Karfreitag, Predigt - "Im Leid achtsam bleiben für Gott"

3. April 2015; Wilfried Schumacher

Das dunkle Fastentuch im Westen der Basilika

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Im osten hing das hellere Fastentuch Jesus ahnte es: Petrus hat ihn drei mal verleugnet. Bronzefigur im Bonner Münster Jesus nimmt das schwere Kreuz und damit auch unser Leid auf sich. Fenster im Bonner Münster Mit ihm ist auch unsere Endlichkeit ein für alle mal gestroben am Kreuz. Fenster im Bonner Münster

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Karfreitag, 3. April 2015, im Bonner Münster

 

Wir sind oft Meister im Verdrängen. Wir können Gefühle in die hintersten Ecke verbannen, ohne sie auch nur ansatzweise an uns heranzulassen. Wir können uns für alles entschuldigen und uns wortreich aus der Verantwortung stehlen. Wir ertränken unsere Sehnsüchte in der Tiefe unserer Seele, bevor sie zum Zuge kommen. Wir wollen nicht ins Dunkle schauen und suchen selbst im schwärzesten Schwarz noch den hellen Fleck, um alles andere auszublenden.

 

Die Passionsgeschichte ist der Gegensatz zu diesem Bemühen, Unangenehmes zu verdrängen, Unliebsames nicht anzuschauen, Schuld zu verharmlosen. Sie spricht vom Verrat des Freundes, von der Verleugnung des Petrus. Sie erzählt von der Verlogenheit und Angst der Religionsführer und von der Feigheit des mächtigen Statthalters. Wir erfahren von der Angst Jesu, von seiner Demütigung, von den Schmerzen, die man ihm zufügt.

 

Der Hebräerbrief fasst es zusammen und schreibt: „Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte.“ (2. Lesung) Das Matthäus-Evangelium berichtet von seinem klagenden Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast mich verlassen“.

 

In diesem Schrei wird das Leiden vieler Menschen hörbar, die Gott anklagen und das Leben einklagen. Da fallen mir die Menschen ein, die seit der letzten Woche die Nachricht verkraften müssen, dass ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Angehörigen beim Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind.

 

Aber ich denke auch an alle die anderen, die mit einer Todesnachricht klar kommen müssen. Ich denke an die Menschen, die eine schlechte Diagnose bekommen und deren Leben nur noch mit Schmerzen verbunden ist. Ich denke an das Leid, das in unterschiedlicher Weise und Härte die Menschen trifft.

 

Viele bringen diese Erfahrung nicht mehr überein mit dem, was sie von Gott gelernt oder wie sie ihn früher erfahren haben. Die Not, die sie erleben, wird für diese Menschen zu einer Krise ihrer Gottesbeziehung – und das sagen sie deutlich – so wie Jesus in seinem Schrei „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Psalm 22,2)

 

Die ganze Fastenzeit über hing uns das dunkle Fastentuch im Nacken. Auch wenn uns das helle Tuch vorne mehr anzog. Spätestens beim Verlassen des Münsters begleitete uns das schwarze Tuch hinaus in den Alltag voller „Mühsal und Beschwer.“ (Psalm 90,10) Heute ist das Fastentuch im Westen für mich eine Illustration der Tränen vieler, heute wird für mich in ihm der Schrei der Leidenden sichtbar.

 

Von Jesus sagt der Hebräerbrief „er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“. Das ist der Grund weshalb wir heute hier sind. Das ist keine Trauerfeier für einen Verstorbenen. Das ist das Gedächtnis an das Leiden Jesu, der in seinem Leben und in seinem Tod das ganze Drama des menschlichen Lebens erlebt hat. Er ist erhört worden, nicht nur indem er die Kraft erhielt, diesen Leidensweg zu gehen. Er ist erhöht worden, das meint in einem tieferen Sinne: »Er ist vom Tod erlöst worden«, doch nicht für den Augenblick, für jenen Augenblick, sondern für immer, in der Auferstehung. Nur mit österlichen Augen können wir dies erkennen.

 

Der Hebräerbrief gibt auch eine Begründung: Je nach Übersetzung lesen wir da. „Er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt“ (Luther-Bibel, 1984) oder „seiner Ehrfrucht wegen.“ (F. Stier) Ich fand eine Formulierung, die mich seitdem nicht mehr loslässt: „Er wurde erhört, weil er achtsam blieb für Gott“.

 

Was heißt das? Jesu Leiden, seine Verzweiflung, sein Schreien und seine Tränen haben ihn nicht von Gott getrennt. Es gibt viele Todesmomente im Leben: wenn wir einen Menschen verlieren, wenn die Liebe zerstört wird, immer dann wenn wir unsere Endlichkeit erfahren. In diesen Momenten achtsam bleiben für Gott – und sei es nur in dem verzweifelten Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du für mich verlassen?“ Wo nach menschlichem Ermessen nichts als Scheitern und Sterben zu sehen ist, den Ort zu erkennen, an dem Gott dem Menschen besonders nahe kommt.

 

Das wünsche ich mir, das wünsche ich Ihnen, das wünsche ich allen Menschen, die das Leid aus der Bahn ihres Lebens wirft.

 

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