Gründonnerstag, Predigt, "Eine Gemeinschaft, die nicht dient, dient zu nichts"

2. April 2015; Wilfried Schumacher

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Fußwaschung & Abendmahl. Fresken im Hochchor des Bonner Münsters

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Gründonnerstag, 2. April 2015, im Bonner Münster

 

Wir haben im Vorfeld dieses Gottesdienstes lange überlegt, ob wir das helle, leuchtende Fastentuch hängen lassen sollen an diesem Abend, der schon an das Dunkle des Karfreitags heranreicht. Bis uns bewusst wurde: heute Abend beschreibt das Fastentuch unsere Lebenswirklichkeit. Unser ganzes Leben spielt sich vor dem Vorhang ab, den Gott selbst einmal liften wird in der Stunde unseres Todes. Dann nämlich, wenn wir ihn schauen wie er ist. Dann sind wir eingeladen zum himmlischen Hochzeitsmahl. Die Eucharistie ist nur ein Abbild dieses Mahles. Deshalb feiern wir heute Abend vor dem Vorhang.

 

Nur abgestumpfte Menschen erkennen die besondere Situation dieser Stunde nicht. „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“, so beginnt der Evangelist Johannes seinen Text über diesen Abend. „Mit Sehnsucht habe ich danach verlangt, dieses Paschamahl mit euch zu feiern, ehe ich leide“ (Lk 22, 15) zitiert Lukas den Herrn selbst.

 

Hier geht es nicht wie in den Jahren vorher um die gemeinsame Feier des Pessach-Festes, hier geht es um ein letztes Mahl, hier geht es um einen neuen Bund Gottes mit den Menschen, um ein neues Testament, (lateinisch für Bund), das alle Erben bindet.

 

Der Herr lädt alle ein

 

Es fällt auf, dass Jesus alle seine Leute eingeladen hat. Auch Judas, der – aus Eitelkeit oder Geldgier oder politischen Interessen – alle Solidarität aufkündigen wird.

Auch Petrus, der im entscheidenden Moment sagen wird: „Mit dem da hab ich nichts zu tun! Den kenne ich überhaupt nicht.“

Auch all die, über die der Evangelist Matthäus in seiner Erzählung von der Begegnung mit dem Auferstandenen nur lapidar schreiben wird: „Einige aber hatten Zweifel.“ Wahrlich keine Elitetruppe.

Würden Sie mit solchen Leuten feiern wollen? Wahrscheinlich nicht. Denn wir laden unliebsame Gäste gar nicht erst ein. Und welche, auf die wir uns nicht verlassen können, erst recht nicht.

 

Doch den Herrn stört das nicht! Er lädt alle ein! Die Kirche hat schnell diese Großzügigkeit ihres Meisters vergessen. Ausgehend vom Pauluswort „Wer unwürdig das Brot isst und den Becher des Herrn trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht“ wurde sehr bald festgestellt, wer unwürdig ist. Wir haben viel Mühe auf den Ausschluss verwandt und wundern uns heute, dass so viele gegangen sind.

 

Papst Franziskus sagt: „Die Eucharistie ist [...]nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.“ „Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“

 

Stärkende Nahrung und Beistand durch den Mitmenschen

 

Es ist der Abend des Pessach-Festes. Erinnerung an den Aufbruch des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens. Eine unruhige Nacht. Wird es endlich gelingen, was Mose angekündigt hat. In dieser Situation sollen sie essen und das in Gemeinschaft. Ein gebratenes Lamm, schnell zubereitetes Brot aus Mehl, Salz und Wasser. Essen sollen sie, Nahrung aufnehmen und das in Gruppen um je ein Lamm. Das brauchen Menschen, wenn sie aufbrechen wollen in die neue, unbekannte Zukunft: Stärkende Nahrung und Beistand durch Mitmenschen.

 

Der Herr ersetzt das alte Ritual durch die Symbole Brot und Wein und gibt ihnen einen neuen Sinn. Im Brot und Wein gibt er sich selbst zur Speise und die, die davon essen und trinken, feiern: Wir gehören zu Gott, wir sind geliebt, gerettet, erlöst, die Macht von Unterdrückung, Gewalt und Tod ist gebrochen, das Unheil wird immer wieder an uns vorüber gehen.

 

Damit diese Feier nicht eine Feier von Individuen wird, die kommen, genießen und wieder ihre Wege gehen, gibt es noch ein Zeichen, den Dienst der Fusswaschung. Sie erdet die heilige Feier. Verbindet sie mit dem Alltag. Ohne sie bleibt die Feier hohl und leer.

 

Die Gemeinschaft mit Jesus schließt zugleich die Gemeinschaft der Jünger untereinander ein. Diese Gemeinschaft der Jünger muss durch die Tat verwirklicht werden, wenn die Gemeinschaft mit Jesus bestehen soll“

 

So geht Gott mit uns um

 

Wie sieht diese Tat aus? Unser Papst schickt uns an die Peripherie der Gesellschaft, unser Erzbischof spricht von den 90 Prozent, die nicht zur Kirche kommen, und für die wir uns interessieren sollen. Das ist unbequem. Es geht nicht in erster Linie um uns! Es geht um die Anderen! Um die Gescheiterten, um die Zweifelnden, um die Verzweifelten, um die Ungläubigen, um die Fragenden, um die Unsicheren, um die, die sich nicht mehr hierhin trauen, um die, die hier nichts suchen, um die, die uns schon längst abgeschrieben haben. Hand aufs Herz! Wer von uns macht sich auf zu ihnen? „Eine Kirche die nicht dient, dient zu nichts“ hat es der französischen Bischofs Gaillot einmal formuliert. Und damit sind nicht nur die Amtsträger gemeint.

 

Es geht uns wie den Aposteln. Wir sind wie sie gesandt bis an die Ende der Erde. Aber zuerst einmal sind wir eingeladen – auch wenn wir keine Elitechristen sind. Wir sind im Abendmahlssaal willkommen.

 

Und bevor wir hinausgeschickt werden, kniet der Herr vor uns nieder. Er wäscht uns nicht den Kopf und nicht die Hände, sondern die Füße, die uns mit dem Boden der Tatsachen, den staubigen Alltagswegen, den Sackgassen in Berührung bringen. Sie zeigen die Spuren der Arbeit, die Narben des Alters. Wer unsere Füße sieht, sieht etwas von uns. Dieser Anblick ist nichts für jeden; für manche ist er eine abstoßende Zumutung. Jesus hält das aus! Die Fußwaschung ist kein frommes Theater, sondern Zeichen der Hochachtung, der physischen Zuwendung. Hier geschieht „Einübung in das Christentum“.

 

So geht Gott mit den Menschen um. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

 

Unsere Liebe zu den Menschen ist ein Echo seiner Liebe zu uns.

 

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