Heiligtumsfahrt Aachen, Predigt

28. Juni 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, vor dem Aufbruch zum Pilgertag des Stadtdekanates Bonn zur Heilitumgsfahrt in Aachen am 28. Juni 2014 im Bonner Münster

 

„Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde" - unter diesem Motto steht die Heiligtumswallfahrt, zu der wir nun aufbrechen. Das Wort ist entnommen dem Alten Testament. Es ist das erste Wort Gottes an einen Menschen, es ist das Wort Gottes an Abraham. Er glaubte der Verheißung seines Gottes und gehorchte seinem Ruf ins neue Land. Die Aufforderung an ihn: „Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde" steht in Verbindung mit der Zusage, Segen zu empfangen und Segen zu sein. Mit Nichts, außer dem Versprechen Gottes im Ohr und im Herzen, macht Abraham sich auf den Weg zu dem Land, das er nicht kennt, das aber Gott ihm zeigen will.

 

Auch wir machen uns heute auf den Weg - nicht so existentiell wie Abraham; mehr zeichenhaft. Für uns wird die Wallfahrt zu einem Zeichen, dass auch wir in unserem Leben immer wieder den Aufbruch wagen wollen. So singen wir es im Pilgerlied: „Den Aufbruch wagen, auf Gott vertrauen. Neue Wege gehn, auf sein Wort bauen." Es ist gut, dass wir nicht alleine sind auf dem Weg des Glaubens. Den Vorteil haben wir gegenüber Abraham: An unserer Seite ziehen unzählige Gläubige Gott entgegen.

Im Zentrum unserer Wallfahrt stehen in Aachen die vier Heiligtümer, die als Kleid Mariens, Windeln Jesu, Enthauptungstuch Johannes des Täufers und Lendentuch des Gekreuzigten verehrt werden. Eine historische Ortung der Textilien weist in die Ursprungszeit und den Ursprungsraum des Christentums, in den Umkreis des Palästina der beiden ersten christlichen Jahrhunderte. Mehr lässt nicht mehr erschließen. Muss auch nicht!

 

Es geht nicht darum, ob die Reliquien nun echt sind - es geht vielmehr darum, welches Geheimnis unseres Glaubens sie darstellen. Der frühere Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle hat es so gesagt: Wenn wir sie verehren gehen wir auf Tuchfühlung, mit dem immer neu auf uns zukommenden Christus.

 

Das Kleid, das Maria in der Heiligen Nacht getragen haben soll, ist ein Zeichen ihrer mütterlichen Liebe, mit der sie Jesus gestärkt und begleitet hat. Der Evangelist Lukas erwähnt gleich zwei Mal die Windeln Jesu, um zu betonen, dass Gott die konkrete Wirklichkeit, auch die Banalität menschlicher, ja kindlicher Existenz angenommen hat. Mag unser Leben auch noch so umnachtet sein, noch so aussichtslos und bedrückend scheinen, nie sind wir allein.

 

Johannes der Täufer steht als Vorläufer des Herrn an der Schwelle zwischen Verheißung und Erfüllung. Er geht in die Wüste, um die Menschen zur Umkehr aufzufordern und so ins Leben zurückzurufen. „Kehrt um! Macht Gott den Weg bereit!" Damit ist Johannes ein bleibender Mahner, der in die Wüste hineinruft, in die Leere und die Sinnlosigkeit, um dem Leben, das Gott schenkt, Raum zu geben. Johannes hat seinen kompromisslosen Einsatz für die Wahrheit mit dem Leben bezahlt, daran erinnert sein Enthauptungstuch. Aber gerade deshalb mahnt er uns auch heute noch, Gott mehr zu vertrauen als den Mächten dieser Welt.

 

Das Leben Jesu für uns Menschen hat seinen Höhepunkt erreicht, indem er auch die letzte Konsequenz der Menschwerdung auf sich genommen hat, den Tod. Das Lendentuch zeigt uns, wohin die Menschwerdung, wohin seine Liebe ihn gebracht hat. Seine weit ausgebreiteten, ja festgenagelten Arme sind für alle Zeiten offen für uns Menschen.

 

Was heute geschieht, kann man nicht verordnen - was heute geschieht, ist Geschenk. Jeder und jede ist eingeladen, nachzuspüren, wo die eigene Seele sich heute festmacht; was einen berührt und ergreift. Jeder und jede ist eingeladen, auf "Tuchfühlung" zu gehen.

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