Gründonnerstag, Predigt des Stadtdechanten

17. April 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am Gründonnerstag, 17. April 2014, im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Ex 12, 1-8.11-14, 1 Kor 11, 23-26, Joh 13, 1-15


"Mein" Abendmahl

Die bekannteste Darstellung des Abendmahl in der Kunst ist gewiss die von Leonardo Da Vinci. 1494 bis 1498 hatte dieses Monumentalgemälde für die Stirnwand des Dominikaner Klosters in Mailand. Viele Künstler haben sich in diesem Thema versuchen: Rubens, Grünewald, Nolde, Dürer oder Tizian. Eines ist den Malereien des Mittelalters, aber auch den Adaptierungen der Neuzeit etwa durch Andy Warhol gemeinsam: Jesus und die Jünger sitzen wie bei einem Fototermin aufgereiht, damit man auch alle Charaktere gleich und gut wahrnehmen kann. Aber es ist keine Fotografie, sondern in den gemalten Personen spiegelt sich die Deutung des Künstlers wieder, der versucht, eigentlich Unfassbares in Formen und Farben wiederzugeben.

Letztlich wird das auch von uns in diesen Stunden verlangt: wir müssen "unser" Abendmahl "malen", so wie wir dieses Ereignis für uns ganz persönlich deuten. "Mein" Abendmahl muss in meinem Herzen Gestalt annehmen, so dass es dort Spuren für mein Leben hinterlässt.

Versuchen wir ein paar Details wahrzunehmen, die uns helfen können, unseren ganz persönlichen Zugang zu finden:

Es ist eine Stunde großer Intimität: der Herr ist nicht in der Menge, nicht unter vielen Menschen, wie es oft im Evangelium beschrieben wird. Er ist mit den zwölf Aposteln allein, selbst die Frauen die noch in den letzten Tagen - etwa bei der Salbung in Betanien eine Rolle spielten - sind außen vor.
Es ist einer Stunde voller Zeichen und Symbole: zwölf Jünger hat der Herr um den Tisch versammelt. Genauso viele Jünger wie es Stämme im Volk Israel gab, an dessen Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens dieses Mahl erinnert.
Es ist nicht irgendein Paschamahl, wie so oft in der Geschichte des Volkes Israel; sondern es ist das eine Mahl, das den Beginn des neuen Gottesvolkes markiert.

Es ist die Stunde, in der der Herr selbst seinen Jüngern hilft, zu verstehen, was in den nächsten Stunden geschieht. Die Fußwaschung beschreibt seine Sendung, seinen Dienst für andere. Die Herrlichkeit Gottes offenbart sich, indem er dem Geschöpf die Füße wäscht. Nur wer das versteht, begreift, was in den nächsten Stunden geschieht.

Obwohl zwölf am Tisch versammelt sind, ragen drei aus der Schar heraus: der Lieblingsjünger, Petrus und Judas.

Der Lieblingsjünger, den man oft mit dem Heiligen Johannes gleichgesetzt hat, dessen Platz unmittelbar neben Jesus war. Der, der ihn wohl auf Anhieb verstand. Er ist nach dem Ausweis des Johannes-Evangeliums der ideale Zeuge, weil er alles genau gesehen hat – und zwar in der richtigen Perspektive.

Petrus, der intuitiv spürt, was die Fußwaschung für ihn bedeutet: letztlich ist er Geschöpf, das seine Existenz seinem Schöpfer verdankt. Ist er doch eher der Typ, der bestrebt ist, alles aus eigener Kraft lösen und zu erlösen. Er soll zulassen, dass sein Herr und Meister an ihm handelt.

Und schließlich Judas, ein Mensch voller Widersprüche. Zuerst von diesem Jesus so überzeugt, dass er alles verlässt, um ihm nachzufolgen, und schließlich von ihm so enttäuscht, dass er ihn für 30 Silberlinge verrät, so viel wie man damals für einen Sklaven bezahlte.

Drei Gestalten, die mir zeigen, was es mit dem Abendmahl, was es mit der Eucharistie auf sich hat:
• Es ist die Speise derer, die sich in einer besonderen Beziehung zum Herrn wissen. Die versuchen, ihn zu verstehen, die auch heute seine Zeugen sind.
• Es ist die Speisen derer, die wissen, dass sie sich dem Herrn verdanken, die wissen dass sie die Kraft dieser Speise benötigen, um den Alltag zu bestehen.
• Es ist die Speise der Sünder, die alle einmal "Ja" gesagt haben und von ihrem "Nein" eingeholt wurden.

Wir verdanken es Papst Franziskus, dass er uns diesen letzten Aspekt in seinem apostolischen Lehrschreiben in Erinnerung gerufen hat: "Die Eucharistie ist [...]nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen." "Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer", sagt er uns. "Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben."

Mit diesem Wort hat der Papst die Herzen vieler Menschen getroffen. Jene, die sich lange Zeit ausgeschlossen erlebten, fühlen sich plötzlich wieder eingeladen. Nicht, dass sie sich nicht bewusst gewesen wären Sünder, auch große Sünder, zu sein. Aber sie hatten vergebens Ausschau gehalten nach Barmherzigkeit.

Es hat mich sehr angerührt, in den letzten Wochen immer wieder mit Menschen sprechen zu können, die sich von diesem Wort des Papstes angesprochen, ja angezogen fühlten und unter Tränen zurückkehrten in das Vaterhaus.
Und die scheinbar Frommen und Guten und Braven müssen plötzlich erleben, wie die Sünder in ihren Reihen Platz nehmen.
Wenn Christus Judas am Tisch aushält, mit ihm das Brot teilt, mit ihm Mahl hält, dann hält er auch uns aus, dann hält er auch die aus, die wir so gern als Sünder bezeichnen.
Wenn ich mein Abendmahl malen würde (und könnte), ich würde drunter schreiben: Das Mahl der Sünder.

Und wie würden Sie Ihr Bild nennen?

Datei-Anhänge:

Links:

Zurück