Gründonnerstag, Predigt des Stadtdechanten

24. März 2016; Wilfried Schumacher

Tor der Barmherzigkeit

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Fußwaschung und Abendmahl - Fresken im Bonner Münster

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Gründonnerstag, 24. März 2016, im Bonner Münster

 

Barmherzigkeit verändert

 

Wenn Sie heute Abend das Münster vom Münsterplatz aus betreten haben, dann sind sie vielleicht durch das große weiße Tor gegangen, das seit heute vor dem Münster aufgestellt ist. "Barmherzigkeit verändert" steht dort auf dem Tor in vielerlei Sprachen geschrieben. Es greift das Thema der Fastenzeit auf, die in diesen drei österlichen Tagen ihr Ziel findet.

 

Barmherzigkeit verändert - davon sind wir überzeugt. Deshalb hat Papst Franziskus dieses Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. „Der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt, ist die Barmherzigkeit“, sagt Papst Franziskus in dem Dokument, mit dem er das Heilige Jahr angekündigt hat. (Misericordiae vultus Nr.10)

 

Deshalb ist dieses Tor, durch das die Menschen schreiten, bevor sie das Münster betreten, ein doppeltes Versprechen: Sie sollen wissen, dass sie hier im Münster einem Gott begegnen, dessen wesentliche Eigenschaft die Barmherzigkeit ist. Und sie sollen erfahren, dass die Gemeinde, die sich hier versammelt, sich diesem barmherzigen Gott verpflichtet fühlt und deshalb selbst barmherzig ist.

 

Wir feiern heute Abend das Gedächtnis an das letzte Abendmahl Jesu. Was aber macht dieses letzte Abendmahl aus? Ein Abschiedsessen, dessen Dimension allenfalls Jesus klar war? Angereichert mit bedeutungsvollen Worten "ist mein Leib", „ das ist mein Blut“? Einsetzung der Eucharistie – wie es im Katechismus heißt?

 

Aber es gibt nicht nur das Essen bei diesem Mahl, es gibt auch die Fußwaschung. Das Zeichen des Dienens, der Freundschaft, der Zuwendung. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“, sagt Jesus.

 

Mahl und Fußwaschung – das widerspricht sich nicht. Das gehört seit jener Stunde im Abendmahlssaal untrennbar zusammen! Das was die Eucharistie für uns ist, zeigt sich im Dienst der Fußwaschung. „Das ist mein Leib für euch“, - so wird der älteste Text vom Abendmahl wiedergegeben(1 Kor 11,23). Wenn es jemanden gibt, dessen Existenz das Leben für andere ist, dann es ist dieser Jesus von Nazareth, der das gelebt hat bis hinein in den Tod. Und den Gott nicht im Tod gelassen, sondern in der Auferstehung als seinen Sohn bestätigt hat.

 

Deshalb ist das eine ohne das andere nicht zu denken. Hier geht es also nicht um Konsum zu meinem Seelenheil. Hier geht es um ein Mahl, bei dem sich der zur Speise gibt, in dessen Tod und Auferstehung dieses „Sein für die Menschen“ unwiderruflich sichtbar wird. Wenn wir ihn uns einverleiben, dann nimmt er uns mit hinein in diese seine Existenz hin zu den Menschen. Der barmherzige Gott verlangt nach barmherzigen Menschen. Eucharistie und Diakonie gehören untrennbar zusammen!

 

Die Barmherzigkeit kommt aus dem Herzen. Wer mit den Augen des Herzens schaut, der entdeckt, wo andere in Not sind, wo jemand Unterstützung und Hilfe bräuchte, weil ihm die Kräfte ausgegangen sind, wo durch ein gutes Wort das Klima entgiftet werden kann, wo Geduld und Liebe weiter helfen als Härte und Strenge.

 

Barmherzigkeit ist das Gespür dafür, dass Liebe wesentlich mehr vermag als alles andere. Deshalb ist für die Barmherzigkeit der Weg der Liebe immer die erste Wahl. Getragen von der Hoffnung, erfolgreich zu sein. Die Kraft dazu gibt uns das Staunen darüber, wie viel Güte und Barmherzigkeit Gott jedem von uns täglich und ein Leben lang schenkt.

 

Wenn wir gleich das Münster wieder verlassen und durch das Tor der Barmherzigkeit gehen, dann wird sich in unserem Alltag erweisen, ob das, was wir hier heute gefeiert haben, frommes Theater oder ein leeres Spiel war. Ob es hier allein um unser eigenes Seelenheil ging oder ob uns die Barmherzigkeit Gottes animiert hat, selbst barmherzig zu sein.

 

Papst Franziskus beschreibt das so: „den Armen ein Wort und eine Geste des Trostes bringen, denen, die in den neuen Formen der Sklaverei der modernen Gesellschaft gefangen sind, die Freiheit verkünden, denen die Sicht wiedergeben, die nicht mehr sehen können, weil sie nur noch auf sich selbst schauen, denen die Würde zurückgeben, denen man sie geraubt hat.“ (aaO. 17)

 

Oder ganz einfach:

  • zu helfen ohne Gegenleistung
  • Trost zu spenden durch Nähe und Beistand,
  • Sorgen zu teilen und mit zu tragen - mindestens im Gebet,
  • nicht kleinlich zu denken, sondern großzügig.

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