Karfreitag, Predigt des Stadtdechanten

18. April 2014; Wilfried Schumacher

Predigt des Stadtdechanten von Bonn, Msgr. Wilfried Schumacher, im Gottesdienst am Karfreitag, 18. April 2014, 15.00 Uhr im Bonner Münster

Gelesene Texte aus der Bibel im Gottesdienst: Jes 52, 13 - 53, 12, Hebr 4, 14-16; 5, 7-9, Joh 18,1-19,42

 

"Meine" Kreuzverehrung

Im Laufe des Kirchenjahres gibt es viele Prozessionen, an denen wir teilnehmen können. Wege, die wir vor allen Dingen gemeinsam machen. Auch der Weg zum Kommunionempfang in der Liturgie ist letztlich ein Gang zu einem gemeinsamen Mahl.
Ganz anders dagegen der Weg zur Kreuzverehrung, zu dem wir Sie gleich eingeladen. Es ist eine Strecke, die wir -wenn auch nebeneinander - doch alleine zurücklegen müssen. Alleine stehen wir dann vor dem Kreuz - dem Gekreuzigten gegenüber. Das ist kein Weg den andere für einen gehen können. Hier ist jeder und jede selbst gefragt.

Wir stehen vor dem Gekreuzigten, von dem wir glauben, er ist Gottes Sohn. In ihm begegnet uns Gott im Leid. Im Tod am Kreuz kommt er uns nahe im menschlichsten der menschlichen Augenblicke. Er thront nicht in der Ferne der Himmel, sondern wohnt mitten in unserem Leben. Der mächtige Gott offenbart sich in der Schwäche.
Genau besehen ist dies die Revolution menschlichen Denkens. Was nämlich in unserem Denken "Schwäche und Torheit" ist, das ist – so der Apostel Paulus – im Denken Gottes "Kraft und Weisheit". (1.Korintherbrief 1,27f.)

Deshalb ist die Kreuzverehrung ein ganz persönliches Glaubensbekenntnis. Ich stehe vor dem Kreuz und bekenne: "Du da, mein Gott!"

Jetzt kommt der Stein ins Spiel, den Sie beim Eintritt in die Kirche erhalten haben. Er soll Ihnen helfen, diesen Weg zum Kreuz ganz persönlich werden zu lassen.
Ein Stein kann vieles symbolisieren: Es kann ein Stein sein, der im Weg liegt. Im Weg zum anderen Menschen, im Weg zu Gott. Ein Stein, den ich selbst in den Weg gelegt habe, ein Stein, mit dem andere mich behindern.

Es kann ein Stein sein, der mir auf dem Herzen liegt, eine Last, die ich mit mir herumschleppe, die mich daran hindert, unbeschwert voranzukommen. Er kann eine Sorge, eine Not, eine Angst anzeigen, die mich belastet.

Der Stein kann mich an eine Verletzung erinnern, eine Wunde der Seele, die mir jemand zugefügt oder die ich geschlagen haben. Solche Kränkungen hinterlassen mehr Spuren als wir oft denken. Nicht selten sind wir Meister darin, sie zu verbergen.

Der Stein kann eine Grenze darstellen, an der ich mich immer wieder stoße. Grenzen, die ich aufgrund meiner persönlichen Konstitution, meines Alters, meiner Krankheit erfahre, Grenzen, die mir andere aufzeigen. Grenzen, vor denen ich Angst habe, die ich nicht wahrhaben will.

Der Stein kann auch Teil einer Mauer sein, die ich errichtet habe, die mich für andere unerreichbar macht - oder die andere gebaut haben und mir den Weg versperren.

Vielleicht spricht der Stein aber auch von meiner Schuld, die größer ist als der kleine Stein in meiner Hand. Schuld, die ich schon lange mit mir herumtrage, die mich bedrückt.

Schließlich gibt es auch noch die Steine, die wir nach anderen werfen oder Steine, die uns selbst treffen.
Manchmal sind wir selbst auch wie Steine, kalt, hart, scharf. Unser Herz ist aus Stein, um ein biblisches Bild aufzugreifen.

Vielleicht geben Sie Ihrem Stein aber auch eine ganz andere Deutung.

Wenn Sie gleich zur Kreuzverehrung nach vorne kommen, lade ich Sie ein, Ihren Stein hier vorne abzulegen. Was immer Sie auch damit verbinden; das ist Ihr Persönlichstes, das nur Sie und den Gekreuzigten etwas angeht.

Tun Sie es in dem Bewusstsein, dass das Kreuz nicht nur das Zeichen des Leidens ist, sondern auch das Zeichen des Sieges über den Tod. Es ist wie wir es Anfang der Fastenzeit mit unserem Programm "Vitalis plus" gesagt haben: das Pluszeichen über der Welt. Papst Franziskus sagt: „Die Geschichte des Menschen und die Geschichte Gottes werden am Kreuz miteinander verwoben. (14.09.2013) - Das Kreuz Jesu ist das Wort, mit dem Gott auf das Böse der Welt geantwortet hat. [...] ein Wort, das Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung ist“. (Karfreitag 2013)

 

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