Karfreitag, Gottesdienst, Predigt

30. März 2018; Reinhard Sentis (stadtdechant@katholisch-bonn.de)

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Karfreitag, 30. März 2018, in der Remigius-Kirche. Manuskript. - Es gilt das gesprochene Wort.

   

Eigentlich brauchen wir diese Passionsgeschichte nicht: Es reicht, ein paar Kilometer rheinaufwärts zu fahren und wir erleben wie ein unschuldiger Mensch brutal enthauptet wird. Es reicht, am Abend das Fernsehen einzuschalten und zu sehen, wie der Krieg immer noch in Syrien tobt und entsetzliches Leid über die Menschen bringt. Es reicht, das Smartphone zu zücken und in den sozialen Medien zu beobachten, wie Menschen gnadenlos auf ihre Fehler festgenagelt werden und andere zornerfüllt ihren Hass herausschreien ohne jede Achtung voreinander. Es reicht, in die eigene Umgebung, die eigene Familie, die Nachbarschaft zu blicken und auf Menschen zu treffen, deren Leid zum Himmel schreit.

 

Und doch haben wir heute die Passionsgeschichte gelesen. Wir haben den Dialog Jesu mit Pilatus gehört: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ Jesus hat nicht absichtlich das Leiden gewählt, sondern ist mit seiner ganzen Existenz zur Wahrheit seines Wesens gestanden und dies nicht nur in der Verborgenheit Galiläas, sondern in der Öffentlichkeit Jerusalems.

 

Diese Wahrheit besteht aus nur drei Worten: „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4, 8). So absurd es klingt: Diese Wahrheit hat ihn ans Kreuz gebracht. Auf Golgatha kann diese Wahrheit angeschaut werden. Ein Gott, der nicht nur Mensch wird mit allen Bedürfnissen des Menschen, der nicht nur leidet, um den Menschen zu retten, indem er die ganze Tragödie der Menschheit auf sich nimmt, sondern der für den Menschen stirbt.

 

Aber das Kreuz ist nicht Endstation, sondern ich sehe durch das Kreuz hindurch auf die Anhäufung von Schmerz und Übeln, die auf der Menschheit aller Zeiten lastet: Das erdrückende Gewicht unseres Sterbens, den Hass und die Gewalt, die noch heute die Erde mit Blut beflecken.

 

Als die Christen im 4. Jahrhundert die Grabeskirche in Jerusalem erbauten, haben sie darin das Grab Jesu und auch den Golgatha-Felsen „eingemauert“. Aber Golgatha lässt sich nicht einmauern, Golgatha ist keine Vergangenheit, sondern blutige Gegenwart. Das Leiden des Herrn setzt sich im Leiden der Menschen fort. Blaise Pascal hat es schon im 17. Jahrhundert treffend geschrieben: „Jesus wird bis zum Ende der Welt im Todeskampf liegen; während dieser Zeit darf man nicht schlafen“.

 

Das Kreuz ist nicht Endstation. Es ist vielmehr der Anfang eines Weges zu den leidenden Menschen unserer Tage. „Vertraut den neuen Wegen“ – Das ist seit Golgatha der neue Weg: dass wir nicht weglaufen vor dem Leid, dass wir es aushalten, dass wir trösten, mitleiden, solidarisch sind, dass wir die Kreuze der anderen mittragen.

 

Sie haben am Beginn des Gottesdienstes einen Stein erhalten. Straßen bestehen aus vielen Steinen, über die man gehen kann. Ich lade Sie ein, Ihren Stein gleich hier vor dem Kreuz niederzulegen, damit daraus ein Weg wird, der uns zu den leidenden Menschen führt. Jeder und jede von uns ist ein Stein auf diesem Weg.

 

Und wenn Sie selbst von Leid niedergedrückt sind, dann legen Sie den Stein vor das Kreuz mit der Bitte, dass es Menschen gibt, die über diese Straße zu Ihnen kommen, um Ihnen beizustehen, ihr Kreuz mitzutrage und Sie zu trösten.

  

Links:

Zurück