Gründonnerstag, Predigt, Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

13. April 2017; Wilfried Schumacher

Predigt von Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher am Gründonnerstag, 13. April 2017, im Bonner Münster. (Gottesdienst im Gedenken an das Letzte Abendmahl Jesu mit seinen Freunden, 13.04.2017, 20.00 Uhr, Bonner Münster)

  

LE CHAIM - AUF DAS LEBEN

 

In diesem Jahr beschert uns der Kalender eine Besonderheit: nicht nur die in West und Ost getrennten Christen feiern gemeinsam Ostern. Auch die Juden feiern in diesen Tagen ihr Pessach-Fest. Am Vorabend eines Pessach-Festes wurde Jesus gekreuzigt!  

 

Auch in den Lesungen der Liturgie werden beide Ereignisse miteinander verwoben. In der ersten Lesung hörten wir aus dem Buch Exodus vom Aufbruch der Israeliten aus der Gefangenschaft des Pharao und dem Auftrag, das Pessach- oder Paschafest als ewige Erinnerung zu feiern. Die Lesung aus dem ersten Korintherbrief überliefert uns den Abendmahls“bericht“ des Apostels Paulus, die Einsetzung der Eucharistie zu einem Gedächtnis. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. 

 

Wir sind es gewohnt, diesen Tag unter dem Eindruck des Karfreitags zu begehen. Die Vorahnung dessen, was am nächsten Tag geschehen wird, legt sich wie ein düsterer Nebel auf diese Stunde. Aber das letzte Abendmahl ist kein Abschiedsmahl, sondern ähnlich wie das Pessachmahl ein Mahl des Aufbruchs. Dort der Aufbruch in die Freiheit aus ägyptischer Knechtschaft, hier der Aufbruch in einen neuen Bund, den Gott mit den Menschen schließt.  

 

Vom Aufbruch war viel die Rede in unserer Fastenzeit hier im Bonner Münster. Wir haben einen Garten angelegt, der erst noch kahl und grau war, und mit der Zeit immer mehr grüner und bunter wurde. Aber nicht als Frühlingsdekoration, sondern als Illustration einer Frage, die uns wichtig war: Was steckt in Dir Mensch, was aufbrechen, wachsen, zum Blühen kommen will und muss?  

 

Wir waren schon überrascht, wie viele Menschen sich von dieser Frage haben zu einer Antwort anregen lassen. In vielen Sprachen haben sie uns ihr Zeugnis hinterlassen. Einige Beispiele möchten wir vorlesen: 

  

  • Die Kraft, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten. 
  • Mein Selbstvertrauen wächst. Du hast mir den Weg gezeigt. Danke.  
  • Humor, Gutherzigkeit, Liebe zu meinen Mitmenschen.  
  • Weisheit des Alters und Gelassenheit. 
  • In me the desire grows to serve other people. 
  • Die Fähigkeit mich vom Urteil anderer unabhängig zu Machen und im Vertrauen auf Gott zu dir zu stehen.  
  • Quiero ampliar mi talento para actuar. 
  • Meine Zeit allen Menschen zu schenken, die meine Hilfe benötigen.  
  • Die Liebe zu meinem Sohn soll aufbrechen.  
  • Die Kraft mit meinem Bruder zusammenzukommen.  
 

So unterschiedlich wie diese Antworten auch sind, eines ist ihnen gemeinsam: immer geht es um das Leben! Und damit sich der Kreis wieder zum Pessachfest und zum Abendmahl. 

 

Bei beiden Festen geht es um das Leben. Das Pessachfest ist ein großer Dank für Rettung, für das Gute, für die Liebe, das Erbarmen, den Frieden – kurz: für das Leben. Und die Eucharistie ist – wie Papst Franziskus sagt - nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen. (EG 47) Heilmittel und Nahrung dienen dem Leben! 

 

Christen und Juden verbindet die Überzeugung, dass Gott ein „Freund des Lebens“ ist (Buch der Weisheit 11,26) Das Bewusstsein hierfür ist vielen Menschen abhandengekommen. Der Mensch selbst hat sich zum Herrn über das Leben gemacht. Das Leben ist bedroht: durch rücksichtsloses wirtschaftliches Handeln, durch politische Machtgelüste und religiösen Fanatismus. Wir müssen feststellen: Im Laufe unseres Lebens – auch unseres modernen Lebens mit all seinen hochentwickelten, wissenschaftlichen und technologischen Mitteln – ist das Leben bedroht. 

 

Die Nachrichten, die täglich auf uns einströmen, können Angst machen, und an der Botschaft vom Leben verzweifeln lassen. Aber genau das wollen diejenigen, denen das Leben anderer nichts wert ist. Deshalb erinnere ich mich gerne an einen jüdischen Trinkspruch und mache aus ihm meinen Gruß für diese drei österlichen Tage: „Le chaim – auf das Leben!“ 

 

Niemand ist Herr über das Leben; niemand hat das Recht, das Leben zu manipulieren, zu unterdrücken oder sogar zu nehmen, weder das der anderen noch das eigene. Umso weniger darf man dies im Namen Gottes tun.  Das ist die Botschaft dessen, der sein Leben hingegeben hat „als Lösgeld für viele“ (Mk 10,45) Wenn wir in der Eucharistie sein Fleisch essen und sein Blut trinken, werden wir wie er Freunde des Lebens und als solche in die Welt gesandt.  

 

„Le chaim - auf das Leben“ - werden und bleiben wir in dieser Welt Förderer und Freunde des Lebens, im Kleinen wie im Großen.

  

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