Heiliger Martin, Predigt

9. November 2014; Stadtdechant Msgr. Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am 32. Sonntag im Jahreskreis, 9. November 2014, zur Eröffnung des Martinsfestes im Bonner Münster

 

Sie sind heute im wahrsten Sinne des Wortes „arm dran“! Bei Martinsfigur hier vorne fehlt nämlich der Bettler. Es gab schon viele Angebote, eine Ergänzung dieser Figur zu finanzieren, die ich aber alle abgelehnt habe - weil es gut tut, so meine ich, die Welt aus der Perspektive des Armen zu betrachten.

 

In der St. Martinskirche in Zillis (Graubünden) sieht man in der Decke in 153 großen romanischen Bildern: das Leben Jesu. Allerdings die Leidensgeschichte endet mit der Dornenkrönung. Es gibt kein Bild von der Kreuzigung, von der Auferstehung, Himmelfahrt oder Pfingsten. Stattdessen wird Mantelteilung des Hl. Martin gezeigt.

 

So als ob der Künstler des 12. Jahrhunderts uns sagen möchte: Den Kreuzestod Jesu kann man nicht einfach nur anschauen so wie man ein Theaterstück, einen Film anschaut. Das Mitleiden und die Empfindsamkeit für das Leid des anderen ist die Konkretion dieses Mitleidens mit dem Gekreuzigten. In der Martinsgeschichte wird die biblische Geschichte fortgeschrieben. Ich würde dafür drei Überschriften wählen:

  

1. Nicht nur den Mantel, das Leben teilen

 

Der Schriftsteller Josef Reding legt dem sterbenden Martin dieses Wort in den Mund. Wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden.

 

"Teilen verbindet" heißt das Motto des diesjährigen Martinszuges hier in unserer City. Damit sprechen wir eine Erfahrung an, die jeder von uns von Kindesbeinen an macht. Es tut gut, wenn jemand etwas mit uns teilt, und es tut auch gut, wenn ich mit einem anderen teile. Das muss nicht nur materieller Besitz sein, das kann auch Zeit sein, das kann Freude sein, das kann meine Begeisterung für dies und jenes sein.

 

Sankt Martin, das ist eine durchaus aktuelle Geschichte, denn der arme Bettler sitzt heute wie damals am Wegesrand, nicht nur beim Eintritt in unseren Münster, sondern dank der modernen Medien auch in vielen Teilen dieser Erde.

 

Das Leben mit anderen teilen, heißt, sie teilhaben lassen an meinem Leben. Edzard Schaper hat 1960 eine Geschichte geschrieben mit dem Titel "Mantel der Barmherzigkeit". Der Mantel des Martin besteht nicht aus Euroscheinen, sondern aus Barmherzigkeit. Die kann ganz verschiedene Gesichter haben - auf jeden Fall aber die Zuwendung zum anderen. – Die zweite Überschrift wäre:

  

2. Ein Mann für die Stille

 

Die Martinsgeschichte könnte dazu verführen, den Sinn des Lebens allein in der Aktion zu sehen: im barmherzigen Handeln. Martin ist aber auch ein Mann der Stille und des Gebets. Wir dürfen nicht übersehen, dass er lange Zeit als Mönch lebte. Das mönchische Leben prägt seine Gestalt und sein Wirken. Auch als Bischof von Tours wird er die mönchische Lebensform nicht aufgeben. Martin hat sich viel Zeit für Kontemplation und Stille genommen, um mit Gott in Verbindung zu sein.


Das Erstaunliche: Obwohl er so zurückgezogen lebt, geht von ihm eine ungeheure Wirkkraft aus. Oder sagen wir besser: Gerade weil Martin sich Zeit für Stille nimmt, besitzt er eine große Strahlkraft. Sie ist so groß und überzeugend, dass die Menschen im fast hundert Kilometer entfernten Tours den zurückgezogenen Mönch zu ihrem Bischof haben möchten.

 

Auch hier wird wieder die biblische Geschichte fortgeschrieben: denn Jesus spricht von der Gottes- und Nächstenliebe. Beide müssen im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Der heilige Martin lädt uns ein zur Hinwendung zum Menschen und zur Stille, Gebet und bewusster Hinwendung zu Gott.

 

 

3. Das Entscheidende ist nicht das Halbe

 

Am bekanntesten ist die Erzählung vom halben Mantel. Vom Pferd herab, als Reiter, mag sich Martin groß vorgekommen sein, als er seinen Mantel teilte, den Bettler damit wärmte. Aber das, was er tut, ist letztlich doch nur etwas Halbes: Er gibt ein Stück Mantel her.

 

Gott nimmt diesen Gestus und stellt sich selbst im Traum, bekleidet mit der Mantelhälfte, vor Martin und macht ihm damit deutlich: Das Entscheidende ist nicht die soziale Tat; das Entscheidende ist nicht das Halbe, das Du gibst. Das Entscheidende ist, dass ich Dich ganz und gar, als Dein Schöpfer und Erlöser berufe und annehme.

 

Darin besteht der Unterschied zwischen einem gewohnheitsmäßigen Christentum und der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Gott selbst will unser ganzes Leben umwandeln.

Der Gottesdienst am Sonntag will nur Ausdruck und Erinnerung dafür sein, dass Gott unser ganzes Leben durchdringen kann.

 

Am Freitag hat Papst Franziskus in seiner Morgenpredigt vor den Christen gewarnt, "die nur an der Oberfläche Christen sind." Sie sind der Ausdruck "eines christlichen Mittelmaßes. Ihr Herz kühlt sich ab und wird lau." – Das Entscheidende ist nicht das Halbe, sondern das Ganze unserer Existenz.

 

Die Martinsgeschichte schreibt die biblische Geschichte fort. Unsere Lebensgeschichte müsste das auch tun. Am Ende wird sich erweisen, welche Überschriften sie hatte.

 

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