zu handeln vermag. Das weiß jeder, der schon einmal eine solche Situation erlebt hat. Da braucht man einen Propheten, der einem klar macht: Glauben heißt, steck den Kopf nicht in den Sand!
Einen Propheten, der einen stärkt und ermutigt, über das Jetzt hinauszusehen, die Wirklichkeit wahrzunehmen über den eigenen Horizont hinaus zu schauen, der begrenzt ist durch Trauer, Enttäuschung, Depression.

Heute schon gelebt? - Wer leben will, braucht solche Propheten- die heißen heute nicht mehr Ezechiel oder Jesaja. Die tragen heute andere Namen - Sie wissen schon welche.

2. Ein machtvolles Wort steht am Ende des Evangeliums: "Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus!"
Im griechischen Text steht es viel prägnanter! Dort steht: „Hierher heraus“ (δεῦρο ἔξω) und ohne Übergang „er kam heraus“. Und als nächster Befehl „ Löst ihm die Binden, macht ihn frei“. (λύσατε)
Der griechische Text verrät auch, dass die Binden mehr sind als bloße Leinentücher. Im anderen Zusammenhang wird das Wort für menschliche Bindungen. (1 Kor 7,27)verwendet.

Es geht um Bindungen, um alles was, mich fesselt an das Nicht-Leben, alles, was mich festhält bzw. woran ich mich auch gern festhalte.
Wie viele Menschen sind damit beschäftigt, das, was sie haben, an Ideen, Beziehungen, Wertvorstellungen festzubinden und wie in einem Grab sicher vor der Umwelt zu bewahren.

Gott will mich befreien aus allen fruchtlosen Bindungen. Es geht darum, zum Eigenen, Wirklichen in mir vorzustoßen und mich daran nicht mehr hindern zu lassen.

„Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!“, heißt der ganze Befehl Jesu. Es gibt kein „Happy End“, kein Freudenfest. Stattdessen die Anweisung Jesu, lasst ihn seinen Weg gehen, einen anderen, gewiss einen neuen Weg, der vielleicht nicht in bestehende Bindungen und Konventionen passt.

Der Evangelist interessiert sich nicht für medizinische Sensationen. Er will keinen historischen Tatsachenbericht liefern. "Keine Angst vor dem Tod, vor dem einen Tod am Ende des Lebens und vor den vielen kleinen Todessituationen ein Leben lang!" heißt seine Botschaft.
Christus, der Lebendigmacher, kann dich herausrufen aus dem Grab. Der, der selbst das Leben ist, kann befreien aus der Todesgruft, in die du eingemauert bist. Kann dich befreien von Bindungen, die Dich nicht leben lassen.
"Hierher, heraus!" - Man kann kaum widerstehen. Christus bringt uns mit dem Leben in Berührung. Nicht erst "am letzten Tag", sondern jetzt, schon hier und heute, mitten im Tag. Das ist die Kernbotschaft des Johannesevangeliums.
Heute schon gelebt? - Wer leben will, muss Sie sich vom Herrn herausrufen lassen aus allen fesselnden Bindungen

3. Der heutige Misereor-Sonntag schenkt uns noch eine dritte Perspektive. "Mut ist zu geben, wenn alle nehmen" heißt das Motto und es lenkt unseren Blick auf die Menschen, die heute vertrieben, lebendig begraben, vernachlässigt, ausgehungert werden? Gibt es Hoffnung für sie – auf Rückgabe ihres Landes, auf Rettung ihres Lebensraumes, auf eine Zukunft in Gerechtigkeit?

Wenn wir glauben, dass Gott die Macht hat, Leben zu schaffen, können wir aufstehen aus der Ohnmacht angesichts von Armut, Gewalt, Hunger und Tod in der Welt – können wir im Hier und Jetzt handeln: für mehr Gerechtigkeit, für eine Zukunft, die nicht nur wenigen Privilegierten offen steht.
Wenn wir Gottes Macht vertrauen, dann wird es möglich, zu geben, wo alle nehmen, Hände und Herzen zu öffnen, Ideen und Träume zu teilen und sich zur Wehr zu setzen gegen Habgier und Rücksichtslosigkeit. „Ja, Herr, ich glaube“, sagt Marta. Der Glaube führt uns aus Ratlosigkeit, aus Gleichgültigkeit zu einem neuen, solidarischen Lebensstil; er führt aus den Gräbern in ein Leben, das wir mit vielen teilen.
Heute schon gelebt? - Nicht nur am heutigen Misereor-Sonntag kann ich die Frage übersetzen: "Heute schon geteilt?"

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