Karfreitag, Predigt des Stadtdechanten

25. März 2016; Wilfried Schumacher

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Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, am Karfreitag, 25. März 2016, im Bonner Münster

 

 

Das Kreuz aushalten

 

Das ist die Welt! Sie hängt am Kreuz. Auf dem Flughafen von Brüssel. An den Grenzzäunen von Idomeini. Auf den Krebsstationen der Kliniken. An den Särgen toter Kinder. In den durchweinten Nächten. Das ist die Welt! - Nicht der Bachelor mit seinen roten Rosen, nicht DSDS, nicht das Traumschiff, nicht die Glitzerwelt der Stars und Sternchen, nicht die Einkaufsparadiese, nicht das berauschende Vergnügen. – Das ist die Welt! Sie hängt am Kreuz immer noch.

 

Wehe uns, wenn wir uns flüchten in schnelle Erklärungsversuche. Der Kreuzestod bleibt eine grausame Hinrichtung. Es bleibt ein Ärgernis und eine Torheit. Und wer darin vorschnell „Gottes Kraft und Weisheit“ sieht, stolpert schnell über das nächste ihm unverständige Kreuz.

 

Es gilt heute, das Kreuz auszuhalten! Ich will es nicht weg-glauben! – Ich will mich ihm stellen. Dieser Geschichte von dem Einen, der diesen Weg mit dem Kreuz und ans Kreuz gegangen ist. Der dabei nicht irregeworden ist an seinem Gott. Er hat die Hoffnung nicht aufgegeben.

 

Aus dem Warschauer Ghetto ist ein Gebet überliefert, das auch am Kreuz auf Golgotha gesprochen sein könnte: Du aber hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube. Solltest du meinen, es wird dir gelingen, mich von meinem Weg dir nach abzubringen, so sage ich dir, mein Gott und Gott meiner Väter. Es wird dir nicht gelingen. Du kannst mich schlagen, mir das Beste und Teuerste nehmen, das ich auf der Welt habe. Du kannst mich zu Tode peinigen – ich werde doch immer an dich glauben. Ich werde dich immer lieb haben – dir selbst zum Trotz! Und das sind meine letzten Worte an dich, mein zorniger Gott: Es wird dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an dir verzweifle! Ich aber sterbe, genau wie ich gelebt habe: Im felsenfesten Glauben an dich! Gelobt seist Du in alle Ewigkeit!

 

Wer so glaubt, wer so lebt, wer so stirbt, der erfährt die Solidarität Gottes, der durchhält bis zum bitteren Ende, bis zum schmählichsten Tod am Galgen. Ein solcher Gott ist für den Glaubenden eine Zumutung und ein Trost zugleich.  Angesichts der Kreuze, die nach wie vor in der Welt aufgerichtet werden, habe ich zwei Möglichkeiten: ich kann - empört über diesen Gott – ihm abschwören oder ich gebe die Hoffnung nicht auf und sei es nur aus Trotz.

 

Ich kann mich abwenden vom Kreuz und mich flüchten in eine Welt ohne Kreuze – ich werde sie nicht finden! Das ist die Tragik im Leben vieler Zeitgenossen. Oder ich kann ausharren beim Kreuz. Ich kann den Schrei Jesu hören, den uns der Evangelist Matthäus überliefert hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ und kann in diesen Schrei einstimmen. Ich kann erkennen, wie Jesus sich geliebt weiß von diesem anscheinend abwesenden Gott. Und ich kann mich tastend diesem Geheimnis nähern, dass auch ich in meinem dem-Tod-geweiht-sein und meiner Schuld von dieser Liebe umfangen bin!

 

Beim Betreten der Kirche haben Sie mit dem Liedblatt einen schwarzen Stein erhalten. Dieser Stein mag für sie ein Symbol sein: Die einen erkennen darin ihre Sünde und ihre Schuld. Andere sehen darin ein Zeichen für die Nächte, die sie durchweint haben. Wieder andere spüren wie der Stein ihre eigene Gottverlassenheit widerspiegelt, ihren Schrei „Wo bist Du Gott?“ „Wo warst Du Gott?“ – Vielleicht symbolisiert er auch Ihre Wut, Ihre Verzweiflung, Ihre Angst angesichts des Bösen in der Welt. Oder er steht für Ihre Trauer über den Verlust eines Menschen, über das Zerbrechen eines Lebensentwurfs?

 

Die ganze Fastenzeit über hat uns das Fastentuch begleitet. Das Gold der Barmherzigkeit leuchtete stärker als das Schwarz und Grau des Bösen, der Schuld, der Enttäuschung und Verzweiflung. Jetzt haben wir hier vorne das Kreuz aufgestellt, mitten hinein in das Graue und Schwarze – als Grund für das Gold. Weil wir glauben, was Papst Franziskus so sagt: „Am Kreuz sehen wir das Ungeheuerliche des Menschen, wenn er sich vom Bösen leiten lässt; doch wir sehen auch die Unermesslichkeit der Barmherzigkeit Gottes, der nicht unseren Sünden entsprechend handelt, sondern gemäß seiner Barmherzigkeit.“

 

Sie werden gleich eingeladen, bei der Kreuzverehrung Ihren Stein hier auf das graue und schwarze Tuch zu legen – nicht um sich dessen einfach zu entledigen. Sondern so wie Sie es verstehen: als Bitte um Vergebung, als Ihren Schrei, als Ihre Anklage, oder was auch immer Sie damit verbinden. Alles hat unter dem Kreuz und vor dem Kreuz seinen Platz. Halten wir es aus!

 

 

Gebet vor dem Kreuz

 

»Wenn Du nicht wärst, mein Christus, würde ich mich als endliches Geschöpf fühlen. Ich bin geboren worden und ich spüre, wie ich vergehe. Ich esse, ich schlafe, ich ruhe mich aus und gehe, ich werde krank und genese.

 

Zahllose Verlangen und Qualen ergreifen mich, ich genieße die Sonne und was die Erde an Frucht hervorbringt. Dann sterbe ich und das Fleisch wird zu Staub wie das der Tiere, die nicht gesündigt haben. Doch ich, was habe ich mehr als sie? Nichts, wenn nicht Gott. Wenn du nicht wärest, mein Christus, würde ich mich als endliches Geschöpf fühlen. O unser Jesus, führe uns vom Kreuz hin zur Auferstehung und lehre uns, dass nicht das Böse das letzte Wort haben wird, sondern die Liebe, die Barmherzigkeit, die Vergebung.

 

O Christus, helfe uns, erneut auszurufen: „Gestern wurde ich mit Christus gekreuzigt, heute werde ich mit ihm verherrlicht. Gestern wurde ich mit ihm getötet, heute werde ich mit ihm zum Leben gerufen. Gestern wurde ich mit ihm begraben, heute werde ich mit ihm auferweckt.“ (Gregor von Nazianz)

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